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Panorama

Bandenkrieg in Deutschland

Das brutale Geschäft der Rocker

Sie fesselten, knebelten, folterten: In Hannover steht ein gutes Dutzend Hells Angels vor Gericht. Sie sollen Rockerrivalen schwer misshandelt haben. Die "extreme Brutalität" der Täter wirft ein Schlaglicht auf eine gefährliche Szene, die enorm an Zulauf und Einfluss gewinnt.

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Montag, 15.12.2008   09:02 Uhr

Hamburg - Die Männer hatten sich auf die Lauer gelegt, in einer Autowerkstatt in Stuhr bei Bremen. Als die fünf Bandidos - darunter auch Heino B., der sich später mit dem Mord an dem Ibbenbürener Hells Angel Robert K. für diesen 22. März 2006 rächen sollte - nacheinander vorfuhren, schnappten sie sich die verhassten "Tacos", fesselten und knebelten sie und verbanden ihnen die Augen. Dann bearbeiteten sie die Wehrlosen unter anderem mit Axtstielen. Stundenlang.

Selbst erfahrene Ermittler zeigten sich anschließend schockiert von der "extremen Brutalität", mit der die Täter zu Werke gegangen waren. Die Opfer erlitten schwerste Verletzungen am ganzen Körper.

Am heutigen Montag beginnt nun vor dem Landgericht Hannover das Verfahren gegen ein gutes Dutzend Bremer Hells Angels, die für den Überfall auf ihre Rockerrivalen verantwortlich sein sollen: Ugur A., Kirsten E., Thomas G., Andreas H., Daniel J., Hans-Jörg K., Andreas M., Christian M., Frank N., Thomas P., Andree P., Kai S., Marcel S. und Olaf W. werden gemeinschaftlicher schwerer Raub und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Rocker in Deutschland

Dabei pflegen die Rocker in der Öffentlichkeit doch so gerne das Bild der harten Kerle mit Herz, der Motorradliebhaber und unangepassten Individualisten, von denen nur wenig Gefahr ausgeht. Polizisten aus Landes- und Bundesbehörden jedoch sind da mittlerweile ganz anderer Auffassung.

Die Beamten rechnen zahlreiche Mitglieder der Hells Angels und Bandidos längst der Organisierten Kriminalität zu. Einer Europol-Studie aus dem Jahr 2005 für Kanada und Europa zufolge wurden 56 Prozent aller "Höllenengel" schon einmal wegen Drogendelikten, Verstößen gegen das Waffengesetz oder Gewalttaten verurteilt.

Das Bundeskriminalamt teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, man gehe derzeit von 3400 "polizeilich relevanten" Rockern in 300 örtlichen Ablegern aus. Es hätten sich aber einzelne "Gruppierungen etabliert, deren Geschäftsgebaren unter Anwendung von Gewalt auf einen territorialen und finanziellen Machtzuwachs gegenüber konkurrierenden Clubs abzielt". Im Klartext: Rockerkrieg in Deutschland.

Wildwest im Osten

Besonders offen tritt die Brutalität der "Outlaws" derzeit in Berlin, Brandenburg und Leipzig zutage, wo sich die tödlich verfeindeten und doch so absurd ähnlichen Gruppierungen mit beunruhigender Offenheit bekriegen. In der Hauptstadt stellte die Polizei allein in diesem Jahr bei Razzien gegen Rocker "Hunderte Hieb- und Stichwaffen" sowie Pistolen und Gewehre sicher, wie ein Beamter sagte.

In Cottbus verurteilte das Landgericht unlängst den Bandido André S., 26, wegen eines Angriffs mit Reizgas und Drogenhandels zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Er hatte im Februar 2007 in einer Disco mit einer Gaspistole um sich geschossen und zwei Besucher im Gesicht verletzt. Auch handelte der Rocker nach Auffassung der Richter gewerbsmäßig mit mehreren hundert Gramm Rauschgift.

Zugleich jedoch sprach die 1. Große Strafkammer den Angeklagten vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei. S. war im Februar 2008 in der Cottbuser Innenstadt von bis zu 20 rivalisierenden Hells Angels attackiert worden. "Aus Notwehr", so der Vorsitzende Richter, habe S. "ungezielte Schüsse" auf die Angreifer abgegeben und einen der Männer lebensgefährlich verletzt: Wildwest im Osten.

Als derzeit besonders umkämpft gilt Leipzig. Dort trieb das gewohnt großspurige Auftreten der "Höllengel" besonders seltsame Blüten, als Mitglieder des mit tatkräftiger Unterstützung aus westdeutschen Ablegern neu formierten "Charters" im September die Gottschedtstraße für den Verkehr sperrten und Personenkontrollen vornahmen. Offenbar wollten die Angels ihren Kontrahenten demonstrieren - die Bandidos feierten an diesem Abend die Gründung ihres örtlichen "Chapters" - wer Herr im Hause ist.

Die großen Rockerklubs

Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradklubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradklub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

In der 510.000-Einwohner-Stadt lässt sich gerade besonders anschaulich studieren, was Beamte bundesweit als Trend ausgemacht haben. Die lokale Milieugröße Mike R., seit Jahren groß mit Table-Dance-Bars und Bordellen im sächsischen Rotlichtgeschäft, hat sich inzwischen den Hells Angels angeschlossen. Er fungiert als designierter Präsident der im August gegründeten Filiale. Im Gegenzug soll die Gang des armenischen Profiboxers Artur T., 23, auch er eine Halbweltgröße, inzwischen mit den Bandidos angebandelt haben.

"Grundsätzlich treffen bei der jetzigen Entwicklung der Rockerszene die gleichen Personen aufeinander", zitierte die "Dresdner Morgenpost" aus einem Dokument des dortigen Landeskriminalamts, "welche ihren Konflikt teilweise bereits gewalttätig im 'Leipziger Disco-Krieg' ausgetragen haben. Hier zeichnet sich auf Dauer ein ernstzunehmender Brennpunkt für bevorstehende gewalttätige Auseinandersetzungen ab."

Milieugrößen fahren nun Motorrad

Etablierte Kiezgrößen schlüpfen in die Kutten der "Outlaws" - ein Spezialermittler eines westdeutschen Landeskriminalamts nennt dieses Phänomen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den "schnellen, zweiten Weg, Rocker zu werden". "Die Organisierte Kriminalität sucht zunehmend Schutz unter dem Dach starker Marken", so der Polizist. "Hier finden sie, was sie für ihre Geschäfte brauchen: schlagkräftiges Personal, das ohne Bezahlung zulangt, und eine furchteinflößende Aura. Beides hält ihnen bestenfalls die Konkurrenz vom Hals."

Das Fußvolk - zumeist Männer Ende 20 mit einem stark ausgeprägten Faible für Kampfsportarten, Kraftsport und Kameradschaft - braucht für gewöhnlich deutlich länger, um zum vollwertigen Rocker aufzusteigen. Wer dazugehören will, muss sich dem jeweiligen Club andienen, den Handlanger spielen, die Drecksarbeit machen. Vielleicht jahrelang. Um sich irgendwann einmal die ängstlichen oder bewundernden Bürgerblicke gönnen zu können, haben sich die "Outlaw"-Azubis lange Zeit sehr klein zu machen - erst Kriecher, dann Krieger.

"Hangaround", "Prospect", "Member", "Offizier" - die ausgeklügelte Hierarchie derjenigen, die doch außerhalb des Gesetzes stehen wollen, kennt viele Stufen und nimmt es leicht mit jedem Schützenverein auf. Wie im typisch deutschen Spielmannszug gibt es auch bei den Hells Angels Kassenwarte, Brauchtumsbeauftragte, Ausflugsorganisatoren - auf wenn diese sich "Treasurer", "Sergeant at Arms" und "Road Captain" nennen.

Gesetzlosigkeit geht trotzdem anders.

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