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Panorama

Kindermord in Mörlenbach

Die Blutspuren am Zimmermannshammer

Ein Ärztepaar aus dem Odenwald soll vor der Zwangsräumung seine Kinder getötet haben. Der Mann nimmt die Schuld auf sich. Aber welche Rolle spielte die Frau bei der Tat?

Silas Stein/DPA

Ermittler in Mörlenbach (Foto vom 31. August 2018)

Von , Darmstadt
Mittwoch, 17.04.2019   20:12 Uhr

Die 11. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt steht vor einer nahezu unmöglichen Aufgabe: Sie sucht eine Erklärung dafür, wie ein Ärztepaar aus Mörlenbach im Odenwald in eine Lebenssituation geriet, in der es nur eine Lösung sah: seine gemeinsamen Kinder umzubringen. Ihr anschließender Versuch, sich selbst das Leben zu nehmen, misslang.

Werner und Christiane H. sind wegen Mordes an ihrem Sohn, 13, und ihrer Tochter, 10, angeklagt. In der Nacht auf den 31. August vergangenen Jahres, wenige Stunden vor der Zwangsräumung ihres Hauses, sollen die Eltern ihre Kinder mit einem dolchartigen Messer erstochen haben. Zudem soll der Vater mindestens 25 Mal mit einem Zimmermannshammer auf die Köpfe von Sohn und Tochter eingeschlagen haben.

Wenn die Prozessbeteiligten nach vorne an den Richtertisch gehen, um Fotos oder Dokumente anzusehen, bleiben die Angeklagten sitzen. Kein Wort, kein Blick, kein Zeichen füreinander.

Werner H., zweifach promoviert in Medizin und Zahnmedizin, spezialisiert auf Kiefer- und Gesichtschirurgie, hat vor Gericht die Schuld auf sich genommen. Die Tötung der Kinder sei spontan erfolgt, sagte er. Er habe nicht lange darüber nachgedacht. Seine Frau sei weder in die Planung noch in die Umsetzung eingeweiht.

Doch wie passt diese Einlassung zum Spurenbild?

"Der Hammer war überzogen von massiven Blutspuren"

Eine Diplom-Biologin erklärt am vierten Verhandlungstag, dass auch an Christiane H.s orangefarbener Pyjamahose, ihrem weißen Oberteil und ihren Turnschuhen Blutspritzer sichergestellt worden seien. Ebenso an einem der Tatwerkzeuge: einem 22,5 Zentimeter langen Zimmermannshammer, der Spur 1.2.5. "Der Hammer war überzogen von massiven Blutspuren", sagt die Gutachterin.

Wie wahrscheinlich es bei solch einer Spurendichte sei, dass Christiane H. den Hammer in der Hand gehabt habe, will ihr Verteidiger Sebastian Göthlich wissen. Das kann die Sachverständige nicht sagen.

Eine Expertin des Landeskriminalamtes für Daktyloskopie, Personenidentifizierung durch Fingerabdrücke, hat beide Tatwerkzeuge untersucht und festgestellt: Christiane H. hat auf dem silberfarbenen Metall des Hammers einen Teilabdruck ihrer linken Handfläche hinterlassen. Doch wann diese Spur darauf angetragen wurde, lässt sich im Nachhinein ebenfalls nicht bestimmen.

Für sie sei unklar, inwieweit Christiane H. in die Tat eingeweiht war, sagt eine Psychologin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Weiterstadt. Sie betreut Werner H. in der Haft, spricht mit ihm und prüft regelmäßig, ob er suizidal ist. Werner H. habe ihr anfangs erzählt, für ihn und seine Frau sei klar gewesen, dass die komplette Familie ausgelöscht werden müsse; dann wiederum habe er erklärt, die Tat im Alleingang begangen zu haben.

"Wenn wir aus dem Haus müssen, müssen sie uns raustragen"

Wer aber deckte dann die Kinder nach der Tat zu? Werner H. behauptete, das sei er nicht gewesen; er vermute, seine Frau habe sich noch von den Kindern verabschiedet und sie dabei zugedeckt. So erzählte er es im Herbst der Psychologin. Im Dezember habe er diese Version widerrufen und eine neue präsentiert: Demnach sei seine Frau davon ausgegangen, die Kinder würden nach dem Suizid der Eltern bei Nachbarn unterkommen. Vermutlich habe er selbst nach der Tat die Decken auf das Bett gelegt und es vergessen.

Jahrelang hatte das Paar im Rahmen eines Insolvenzverfahrens gegen die Räumung seines Hauses gekämpft. Nachbarn zufolge sagte Christiane H. in dieser Zeit: "Wir gehen durch die Hölle." Und: "Wenn wir aus dem Haus müssen, müssen sie uns raustragen." Einer JVA-Sozialarbeiterin sagte sie nach ihrer Festnahme: Der Deal mit ihrem Mann sei gewesen, dass sie alle vier gehen und nicht zwei übrigbleiben. An die Nacht, in der ihre Kinder starben, hat sie eigenen Angaben zufolge kaum Erinnerung.

Werner H. beschäftige sich hingegen intensiv mit dem Tathergang und beteuere, fünf nicht 25 Mal auf die Köpfe seiner Kinder eingeschlagen zu haben, sagt die Gefängnispsychologin. Er habe sich genau die Fotos von den Tatorten angesehen, die seine Tatversion stützen sollen: "Bei 25 Schlägen müsste der Kopf platt sein."

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Der Vorsitzende Richter Volker Wagner zeigt sich überrascht. "Der Vater schaut sich die Bilder seiner toten Kinder an. Wie deuten Sie das als Psychologin?" Das sei durchaus außergewöhnlich, sagt die JVA-Mitarbeiterin. Anfangs habe auch sie Sorge gehabt, dass er diese Fotos in seiner Zelle habe. Aber Werner H. habe damit keine Probleme. Er rechtfertige sich mit seinem beruflichen Hintergrund, er kenne fürchterliche Gesichtsverletzungen.

Der besondere Umgang des Dr. Dr. Werner H. mit dem brutalen Tod seiner beiden Kinder zieht sich durch das Verfahren. Die Gefängnispsychologin meint, eine Erklärung dafür gefunden zu haben: Seine emotionslose Art könne einem Abwehrmechanismus, einer Überlebensstrategie, der puren Verdrängung geschuldet sein. An manchen Tagen habe er gar mit sich im Reinen gewirkt; es gebe durchaus Täter, die keine Empathie empfänden - auch wenn sie ihre eigenen Kinder getötet haben.

Inzwischen kann Werner H. jedoch Trauer zulassen. Allerdings nicht lange. Schnell flüchtet er sich - der Psychologin zufolge - in solchen Momenten auf "sicheres Terrain": Dann erzählt Werner H. ausführlich - über das Insolvenzverfahren.

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