Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Mordurteil gegen Ku'damm-Raser

Vollgas mit bedingtem Tötungsvorsatz

Können Raser Mörder sein, obwohl sie niemanden umbringen wollen? Ja, urteilt das Berliner Landgericht. "Was geschah, hatte nichts mit Fahrlässigkeit zu tun", sagt der Richter über den tödlichen Unfall am Ku'damm.

Foto: Britta Pedersen/DPA
Von Wiebke Ramm
Dienstag, 26.03.2019   18:48 Uhr

Hamdi H. kann es nicht fassen. Er lacht spöttisch auf und wirkt doch vor allem verzweifelt. Im Namen des Volkes verkündet der Vorsitzende Richter am Dienstagmittag das Urteil gegen Hamdi H. und Marvin N. Die 32. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin verurteilt die beiden Männer wegen gemeinschaftlichen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

"Nicht im Ernst?", ruft eine Frau fassungslos aus einer Ecke des Zuschauerbereichs. Aus einer anderen Ecke werden die Worte des Richters hingegen mit Applaus bedacht.

Der Andrang im Saal 700 ist groß, auch Staatsanwälte, Polizisten und Justizangestellte sind unter den Zuschauern. Alle haben sich von ihren Plätzen erhoben, als Richter Matthias Schertz das Urteil gegen die sogenannten Ku'damm-Raser spricht. Hamdi H. will irgendwann nicht mehr stehen. Der 27-Jährige entscheidet sich für stillen Protest und setzt sich, bevor er es darf. Schertz scheint es nicht zu merken.

Der Richter spricht eine Dreiviertelstunde lang. In deutlichen Worten schildert er, was sich nach Überzeugung des Gerichts in der Nacht auf den 1. Februar 2016 ereignet hat.

Hamdi H. und Marvin N. trafen sich um kurz nach halb eins zufällig in ihren Autos am Adenauerplatz, ganz im Westen des Kurfürstendamms. Sie kurbelten die Scheiben runter und seien sich einig gewesen, ein Rennen von einer roten Ampel zur nächsten zu fahren. Zweimal ging das so, beide Male gewann Marvin N. Sein Mercedes, 381 PS, war deutlich leistungsstärker als der Audi von Hamdi H., 225 PS.

"Selbstverliebt und rücksichtslos"

"Hamdi H. erträgt es nicht, zweimal geschlagen worden zu sein", sagt Richter Schertz. "Er rast weiter, jetzt auch über rote Ampeln." Marvin N. habe kurz gezögert, dann jagte er Hamdi H. hinterher. Zweieinhalb Kilometer den Ku'damm und die Tauentzienstraße entlang, mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 170 km/h.

"Wir ficken die Straße" - so sagte es Marvin N. in einem Video, das auf seinem Handy gespeichert war. Der Richter wiederholt die Worte. Mit dieser Haltung seien die beiden in jener Nacht über den Ku'damm gerast, "selbstverliebt und rücksichtslos".

Kurz vor dem Kaufhaus des Westens kam es zum tödlichen Zusammenprall. Michael Warshitsky, 69, war mit seinem Jeep bei Grün aus einer Seitenstraße auf die Tauentzienstraße gefahren. Hamdi H. krachte mit seinem Audi in den Wagen des Mannes. Über 70 Meter weit wurde Michael Warshitsky in seinem Jeep durch die Luft geschleudert. "Es blieb kaum ein Knochen seines Körpers ganz", sagt Richter Schertz. Der Arzt im Ruhestand starb.

DPA

Marvin N. (l.) und Hamdi H. vor Gericht: Lebenslang wegen Mordes

Hamdi H. und Marvin N. hatten nicht die Absicht, einen Menschen zu töten. "Dass sie das nicht wollten, davon geht auch die Kammer aus", sagt Schertz. Doch für eine Verurteilung wegen Mordes reicht auch ein sogenannter bedingter Tötungsvorsatz. Das heißt, die beiden müssen nicht gewollt haben, dass jemand stirbt. Sie müssen das tödliche Risiko aber erkannt und billigend in Kauf genommen haben, und zwar zu einem Zeitpunkt, als der Unfall noch zu verhindern gewesen wäre.

Dass die Angeklagten sagen, sie hätten niemals mit einem Risiko für andere gerechnet, sondern auf einen guten Ausgang vertraut, wertet das Gericht als abwegige Schutzbehauptung. "Marvin N. und Hamdi H. rasten nicht über eine einsame Dorfstraße, sondern über eine der Hauptschlagadern der Hauptstadt", sagt Schertz: "Das wussten die Angeklagten auch, das war Teil des Kicks."

