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Panorama

Amnesty-Jahresbericht zur Todesstrafe

Staatsgeheimnis Hinrichtung

Mindestens 690 Hinrichtungen wurden 2018 weltweit erfasst - deutlich weniger als in den Vorjahren. Doch die meisten Exekutionen werden vermutlich gar nicht dokumentiert.

AFP

Hinrichtung in Kabul

Mittwoch, 10.04.2019   05:39 Uhr

Saudi-Arabien enthauptet Menschen wegen Drogendelikten, in den USA sterben Mörder durch den elektrischen Stuhl, China und Vietnam töten Wirtschaftskriminelle per Giftinjektion. Weltweit sind im vergangenen Jahr mindestens 690 Menschen in 20 Staaten hingerichtet worden. Das geht aus dem Jahresbericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International hervor.

Die Zahl der dokumentierten Hinrichtungen sinkt damit auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. 2017 wurden noch 993 Exekutionen in 23 Staaten vollstreckt.

Allerdings bleibt die Dunkelziffer hoch. Amnesty International vermutet, dass allein in China mehrere Tausend Menschen pro Jahr hingerichtet werden. Demnach vollstreckte die Volksrepublik mutmaßlich mehr Todesurteile als der Rest der Welt zusammen. China stuft seine Exekutionen als Staatsgeheimnis ein. Und etwa auch aus Nordkorea gibt es keine näheren Informationen zu Hinrichtungen.

Todesstrafe weltweit: Urteile und Hinrichtungen 2018

Klicken Sie für die Anzahl der Hinrichtungen auf die Länder. "+" bedeutet: Todesurteile wurden verhängt oder vollstreckt. Daten genügen nicht für konkrete Zahlen.
">" bedeutet: Mindestwert. Laut Amnesty International liegt die tatsächliche Zahl wahrscheinlich höher.

Der Report der Menschenrechtsorganisation dokumentiert für das Jahr 2018 Exekutionen in 20 Ländern. 78 Prozent der Hinrichtungen fanden demnach in nur vier Staaten statt:

Die Zahl der verhängten Todesurteile sank im Vergleich zum Vorjahr minimal. 2017 wurden 2591 Menschen in 53 Ländern verurteilt, 2018 waren es 2531 Menschen in 54 Ländern. Die meisten Todesurteile, China ausgenommen, wurden laut Amnesty in diesen vier Staaten gefällt:

Hinrichtungen und Todesurteile weltweit

Region Hinrichtungen 2018 Todesurteile 2018
Afghanistan 3 +
Weißrussland 4+ 2+
Botswana 2 5
China 1000** 1000**
Ägypten 43+ 717+
Iran 253+ +
Irak 52+ 271+
Japan 15 4
Nordkorea + +
Pakistan 14+ 250+
Saudi-Arabien 149 4+
Singapur 13 17
Somalia 13 15+
Südsudan 7+ 8+
Sudan 2 8
Taiwan 1 3
Thailand 1 33+
USA 25 45
Vietnam 85+ 122+
Jemen 4+ 13+
Algerien 0 1+
Bahrain 0 12
Bangladesch 0 229+
Tschad 0 4+
Demokratische Republik Kongo 0 41
Gambia 0 1
Ghana 0 12
Guyana 0 2
Indien 0 162
Indonesien 0 48+
Jordanien 0 16+
Kenia 0 12+
Kuwait 0 34
Libanon 0 5+
Libyen 0 45+
Malaysia 0 190
Mauritanien 0 3
Mali 0 18
Marokko / Westsahara 0 10
Myanmar (Burma) 0 9+
Nigeria 0 46+
Oman 0 4+
Palästina 0 13
Papua-Neuguinea 0 9
Katar 0 1+
Sierra Leone 0 4
Südkorea 0 1
Sri Lanka 0 17+
Tansania 0 4+
Tunesien 0 12+
Uganda 0 5
Vereinigte Arabische Emirate 0 10+
Sambia 0 21+
Simbabwe 0 5+

Quelle: Amnesty International

** bedeutet: Tausende Todesurteile wurden verhängt oder vollstreckt. Daten sind Staatsgeheimnis und genügen nicht für konkrete Zahlen.
+ gibt an, dass die von Amnesty International berechnete Zahl ein Minimum ist. Wenn + keine Zahl vorangestellt ist, bedeutet dies, dass Amnesty International sicher ist, dass es mehr als eine Hinrichtung gab, es jedoch nicht möglich war, eine Zahl zu ermitteln. In Syrien haben möglicherweise Hinrichtungen stattgefunden. Amnesty International konnte jedoch aufgrund des internen bewaffneten Konflikts keine Zahlen bestätigen.

Die Zahl der dokumentierten Hinrichtungen ging weltweit um mehr als 30 Prozent zurück. Dies liegt laut Amnesty International zum einen daran, dass Länder wie Iran, Irak, Pakistan und Somalia weniger Hinrichtungen durchführten. Zum anderen gaben einige Länder die Todesstrafe auf.

Im Juni 2018 schaffte Burkina Faso Exekutionen ab. Auch Gambia und Malaysia verzichten seit einem Moratorium darauf. In Bangladesch, Jordanien und Kuwait wurden 2017 noch Menschen hingerichtet, 2018 wurden auch in diesen Ländern keine Todesstrafen mehr vollstreckt. Botswana, Sudan, Taiwan und Thailand hingegen vollstreckten Todesurteile nach einer Unterbrechung wieder.

Laut Amnesty haben

Insgesamt wenden damit - wie 2017 - 142 Staaten die Todesstrafe nicht mehr an, während 56 daran festhalten.

Geständnisse nach Folter oder Misshandlung

Amnesty kritisierte, dass in den meisten Ländern Menschen in Prozessen zum Tode verurteilt werden, die nicht internationalen Rechtsstandards für faire Gerichtsverfahren entsprechen. So seien in vielen Staaten - wie Ägypten, Bahrain, China, Irak, Iran und Saudi-Arabien - unter Folter oder Misshandlung erpresste Geständnisse die Basis für Urteile.

"Wo Staaten an der Todesstrafe festhalten, sollte die Staatengemeinschaft deshalb zumindest auf die Einhaltung des absoluten Folterverbotes und grundlegende rechtstaatliche Standards, wie das Recht auf Anhörung, auf einen Rechtsbeistand und ein faires Verfahren dringen", sagte Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland.

Die USA sind laut Amnesty International das einzige Land in Nord-, Mittel- und Südamerika, in dem die Todesstrafe vollstreckt wurde. 2018 wurden hier 25 Menschen hingerichtet, das sind zwei mehr als im Vorjahr. Die Exekutionen verteilten sich auf acht Bundesstaaten, mehr als die Hälfte (13) fanden in Texas statt. In Nebraska, Tennessee und South Dakota wurden 2018 das erste Mal seit mehreren Jahren wieder Menschen hingerichtet.

Hinrichtungen seit 1976

In Europa ist Weißrussland das einzige Land, das Todesurteile verhängt (2018 mindestens zwei) und vollstreckt (2018 mindestens vier). Trotzdem findet sich auch ein deutsches Bundesland in dem diesjährigen Bericht von Amnesty International - denn Hessen hat erst im November 2018 formal die Todesstrafe abgeschafft. (Wie es dazu kam, lesen Sie hier.)

Beeko hält die Änderung für wichtig: "Auch wenn es keinen praktischen Unterschied gemacht hat, ist es wichtig, dass sich Staaten, die die Todesstrafe verteidigen, nicht weiter auf Deutschland und die hessische Landesverfassung berufen können."

bbr/sen

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