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Panorama

Anklage zu tödlichem Messerangriff

Bericht über Widersprüche bei Ermittlungen in Chemnitz

Bald soll der Prozess wegen des gewaltsamen Todes von Daniel H. in Chemnitz beginnen, zwei Männer sind tatverdächtig. Laut der Wochenzeitung "Die Zeit" weist die Anklageschrift jedoch Schwächen auf.

DPA

Blumen und Kerzen am Tatort (Archivfoto August 2018)

Mittwoch, 27.02.2019   17:27 Uhr

Die Anklageschrift zum Fall des in Chemnitz getöteten Daniel H. enthält laut einem Bericht der "Zeit" Ungereimtheiten. Mehrere Zeugenaussagen und Ermittlungsergebnisse widersprächen sich, berichtet die Zeitung. So gehe die Staatsanwaltschaft an einer Stelle und der Anklage davon aus, dass Alaa S. und Farhad A. das Opfer mit zwei Messern gleichzeitig von hinten und vorn erstachen.

An anderer Stelle der Anklageschrift heiße es jedoch, dass die beiden Beschuldigten das Opfer unter Verwendung "der gleichen Tatwaffe" getötet haben sollen - also mit nur einem Messer. Tatsächlich fanden die Ermittler laut der Anklageschrift nur ein einziges Messer mit Blutspuren des Opfers. Weitere belastende Indizien wie DNA-Spuren gegen Alaa S. gibt es dem Bericht zufolge nicht. Zudem habe der Hauptbelastungszeuge, auf dessen Angaben praktisch die gesamte Anklageschrift beruhe, in wesentlichen Punkten seine Aussage zugunsten von Alaa S. revidiert.

Das Landgericht hatte die Anklage zugelassen, der Prozess gegen Alaa S. soll am 18. März beginnen. Das Verfahren wurde aufgrund erhöhter Sicherheitsanforderungen in die Räume des Oberlandesgerichts Dresden verlegt. Angesetzt sind neun Verhandlungstage. Telefonisch war die Pressestelle des Gerichts nicht zu erreichen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass am 26. August des vergangenen Jahres zunächst Farhad A. mit Daniel H. in einen handgreiflichen Streit geriet. In dessen Verlauf sei der Tatverdächtige schließlich zu Fall gekommen. Alaa S. soll sich bis zu diesem Zeitpunkt bei einem nahe gelegenen Imbiss aufgehalten haben, dann aber Farhad A. zur Hilfe gekommen sein.

Alaa S. ist syrischer Staatsbürger und sitzt seit Ende August in Untersuchungshaft. Farhad A., ein Iraker, ist auf der Flucht. Den Männern wird unter anderem gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen. Nach Farhad A. wird seit Monaten mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Im Januar hatte die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe gegen einen dritten Mann fallen gelassen. Yousif A. sei keine Tatbeteiligung nachzuweisen, hieß es.

Die "Zeit" sieht nicht nur in der Anklageschrift Merkwürdigkeiten. So schreibt die Zeitung, der Haftbefehl gegen Alaa S. sei mit "Angaben d. Mitbeschuldigten Alaa S." begründet worden. Tatsächlich streitet Alaa S. die Vorwürfe ab. Die "Zeit" vermutet, der Haftrichter habe einen anderen Haftbefehl kopiert und die Namen nicht ausgetauscht.

Im Video: Die Hintermänner der Chemnitz-Krawalle

Foto: SPIEGEL TV

Nach Daniel H.s gewaltsamem Tod gab es in Chemnitz Großkundgebungen und Krawalle, Angriffe auf Migranten. Mehrere Rechtsradikale, die den Hitlergruß gezeigt hatten, wurden in Schnellverfahren verurteilt. An den Ausschreitungen sollen auch Mitglieder der mittlerweile zerschlagenen mutmaßlichen rechtsextremen Terrorzelle "Revolution Chemnitz"beteiligt gewesen sein. Die Vorfälle in Chemnitz stürzten die Regierung in eine schwere Krise, an deren Ende Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßenseinen Posten räumen musste.

ulz

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