Ein erstes Mordurteil gegen Hamdi H. und Marvin N. von Februar 2017 hatte der Bundesgerichtshof (BGH) im März 2018 aufgehoben. Es war das erste Mal, dass Raser wegen Mordes und nicht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden waren. Doch das Urteil enthielt mehrere Rechtsfehler, unter anderem bei der Feststellung des bedingten Vorsatzes.

Todesgefahr für andere Autofahrer

Die damaligen Richter hatten geurteilt, Hamdi H. und Marvin N. hätten spätestens beim Erreichen der Unfallkreuzung erkannt, dass ihre Raserei Menschen in tödliche Gefahr bringt. Zu diesem Zeitpunkt sei aber die Kollision mit dem Jeep auch durch eine Vollbremsung nicht mehr zu verhindern gewesen. Die Angeklagten hatten an dieser Stelle keine Handlungsmöglichkeit mehr. Ein Vorsatz zu diesem Zeitpunkt sei daher strafrechtlich irrelevant, so der BGH.

Die 32. Strafkammer geht nun von einem früheren Zeitpunkt aus, zu dem den Angeklagten klar gewesen sei, dass sie andere Menschen in Todesgefahr bringen. Nicht erst beim Befahren der Unfallkreuzung, sondern schon 90 Meter vorher habe Marvin N. die Gefahr erkannt. Ein Unfallforscher hatte festgestellt, dass er an dieser Stelle kurz den Fuß vom Gaspedal genommen hatte. Es ist exakt der Zeitpunkt, an dem nach Angaben des Gutachters die letzte Chance bestand, noch vor der Kreuzung zum Stehen zu kommen.

Marvin N. habe in den Rückspiegel geschaut, Hamdi H. heranrasen sehen und sich entschieden, Vollgas zu geben, um das Rennen zu gewinnen. Dieses Ziel habe auch Hamdi H. längst gehabt, ganz egal, ob es Menschenleben gefährde. Beide hätten die rote Ampel in etwa 250 Meter Entfernung gesehen und bemerkt, dass sie nicht erkennen konnten, ob aus der Querstraße ein Auto kommt. All das sei ihnen gleichgültig gewesen. "Was geschah, hatte nichts mit Fahrlässigkeit zu tun", sagt der Richter.

Im Video: Illegale Raserei in Berlin - Straßenrennen mit Todesfolge

Foto: ABIX

Das Gericht geht also von einem bedingten Tötungsvorsatz, nicht von fahrlässiger Tötung aus. Bleibt die Frage: Mord oder Totschlag? Die Richter finden gleich drei Mordmerkmale: niedrige Beweggründe, die Verwendung eines gemeingefährlichen Mittels und Heimtücke.

Niedrige Beweggründe seien vorhanden, weil die Männer aus nichtigem Anlass den Tod eines Menschen in Kauf nahmen. "Zur kurzzeitigen Befriedigung des Raser-Egos waren sie bereit, Menschenleben aufs Spiel zu setzen." Die Verwendung eines gemeingefährlichen Mittels sei durch ihre Autos gegeben. Bomben gelten klassischerweise als gemeingefährliches Mittel. Ihre Wirkung ist unberechenbar, ebenso wie die Zahl der potenziellen Opfer. Dasselbe gilt nach Ansicht der Richter auch für die tonnenschweren Autos, mit denen Hamdi H. und Marvin N. durch die West-Berliner Innenstadt donnerten. Und da Michael Warshitsky arg- und wehrlos war, als er bei Grün von einer Seitenstraße auf die Tauentzienstraße fuhr, liege auch Heimtücke vor.

Die Richter folgen mit ihrem Urteil der Forderung der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage. Die Verteidigung hatte hingegen einem Tötungsvorsatz, auch einem bedingten, widersprochen. Die Anwälte von Hamdi H. und Marvin N. haben bereits Revision angekündigt. Der BGH wird sich also ein weiteres Mal mit dem Fall befassen.

Nach der Urteilsverkündung ist Maximilian Warshitsky sichtbar erleichtert. Tränen stehen ihm in den Augen. Der 38-Jährige ist der Sohn des Getöteten, und er ist Nebenkläger im Prozess. "Es ist ein sehr hartes, aber ein angemessenes Urteil", sagt er. "Das Geschehene kann es leider trotzdem nicht rückgängig machen."

