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Panorama

Streit über Gedenkstein

Familie von NS-Kriegsverbrecher darf Scheingrab behalten

Das leere Grab für Nazi-General Alfred Jodl löst in Bayern Empörung aus: Erst wurde ein Künstler wegen einer Protestaktion verurteilt, nun hat sich ein Nachfahre Jodls vor Gericht durchgesetzt.

Angelika Warmuth/DPA

Grab von Generaloberst Jodl auf der Fraueninsel im Chiemsee (Archivbild)

Montag, 08.04.2019   16:19 Uhr

Fast 73 Jahre ist es her, dass der Wehrmachtsgeneral Alfred Jodl als verurteilter Hauptkriegsverbrecher hingerichtet wurde. Der Umgang mit dem Andenken an den überzeugten Nationalsozialisten erhitzt allerdings noch immer die Gemüter im bayerischen Chiemgau - denn dort erinnert bis heute ein Grabstein an Jodl.

Beigesetzt sind auf dem Friedhof auf der Fraueninsel im Chiemsee allerdings nur Jodls Ehefrauen. Die Asche des Kriegsverbrechers, der in den Nürnberger Prozessen zum Tod durch den Strang verurteilt worden war, verstreuten alliierte Soldaten in einem Seitenarm der Isar. Denn ein Grab, so die Befürchtung, hätte eine Pilgerstätte für Rechtsextreme schaffen können.

Dennoch erinnert seit Jahrzehnten ein Scheingrab an Jodl, in Form eines Eisernen Kreuzes und mit Nennung seines militärischen Rangs. Das erregt seit Langem Empörung und löste mehrere Rechtsstreitigkeiten aus. In einem aktuellen Fall hat das Verwaltungsgericht München nun zugunsten des Großneffen Jodls entschieden, dass der umstrittene Grabstein weitere 20 Jahre stehen bleiben darf.

Der Grabstein war zum Politikum geworden, nachdem in den vergangenen Jahren Protestaktionen eines Künstlers Aufsehen erregt hatten. Wolfram Kastner klebte ein Schild an das Steinkreuz ("Keine Ehre dem Kriegsverbrecher"), brach den Buchstaben J aus Jodls Namen heraus ("Odl" ist ein Dialektausdruck für Gülle) und bemalte das Grab mit roter Farbe. Ende 2018 verurteilte ihn ein Gericht dazu, die Reinigungskosten über rund 4000 Euro zu übernehmen.

Matthias Balk/DPA

Aktionskünstler Kastner mit einem Foto des rot angemalten Scheingrabs Jodls (Archivbild)

Kastner bezeichnete das Grab als "unerträglichen Missstand" und fragwürdiges "Ehrenmal" - nur wenige Meter von der berühmten Herreninsel entfernt, wo 1948 das Grundgesetz auf den Weg gebracht wurde. "Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden", sagte er im Dezember dem SPIEGEL (mehr über den Fall erfahren Sie hier).

In der Tat hatte Jodl erheblichen Anteil an Gräueln während der NS-Diktatur: Im Zweiten Weltkrieg war er Chef des Wehrmachtführungsstabs im Oberkommando der Wehrmacht. Als einer der engsten Berater Adolf Hitlers in Fragen der Gesamtkriegsführung trug er somit eine Mitverantwortung für den Vernichtungskrieg in Osteuropa und den sogenannten Kommissarbefehl, wonach gefangene Kommissare der Roten Armee zu erschießen waren. Auch an den Deportationen der europäischen Juden war Jodl beteiligt.

AP

Alfred Jodl (während der Nürnberger Prozesse im November 1945)

Die strittige Grabinschrift auf der Fraueninsel wird derzeit von einer hochgewachsenen Thuje bedeckt. Im vergangenen Herbst hatte es nach einer gütlichen Einigung mittels eines Vergleichs ausgesehen, den das Gericht vorgeschlagen hatte: Demzufolge hätte Jodls Großneffe den Namen und die Lebensdaten des Kriegsverbrechers mit einer Platte dauerhaft überdeckt und auf weitere Beisetzungen von Familienangehörigen dort verzichtet.

