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Panorama

Debatte über Straßennamen in Hilgermissen

"Der Riss geht durch die Dorfgemeinschaft"

Im niedersächsischen Hilgermissen gibt es keine Straßennamen. Ein Teil der Bewohner findet das genau richtig so, ein anderer will es ändern. Nun wird zum wiederholten Male abgestimmt. Ein Anruf beim Gemeindedirektor.

DPA
Von
Dienstag, 29.01.2019   15:40 Uhr

Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Ortsname - so sieht eine klassische Adresse aus. Nicht so im niedersächsischen Hilgermissen. In den acht Ortsteilen der Gemeinde sind die Häuser - nach einem willkürlich scheinenden System - durchnummeriert, offizielle Straßennamen gibt es nicht. Seit Jahren wird diskutiert, ob man das ändern soll, Befürworter und Gegner können sich nicht einigen.

2013 stimmten die Bürger der 2190-Einwohner-Gemeinde gegen die Einführung von Straßennamen. Doch dabei blieb es nicht: Nachdem ein Arbeitskreis zur Dorferneuerung gefordert hatte, die Auffindbarkeit zu verbessern, wurde ein Institut der Universität Osnabrück damit beauftragt, geeignete Maßnahmen zu entwickeln - unter anderem schlug es vor, Straßennamen einzuführen. Im Sommer 2018 entschied sich der Gemeinderat knapp dafür.

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Hilgermissen: Where the Streets Have No Name

Doch auch damit wollten sich einige Anwohner nicht abfinden und initiierten einen Bürgerentscheid. Am Sonntag, 3. Februar, wird nun erneut abgestimmt. Wilfried Imgarten ist ehrenamtlicher Gemeindedirektor. Der 57-Jährige hofft, dass die Abstimmung die Streitigkeiten zu einem Ende bringt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Imgarten, wie sehr belastet die Debatte über Straßennamen den Dorffrieden?

Imgarten: In letzter Zeit spitzt sich die Diskussion zu, und das wird allgemein als sehr belastend empfunden. Die Argumente sind ausgetauscht, und trotzdem sind immer noch einige für Straßennamen und andere dagegen. Der Riss geht durch die Dorfgemeinschaft und auch durch Familien. Es wird intensiv diskutiert - manchmal wird es auch persönlich. Um des lieben Friedens willen wäre es gut, wenn es dann entschieden und das Ergebnis auch von allen akzeptiert wird. Unabhängig davon bindet diese Entscheidung die Gemeinde für zwei Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Welche Argumente bringen die Gegner der Straßennamen vor?

Imgarten: Sie wollen an ihren alten Ortsteilbezeichnungen festhalten. Die bestehen schon seit über 150 Jahren. Man hat sich an Hausnummer und Ortsteilnamen gewöhnt und möchte das nicht hergeben. Außerdem sagen sie, es sei unnötig, etwas zu ändern. Der Aufwand sei zu groß, insbesondere die Kosten für neue Schilder.

SPIEGEL ONLINE: Und was spricht in den Augen der Befürworter für Straßennamen?

Imgarten: Die bessere Auffindbarkeit. Paketdienste, Spediteure und gerade auch Gäste, die eine Ferienunterkunft ansteuern, hätten es leichter, wenn sie sich an Straßennamen orientieren könnten. Es kommt vor, dass der Paketbote fragen muss, wo ein bestimmtes Haus liegt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es schon einmal größere Probleme wegen der fehlenden Straßennamen? Zum Beispiel werden von Befürwortern die Rettungsdienste genannt.

Imgarten: Die werden gern angeführt. Uns gegenüber sagt der Rettungsdienst, es wäre schön, wenn Straßennamen da sind, aber er findet auch jede Adresse ohne diese Änderung.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie, wie wird die Abstimmung ausgehen?

Imgarten: Das kann ich nicht sagen. Letztes Mal waren es 60 zu 40 Prozent gegen Straßennamen. Im Moment wird noch intensiv diskutiert, argumentiert, im Internet werden Videos veröffentlicht - schwer einzuschätzen, was das dann noch bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie persönlich? Sind Sie für oder gegen Straßennamen?

Imgarten: Ich möchte neutral bleiben. Wir als Verwaltung werden die Beschlüsse umsetzen, aber Einfluss auf die Meinungsbildung möchte ich nicht nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es schon Ideen, wie die Straßen heißen sollen?

Imgarten: Einige Straßen haben örtlich schon Namen bekommen. Jeder weiß, welche Straße gemeint ist, wenn man "Bäckerweg" sagt. Diese gewachsenen Straßennamen würden wahrscheinlich auch in der Praxis umgesetzt werden. Im Übrigen würden wir gern die Ortsteilnamen in die Straßen einbauen. Beispielsweise könnte die Straße, die durch Wechold geht, Wecholder Ortsstraße heißen.

SPIEGEL ONLINE: Was kosten die Streitigkeiten um die Straßennamen Ihre Gemeinde?

Imgarten: Die Durchführung des Bürgerbegehrens wird voraussichtlich Kosten von ungefähr 5000 Euro verursachen. Die Bürgerbefragung von 2013 hat etwas weniger gekostet. Die immateriellen Kosten, den ganzen Streit, betrachte ich aber als viel gravierender.

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