Die Frage von Vorsatz und Fahrlässigkeit hat der frühere BGH-Richter Thomas Fischer im vergangenen Jahr für den SPIEGEL analysiert. Lesen Sie hier seinen Debattenbeitrag "Mit Absicht bestrafen".

insgesamt 219 Beiträge
berthadammertz 26.03.2019
1. Wie ist eine solche Tat zu sühnen?
Zwei streng verurteilte Täter, dort ein unschuldig getöteter Mensch. Das Geschehen selbst ... ein Richter ist nicht zu beneiden. Das Fatale: Es ändert sich gesellschaftlich an dem Autokult, an der Vergötzung dieser [...]
Zwei streng verurteilte Täter, dort ein unschuldig getöteter Mensch. Das Geschehen selbst ... ein Richter ist nicht zu beneiden. Das Fatale: Es ändert sich gesellschaftlich an dem Autokult, an der Vergötzung dieser potentiellen Mordinstrumente, an den Wahnsinn des Geschwindigkeitskults und der Raserei.
claus7447 26.03.2019
2. Ich hoffe,
Glaube es allerdings nicht, das Vernunft bei unseren jungen Posern einkehrt. Letzte Woche 2 Tote in Stuttgart. Der Fahrer hat die Gewalt über den geliehen Jaguar verloren. Ein junges Paar, das in einer Ausfahrt stand hat es nicht [...]
Glaube es allerdings nicht, das Vernunft bei unseren jungen Posern einkehrt. Letzte Woche 2 Tote in Stuttgart. Der Fahrer hat die Gewalt über den geliehen Jaguar verloren. Ein junges Paar, das in einer Ausfahrt stand hat es nicht überlebt. Wenn solche Vorgänge als fahrlässig eingebucht werden, dann verstehe ich es nicht, denn sie legen es darauf an. Man will protzen und vergisst dass da noch andere sind. Zudem, sollte es erlaubt sein ohne altersbeschränkung solch Autos zu vermieten? Die grossen Vermieter verlangen mindestalter 25, ob das genug ist?
super-m 26.03.2019
3.
Wird hoffentlich wieder kassiert werden. Nichts gegen die Härte des Urteils, aber die Merkmale für Mord sind doch arg weit hergeholt. Da hätte man lieber das Strafmaß für fahrlässige Tötung ausreizen sollen oder gar über [...]
Wird hoffentlich wieder kassiert werden. Nichts gegen die Härte des Urteils, aber die Merkmale für Mord sind doch arg weit hergeholt. Da hätte man lieber das Strafmaß für fahrlässige Tötung ausreizen sollen oder gar über die Möglichkeit nachdenken, das höchst mögliche Strafmaß für fahrlässige Tötung zu erhöhen. Dieses Urteil hingegen ist wieder nur eines unter vielen, das unsere Gerichtsbarkeit ins Willkürliche und Abstruse abdriften lässt.
dachristoph 26.03.2019
4. Mich
überrascht, dass es vorher nicht so gesehen wurde von unserem Rechtssystem. Vermutlich eine "deutsche" (Topindustrie) Sichtweise auf Autofahrer, dass jemand ernsthaft glauben könnte mit 130 km/h oder mehr durch die [...]
überrascht, dass es vorher nicht so gesehen wurde von unserem Rechtssystem. Vermutlich eine "deutsche" (Topindustrie) Sichtweise auf Autofahrer, dass jemand ernsthaft glauben könnte mit 130 km/h oder mehr durch die Innenstadt zu fahren, könnte nicht tödlich für Unbeteiligte enden. Das heisst für mich sehr wohl billigend in Kauf nehmen. Ich glaube sofort das sie nicht töten wollten, sondern nur ihr zu kleines Ego pushen, doch würde ich Leute, die mit solchen Tempoüberschreitungen durch die Stadt fahren und niemanden töten/verletzen nicht nur den Führerschein wegnehmen, sondern diese auch wegen versuchten Mordes einbuchten. Erst wenn wir solche Maßnahmen ergreifen, werden wir solche Egotrips unterbinden können. Denn so dämlich sind nicht mal Fahrer von aufgemotzten Autos, sich einer solchen Strafe (mind. 3 bis 15 Jahre Haft) auszusetzen. Diese Meinung hatte und habe ich schon lange vor dem Mord in unserem konkreten Fall.
josef2018 26.03.2019
5. Wer innerhalb
einer geschlossenen Ortschaft mit 170 Km/h eine Straße entlang rast, der verwendet seinen PKW genau so als Waffe, wie jemand der mit einer Schusswaffe in der Öffentlichkeit um sich schießt. Ich hoffe sehr, dass das Urteil nun [...]
einer geschlossenen Ortschaft mit 170 Km/h eine Straße entlang rast, der verwendet seinen PKW genau so als Waffe, wie jemand der mit einer Schusswaffe in der Öffentlichkeit um sich schießt. Ich hoffe sehr, dass das Urteil nun vor dem BGH Bestand haben wird, zumal es ja auch schon ein anderes vom BGH bestätigtes Urteil gegen einen Raser wegen Mord gibt. Man sollte endlich auch einmal die Opfer und das Leid der Angehörigen einbeziehen und nicht die Befindlichkeit der Täter.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP