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Panorama

Missbrauch

NRW prüft Vorgehen der Polizei in Kinderpornografie-Ermittlung

Ein Physiotherapeut in Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis Kinder missbraucht haben. Nach dem ersten Hinweis dauerte es rund 16 Monate, bis die Polizei die Wohn- und Arbeitsräume durchsuchte.

Bernd Thissen/dpa

Polizei in Bad Oeynhausen: Anlaufstelle für Betroffene und Zeugen

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Dienstag, 09.04.2019   15:03 Uhr

Im Missbrauchsfall um den Physiotherapeuten Rainer M. aus Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen gerät die Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke unter Druck. Der 60 Jahre alte M. soll in seiner Praxis pornografische Fotos von Kindern angefertigt haben, gegen ihn wird wegen des Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie und des sexuellen Missbrauchs ermittelt.

Die Polizei Minden-Lübbecke erhielt bereits im November 2017 erste Hinweise, allerdings benötigte die Behörde bis zum März 2019, um die Wohn- und Arbeitsräume von M. zu durchsuchen und seine Mobiltelefone und Computer sicherzustellen.

Auf SPIEGEL-Anfrage teilt das nordrhein-westfälische Innenministerium mit, dass "im Rahmen von Verwaltungsermittlungen" geprüft werde, "welche Umstände zu den Verzögerungen in der Bearbeitung des Falls geführt" hätten. Vom Ergebnis hänge es ab, ob sich daraus "weitere Konsequenzen" ergeben würden.

Verwaltungsermittlungen sind eine Art Vorstufe zu einem eventuellen Disziplinarverfahren. Die Behörde prüft dabei formlos, ob Anhaltspunkte für ein Dienstvergehen vorliegen.

Den Umstand, dass die Polizei im Fall des Physiotherapeuten fast eineinhalb Jahre für die Durchsuchung benötigte, nannte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) vorige Woche einen "klaren Fehler".

In der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke, eine der kleinsten in Nordrhein-Westfalen, laufen derzeit knapp 50 Kinderpornografie-Verfahren. Das Innenministerium teilt zudem mit, dass man eine Arbeitsgruppe eingerichtet habe, die "technische Lösungen" zur Unterstützung bei der Bearbeitung der "dynamisch wachsenden digitalen Arbeitslasten" in diesem Bereich entwickeln solle.

Die Ermittlungen gegen M. hat inzwischen das Groß-Präsidium in Dortmund übernommen. Zunächst war man von einer mittleren einstelligen Zahl von Opfern ausgegangen. Am vergangenen Wochenende hat die Polizei in Minden und in Bad Oeynhausen Anlaufstellen für Betroffene und Zeugen eingerichtet. Laut der Staatsanwaltschaft Bielefeld konnten dabei "viele Angehörige von potenziellen Opfern erreicht" werden, sodass die Zahl der Geschädigten möglicherweise noch steigen wird.

Der Fall um den Physiotherapeuten weist Parallelen auf zum Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde, was nur rund 60 Kilometer von Bad Oeynhausen entfernt liegt. In Lügde sollen mehrere Männer mindestens 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die zunächst ermittelnde Kreispolizeibehörde Lippe ging offenbar über Jahre hinweg Hinweisen nicht nach, inzwischen wurden gegen mehrere Beamte Disziplinar- und Strafverfahren eingeleitet.

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