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Panorama

Grand-Prix in Moskau

Wirbel um verbotene Schwulen-Demos

In Moskau herrscht in diesen Tagen besonders striktes Verbot für Homosexuellen-Demonstrationen: Anlässlich des Grand-Prix-Finales rechnet die russische Polizei mit Gewalt gegen Schwule und Lesben - in einem Land, in dem das Zurschaustellen von Homosexualität als verwerflich gilt.

Freitag, 15.05.2009   15:29 Uhr

Moskau - Das Grand-Prix-Finale sorgt für Unmut in Moskau: Die Polizei verwies am Freitag auf das geltende Verbot für Homosexuellen-Demonstrationen - aus Sorge vor Gewalt gegen Schwule und Lesben bei deren traditionellen Feiern zum Eurovision Song Contest (ESC).

"Wir werden so vorgehen wie bei jeder anderen nicht erlaubten Veranstaltung", kündigte ein Polizeisprecher in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax an. Dabei werde man sich "streng an die Gesetze" halten. Bei früheren Kundgebungen von Schwulen und Lesben in Moskau kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei sowie Rechtsextremen und religiösen Fanatikern.

Ungeachtet des Verbots hat Russlands Schwulen- und Lesbenverband für den Tag des Finales eine Demonstration angekündigt, um auf die Einhaltung der Menschenrechte für Homosexuelle zu pochen. Doch auch die Moskauer Stadtverwaltung zeigt sich als Gastgeber des Grand Prix bei dessen Traditionen unnachgiebig. "Schwulenparaden hat es in der Vergangenheit in Moskau nicht gegeben und wird es auch in der Zukunft nicht geben", teilte ein Sprecher von Bürgermeister Juri Luschkow mit.

Ein Teil der zu Tausenden nach Moskau gereisten ESC-Fans will am Samstagnachmittag dennoch vor dem Finale an einer schwul-lesbischen Veranstaltung im Moskauer Zentrum teilnehmen. Moskauer Medien warnen deshalb sogar vor einer Verschwörung von Schwulen und Lesben. Auch die möglichen Versammlungsorte der im russischen Sprachgebrauch "sexuellen Minderheiten" sorgen im Vorfeld für Aufregung. Ein Treffen am Puschkin-Platz ziehe das Andenken des bedeutendsten russischen Dichters Alexander Puschkin (1799-1837) in den Schmutz.

Auch der alternative Sammelpunkt im Alexandergarten an der Kremlmauer dient den Medien als Aufreger. "Da steht doch die Ehrengarde am Ewigen Feuer", entrüstete sich das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" mit Hinweis auf die Gedenkstätte für den Zweiten Weltkrieg.

In der russischen Gesellschaft wird das Zurschaustellen von Homosexualität als unmoralisch und verwerflich verurteilt. Auch innerhalb der Schwulen- und Lesbenszene des Landes besteht wenig Bereitschaft zum öffentlichen Auftritt. Viele ausländische Fans sagten, sie fühlten sich eingeschüchtert und hätten Angst vor Gewalt.

Die 20.000 zum ESC abkommandierten Polizisten behielten bislang alles unter Kontrolle. Russland hatte angekündigt, für rund 30 Millionen Euro den aufwendigsten Grand Prix der mehr als 50-jährigen Geschichte des Musikwettbewerbs zu inszenieren.

jjc/dpa

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