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Panorama

Ex-Drogenboss "El Chapo"

Der Chef ist schuldig, das Geschäft geht weiter

Der US-Sensationsprozess gegen "El Chapo", den einst mächtigsten Kartellboss der Welt, endet mit einem Schuldspruch. Doch der Drogenhandel floriert weiter - mit und ohne Trumps Mauer.

Foto: DPA
Von , New York
Dienstag, 12.02.2019   22:49 Uhr

Ein Krimi, bis zuletzt. Als der Richter das Urteil verliest, vermeiden die Geschworenen den Blickkontakt zum Angeklagten. Obwohl sie aus Angst vor Rache sowieso anonym geblieben sind. Obwohl besagter Angeklagter fest versprochen hat, sie nicht umbringen zu lassen.

So filmreif, wie er verlief, endet er auch, der Prozess gegen Joaquín "El Chapo" Guzmán, den einst mächtigsten Drogenboss der Welt.

Zehn Wochen lang wurde sie im Verhandlungssaal 8D des Brooklyner Bezirksgerichts erzählt, die Geschichte dieses Mexikaners, dessen Sinaloa-Kartell seit 1989 Hunderte Tonnen Rauschgift in die USA geschmuggelt und zahllose Morde begangen hat. Sechs Tage lang beriet die Jury aus acht Frauen und vier Männern darüber, wie das strafrechtlich zu fassen sei. Ihr Urteil ist dann so einmütig wie erwartungsgemäß: schuldig - in allen Punkten.

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Joaquín "El Chapo" Guzmán: Das Urteil gegen den Drogenboss

Sie hätten ihn "sehr stolz gemacht, ein Amerikaner zu sein", lobt Richter Brian Cogan die Geschworenen anschließend. Denn hier ging es ja nicht nur um das, was in der 32-seitigen Klageschrift steht - Betreiben einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel, Geldwäsche, Schusswaffengebrauch.

Es geht vielmehr auch um symbolische Wiedergutmachung: "Dieses Urteil", sagt Oberstaatsanwalt Richard Donoghue draußen vor Reportern, "ist ein Sieg für jede Familie, die jemanden ans schwarze Loch der Sucht verloren hat".

Doch einen Tag, nachdem US-Präsident Donald Trump in der Grenzstadt El Paso erneut seine Mauer zu Mexiko pries, vor allem als Staudamm gegen eine "Flut" von Drogen, ist dies zugleich ein Urteil über das System. Ja, "El Chapo" mag nun den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Der Prozess zeigte aber auch, dass in diesem gnadenlosen Geschäft Angebot und Nachfrage unvermindert weitergehen - mit und ohne Trumps Mauer.

Nichts wäre durch eine Mauer gestoppt worden

Die Staatsanwaltschaft ließ 56 Zeugen aufmarschieren, viele davon frühere Komplizen oder Rivalen Guzmáns. Keiner von ihnen sagte aus, dass das Kartell seine Ware über die offene Wüstengrenze zwischen den USA und Mexiko bewege - jene Grenze, die Trump nun zumauern will. Stattdessen läuft der Drogenhandel demnach meist über ganz reguläre, also schon jetzt massiv gesicherte Grenzübergänge, zu Wasser, zu Lande, durch die Luft. Er läuft - und floriert.

Personenwagen, Trucks, Frachtzüge, Flugzeuge, Hubschrauber, Schnellboote, Fischerboote, U-Boote, elaborierte Tunnel: Kein Transportmittel war Guzmán und seinen Leuten demnach zu aufwendig. Oft hätten sie Drogen und Bargeld in doppelten Böden oder in legalen Produkten versteckt, zum Beispiel in Speiseöl oder Dosen mit Jalapeños.