Die Gemeinde sollte im Gegenzug das Grabnutzungsrecht für zehn Jahre verlängern - mit einer Option auf weitere zehn Jahre, sollte auf dem Friedhof bis dahin kein Platzmangel herrschen. Die Gemeinde widerrief diesen Vergleich jedoch vor wenigen Monaten: Sie bestand auf der vollständigen Entfernung des Grabes, unter anderem unter Verweis auf Platzmangel auf dem Friedhof.

Dazu kommt es nach dem jetzigen Urteil des Verwaltungsgerichts, Aktenzeichen M 12 K 18.1936, aber wohl nicht. Bei dem Grabmal handle es sich "nicht um ein Denkmal, sondern um ein Familiengrab mit einem gewöhnlichen Grabstein, wie er auf zahlreichen Friedhöfen zu finden ist", entschieden die Richter. Von Platzmangel auf dem Inselfriedhof könne keine Rede sein, das habe ein Ortstermin gezeigt.

Andreas Gebert/REUTERS

Fraueninsel im Chiemsee (Blick vom Ufer in Seebruck)

Auch die Gefahr, dass am Jodl-Grab künftig weitere Protestaktionen oder Neonazi-Aufmärsche zu erwarten seien, verneint das Gericht: "Störungen durch Herrn Kastner hätte die Beklagte bereits in der Vergangenheit durch Erlass eines Hausverbots entgegenwirken können." Rechtsgerichtete Aktionen hätte es bislang nicht am Grab gegeben, abgesehen von "einer einmaligen Aktion von fünf NPD-Anhängern". Insgesamt, so das Gericht, gebe es "mildere Mittel zur Unterbindung derartiger Störungen".

Ob der Streit nun beendet ist, entscheidet sich der Münchner "Abendzeitung" zufolge bei der nächsten Gemeinderatssitzung: Dann müsse entschieden werden, ob es vor Gericht in die nächste Instanz gehe. Aktionskünstler Kastner forderte das Gremium dazu laut Bayerischem Rundfunk mit Nachdruck auf: "damit der braune Mist endlich verschwindet."


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Jodl habe als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht den "Kommissarbefehl" selbst unterzeichnet. Das ist so nicht korrekt, wir haben die Passage über seine Rolle in der NS-Diktatur präzisiert.

