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Panorama

Befangenheitsantrag in KZ-Prozess

Demjanjuks Verteidiger wirft Richter Willkür vor

Verspätet hat in München das Verfahren gegen den mutmaßlichen KZ-Aufseher John Demjanjuk begonnen. Der Verteidiger des 89-Jährigen warf Gericht und Staatsanwaltschaft Willkür vor und lehnt sie als befangen ab - Demjanjuk stehe "auf gleicher Stufe" wie die KZ-Überlebenden.

Getty Images
Montag, 30.11.2009   13:00 Uhr

Hamburg - Mit einem Befangenheitsantrag gegen Richter und Staatsanwaltschaft hat am Montag in München der Prozess gegen den mutmaßlichen früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk begonnen. Der Verteidiger des 89-Jährigen, Ulrich Busch, kritisierte vor dem Landgericht, dass Befehlshaber im Vernichtungslager Sobibór freigesprochen worden seien, mit Demjanjuk nun aber ein Befehlsempfänger vor Gericht stehe, der unter Todesdrohungen zu seiner Arbeit gezwungen worden sei.

Dies sei Willkür, sagte Busch. Demjanjuk muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern vor dem Landgericht München verantworten. Die Anklage wirft dem heute 89-Jährigen vor, 1943 als bewaffneter Aufseher im Vernichtungslager Sobibór die Opfer aus den Zügen in die Gaskammern getrieben zu haben. Er bestreitet das. Für Empörung unter den anwesenden KZ-Überlebenden und Angehörigen sorgte die Aussage des Verteidigers, Demjanjuk stehe "auf gleicher Stufe" wie die KZ-Überlebenden, da auch er auf deutschen Befehl in Sobibór habe arbeiten müssen.

Der 89-Jährige wurde mit einem Rollstuhl und einer blauen Decke zugedeckt in den Gerichtssaal gebracht. Er trug eine blaue Schirmmütze und ließ das Blitzlichtgewitter der Fotografen mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Ärzte und Psychiater halten den 89-Jährigen für verhandlungsfähig, aber nur drei Stunden täglich.

Wegen des großen Andrangs und der scharfen Sicherheitsvorkehrungen begann der Prozess mit einstündiger Verspätung. Bereits Stunden vor Prozessbeginn hatten sich lange Schlangen vor dem Landgericht gebildet, allein 270 Journalisten aus dem In- und Ausland sind akkreditiert. Insgesamt stehen aber nur 150 Plätze zur Verfügung. Zudem treten bislang rund 20 Nebenkläger auf, großteils Angehörige von in Sobibór Ermordeten.

Es gab erhebliche Drängeleien und Schubsereien auf dem Weg vom Haupteingang zum Gerichtssaal. Der Prozess begann schließlich mit eineinviertel Stunden Verspätung.

Der Sohn Demjanjuks ist von der Unschuld seines Vaters überzeugt. "Wir wissen in unseren Herzen, dass mein Vater niemals irgendjemandem ein Leid zugefügt hat. Und wir wissen auf Grundlage des vorliegenden Materials, dass es absolut keinen Beweis dafür gibt, dass er jemandem Leid zugefügt hat", sagte John Demjanjuk junior in einem Telefonat. Der nun in Deutschland eröffnete Fall sei bereits vom Staat Israel und vom höchsten israelischen Gericht verworfen worden - und dies nicht aus rein formellen Gründen.

"Einen Ukrainer zu verurteilen hilft ihnen, die Schuld wegzuschieben"

Der in der Ukraine geborene Demjanjuk soll als sowjetischer Kriegsgefangener, als sogenannter Trawniki, 1943 Wächter im Vernichtungslager Sobibór gewesen sein. Demjanjuk jr. zweifelt die Echtheit des SS-Ausweises an, der den Einsatz seines Vaters beweisen soll. Die eingetragene Körpergröße seines Vaters sei falsch, die Echtheit der Unterschrift zweifelhaft. Außerdem habe der Trawniki-Ausweis seines Vaters nicht die gleiche Lochung, die sein Foto aufweise.

Aber selbst wenn jemand den Ausweis für echt halte, dürfe sein Vater nicht bestraft werden, sagte Demjanjuk junior. Denn es gebe zahlreiche Zeugenaussagen, wonach die in Sobibór eingesetzten Trawniki als Gefangene nicht anders handeln konnten als den dort befehlenden SS-Männern zu gehorchen. Jeder, der sich widersetzte und fliehen wollte, sei erschossen worden. Demjanjuk jr. verglich die Situation der Trawniki mit der Situation von Juden, die in Konzentrationslagern zu Hilfseinsätzen gezwungen wurden. Er frage sich, worin der Unterschied bestehe zu einem ukrainischen Kriegsgefangenen, der sich fürs Überleben entschieden habe.

Zugleich zeigte sich der Sohn des Angeklagten empört darüber, dass die deutsche Regierung den Fall eines ukrainischen Kriegsgefangenen nun so forciere, während viele deutsche KZ-Wärter nie verurteilt wurden. "Einen Ukrainer zu verurteilen hilft ihnen, die Schuld wegzuschieben", sagte Demjanjuk jr. und drohte der Bundesregierung mit einer Klage.

Es drohen Demjanjuk 15 Jahre Haft

Er hoffe, einen Weg zu finden, die deutsche Regierung wegen des Vorgehens gegen seinen Vater verklagen zu können. "Sie beschleunigen seinen Tod. Er wird das nicht überleben", sagte Demjanjuk jr. über den zunächst bis Mai angesetzten Prozess. Die Familie wird während des Prozesses nicht in München sein.

Das Urteil will das Schwurgericht im Mai kommenden Jahres fällen. Bei einem Schuldspruch drohen Demjanjuk bis zu 15 Jahre Haft.

Schon einmal stand Demjanjuk, dessen Geburtsname Iwan lautet, vor Gericht: 1988 wurde er in Jerusalem zum Tode verurteilt, jedoch 1993 wieder freigesprochen, weil Zweifel an seiner Identität blieben. Man hatte ihn für "Iwan den Schrecklichen" gehalten, der in Treblinka die Gaskammern bediente. Mittlerweile scheint die Identität Demjanjuks geklärt. Laut Anklage geriet er 1942 auf der russischen Halbinsel Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach wenigen Wochen holten ihn SS-Offiziere in das Ausbildungslager Trawniki in Polen, 1943 soll er als Wächter in Sobibór eingesetzt gewesen sein.

han/AFP/AP/dpa

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Das Vernichtungslager Sobibor

Sobibor
Im Herbst 1941 beauftragte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler , den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement , Odilo Globocnik , im Rahmen der Endlösung der Judenfrage mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Als Belzec , das erste Vernichtungslager der Aktion Reinhardt , zur Erfüllung des Mordprogramms nicht ausreichend erschien, begann die SS im Frühjahr 1942 mit dem Bau eines zweiten Vernichtungslagers in der Nähe von Sobibor . Seit Juli 1943 betrieb Himmler die Umwandlung von Sobibor in ein KZ . Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, aber die Auflösung des Lagers zur Folge hatte. 47 der ausgebrochenen Häftlinge überlebten das Kriegsende und konnten Zeugnis ablegen vom Massenmord in Sobibor – einer von ihnen ist Thomas Blatt .
Opfer
Im Vernichtungslager Sobibor töteten zwei Dutzend SS -Männer und ihre Schergen zwischen April 1942 und November 1943 etwa 250.000 Juden – unter anderem aus dem Distrikt Lublin , dem Deutschen Reich, der Slowakei sowie Frankreich und den Niederlanden. Häufig wurden in Sobibor mehr als 2000 Menschen am Tag ermordet, Zehntausende im Monat.
Täter
Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war SS -Obersturmführer Franz Stangl . Ihm waren etwa 30 deutsche oder österreichische SS-Männer unterstellt – meist Organisatoren und Mitarbeiter der Aktion T 4 . Als Wach- und Sicherheitspersonal setzte die SS rund 120 Trawniki -Männer ein, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene überwiegend ukrainischer Herkunft. Vermutlich war einer dieser Trawniki John Demjanjuk .
Anlage
Das Vernichtungslager Sobibor nahm etwa eine Fläche von 600 x 400 Meter ein, die von Stacheldraht umzäunt und gut getarnt war. Das Lager lag an der Station Sobibor der Bahnlinie Chelm-Wlodawa und war in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren.
Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehrere Werkstätten.
Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden. Hier mussten sie ihren Besitz und ihre Kleider abgeben. Im Lager III wurden die Juden getötet, in Massengräbern verscharrt und dann von jüdischen Sonderkommandos ab Sommer 1943 auf Scheiterhaufen verbrannt. An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift „Badehaus“.
Die Lager II und III waren über einen schmalen, von Stacheldrahtzaun gesäumten Weg („Schlauch“) verbunden. Über diesen trieben die Trawnikis täglich mehrere hundert nackte Menschen in die Gaskammern. Im Motorraum sorgte ein 200-PS-Motor für die kohlenmonoxydhaltigen Abgase, die durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Anfangs waren drei Gaskammern in Betrieb, ab September 1942 sechs.
Täuschungsmethoden
Den deportierten Juden wurde nach ihrer Ankunft in Sobibor in einer beruhigenden Ansprache ihre Umsiedlung angekündigt. Vor der Weiterreise müssten sie jedoch ein Bad nehmen, ihre Haare schneiden lassen und sollten ihre Kleidung und Wertsachen abgeben, hieß es.
Unter diesem Vorwand wurden die Juden gruppenweise in die mit kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors betriebenen, jedoch als Duschen getarnten Gaskammern getrieben. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer halben Stunde.
Vernichtungslager und KZ
Vernichtungslager sind von der SS während des Zweiten Weltkrieges errichtete Lager, die im Unterschied zu den Konzentrationslagern (KZ) von vornherein für die Massentötung der europäischen Juden als letzte Konsequenz der nationalsozialistischen Judenverfolgung bestimmt waren. Aus Geheimhaltungsgründen wurden sie im besetzten Polen eingerichtet. Zwischen Ende 1941 und 1944 bestanden Vernichtungslager in Chelmno , Belzec , Sobibor , Treblinka , Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek , wobei Auschwitz und Majdanek gleichzeitig als Konzentrationslager dienten. Mehr als die Hälfte der nahezu sechs Millionen Holocaust -Opfer kamen in Vernichtungslagern um.

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