mxw

insgesamt 68 Beiträge
redfish 08.04.2019
1. Wolfram Kastner...
... ist kein "Künstler", sondern einfach nur ein Grabschänder. So etwas macht man nicht, und zwar ganz egal, um wessen Grab es sich handelt. Im übrigen wüsste ich gerne, was Herr Kastner und auch SPON dazu sagen [...]
... ist kein "Künstler", sondern einfach nur ein Grabschänder. So etwas macht man nicht, und zwar ganz egal, um wessen Grab es sich handelt. Im übrigen wüsste ich gerne, was Herr Kastner und auch SPON dazu sagen würden, wenn ich zum Beispiel das Grab eines gewissen Herrn Andreas Baader schänden würde - da wäre das Geschrei und die Empörung groß, nicht wahr?
chiemseecorsar 08.04.2019
2. Ein Grab ...
... hält immer ein Gedenken aufrecht. Es wäre schon lange von Gemeindeseite fällig, eine Gedenktafel für die Opfer von Jodl aufzustellen, auf die Gräueltaten zu verweisen und auch auf Jodls Verurteilung, Hinrichtung und die [...]
... hält immer ein Gedenken aufrecht. Es wäre schon lange von Gemeindeseite fällig, eine Gedenktafel für die Opfer von Jodl aufzustellen, auf die Gräueltaten zu verweisen und auch auf Jodls Verurteilung, Hinrichtung und die Leere des Grabes. Aber nichts davon all die Jahre. Man lamentiert und diskutiert und überläßt es den Gerichten. Dies ist der eigentlich unfassbare Vorgang. Dieses Wegducken. Der Herrgott und die Hl. Irmingard bewahre uns vor Nazi-Aufmärschen auf der Insel und auch vor selten dämlichen "Kunst"-Aktionen, die Verbrecher hin oder her, auch die Totenruhe des gesamten Herrgottsakers nachhaltig stören. Schämen sollten sie sich alle zusammen, Gemeinderat, Kastner und Jodl-Erben, die offensichtlich unbelehrbar gestrig sind. OneWorld.NoBorder.
Normaler Wutbürger 08.04.2019
3. Meine Güte
Das ist ein normaler Grabstein auf einem normalen Familiengrab. Wer interpretiert da bitte eine besondere Ehrung eines Kriegsverbrechers mit rein ? Mörder, Kinderschänder etc. bekommen doch auch ein Grabdenkmal (wenn die [...]
Das ist ein normaler Grabstein auf einem normalen Familiengrab. Wer interpretiert da bitte eine besondere Ehrung eines Kriegsverbrechers mit rein ? Mörder, Kinderschänder etc. bekommen doch auch ein Grabdenkmal (wenn die Familie das will) ohne das irgendein angeblicher "Künstler" meint diese Gräber dann schänden zu müssen. Es ist immer das gleiche. Egal ob es um Namen auf dem Friedhof, oder Kirchenglocken mit Hakenkreuz, oder Kasernennamen geht. Es interessiert (zurecht) im Normalfall niemanden. Erst wenn irgendein neunmalkluger Gutmensch Panikalarm schlägt, und ein eifriger Journalist eine Story draus machen will, dann heisst es auf einem "Ja wie könnt ihr oder wie konnten wir nur ..." Lächerlich.
pirx64 08.04.2019
4.
Da Jodl dort nicht begraben ist (Scheingrab), sondern nur dessen Ehefrauen (deren Gräber nicht geschändet wurden) ist ein Vergleich mit Baader da, was man hinkt nennt. Grabschänder kann also nicht sein. In meinen Augen [...]
Zitat von redfish... ist kein "Künstler", sondern einfach nur ein Grabschänder. So etwas macht man nicht, und zwar ganz egal, um wessen Grab es sich handelt. Im übrigen wüsste ich gerne, was Herr Kastner und auch SPON dazu sagen würden, wenn ich zum Beispiel das Grab eines gewissen Herrn Andreas Baader schänden würde - da wäre das Geschrei und die Empörung groß, nicht wahr?
Da Jodl dort nicht begraben ist (Scheingrab), sondern nur dessen Ehefrauen (deren Gräber nicht geschändet wurden) ist ein Vergleich mit Baader da, was man hinkt nennt. Grabschänder kann also nicht sein. In meinen Augen handelt es sich hier auch um ein Denkmal eines ehemaligenin allen 4 Punkten verurteilten, Nazi-Kriegsverbrecher. Der Vorschlag im Gütetermin, unkenntlich machen des Namens dieses Verbrechers, ist die eigentlich einzig saubere Lösung, die Gräber der Frauen wären dann weiter da und würden nach Ablauf der Frist freigegeben.
f-rust 08.04.2019
5. # 1 redfish
Wer heutzutage so alles mit dem vermeintlichen Ehrentitel eines "Künstlers" in seinen Aktionen als sakrosankt hingestellt werden soll, vermag nachhaltig zu verstören. Keine Frage: Herr Jodl war Kriegsverbrecher. Aber [...]
Wer heutzutage so alles mit dem vermeintlichen Ehrentitel eines "Künstlers" in seinen Aktionen als sakrosankt hingestellt werden soll, vermag nachhaltig zu verstören. Keine Frage: Herr Jodl war Kriegsverbrecher. Aber auch keine Frage: Die von Spon zitierten Aussagen des Gerichts zur Verhinderung von Störungen sind doch sehr nachvollziehbar. redfish hat m.E.n. Recht.

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