Nichts davon wäre durch eine Mauer gestoppt worden. Nichts davon wurde bisher gestoppt. Selbst der verfehlte, sündhaft teure "War on Drugs", den die USA seit Jahrzehnten kämpfen, zeigte keinerlei Wirkung. 72.000 Amerikaner starben 2017 - als Señor Guzmán längst in Haft saß - an einer Überdosis. Zwei Drittel davon erlagen Opioden aus heimischer Produktion, hergestellt von den großen US-Pharmakonzernen, die damit ebenso viele Milliarden machten.

"Er war immer ein Gentleman"

Darüber mögen die dramatischen Szenen im Gerichtssaal hinweggetäuscht haben - und die Akteure, die aus einer lateinamerikanischen Seifenoper zu stammen schienen. Der kolumbianische IT-Experte, der Guzmán ein geheimes Mobilfunknetz baute, mit dem er Unterlinge und Freundinnen gleichermaßen bespitzelte. Der Sohn des Geschäftspartners und designierte Erbe, der nicht nur seinen Vater verriet, sondern die Mechanismen des gesamten Kartells. Die junge Geliebte, mit der Guzmán dem Militär einmal nackt durch einen Tunnel entkam. Die Cops und Drogenfahnder beidseits der Grenze, die manchmal tief mit verstrickt waren.

AP

Gerichtszeichnung von Emma Coronel Aispuro, "El Chapos" Gattin

Sie alle zeichneten das Bild eines Kartellchefs, der so brutal wie sentimental sein konnte, zutiefst paranoid und doch publicitysüchtig. Der es mit Heroin, Kokain, Marihuana and Crystal Meth von bitterer Armut zum Multimilliardär brachte. Der ein Strandhaus in Acapulco besaß, Privatjets, eine Jacht und einen Privatzoo mit Löwen. Der Frauen liebte und Männer folterte, Politiker bestach und zweimal aus dem Gefängnis ausbrach. Der sich Verjüngungskuren unterzog, Hollywoodstar Sean Penn bewirtete und mit einer Telenovela-Aktrice Filme drehen wollte.

Nicht minder schillernd das Publikum im Saal. Allen voran Guzmáns treue Gattin Emma Coronel Aispuro, eine vormalige Schönheitskönigin. "Ich kenne meinen Mann nicht als die Person, als die man ihn darstellt", sagte sie in einem seltenen Interview mit der "New York Times".

Guzmáns Verteidiger haben Berufung angekündigt. "Er ist ein optimistischer Kerl", sagt sein Anwalt Jeffrey Lichtman nach dem Schuldspruch vor dem Gericht. "Er war immer ein Gentleman."

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Jury würde aus acht Männern und vier Frauen bestehen. Wir haben die Stelle korrigiert.

insgesamt 17 Beiträge
petra.blick 12.02.2019
1. Jeder sollt sich an seine eigene
Nase fassen. Der Konsument soll sich auch mal gerade machen, da er für alle diese Missetaten zahlt und sie möglich macht.
Nase fassen. Der Konsument soll sich auch mal gerade machen, da er für alle diese Missetaten zahlt und sie möglich macht.
spon-facebook-10000523851 13.02.2019
2. Solange
der Markt lebt und gedeiht, wird sich das wohl nicht aendern. Nur die Namen aendern sich.
der Markt lebt und gedeiht, wird sich das wohl nicht aendern. Nur die Namen aendern sich.
varphi 13.02.2019
3. Der autor
Übertreibt ganz schön. Sich zu ermaßen davon zu sprechen dass die Mauer keine Probleme verhindert zeigt subtil dem Bias des Autors nach links. Denn nie könnte jemand selbst mit guten Argumenten behaupten, dass Null Erfolg zu [...]
Übertreibt ganz schön. Sich zu ermaßen davon zu sprechen dass die Mauer keine Probleme verhindert zeigt subtil dem Bias des Autors nach links. Denn nie könnte jemand selbst mit guten Argumenten behaupten, dass Null Erfolg zu erwarten sei durch die Mauer, (was nicht stimmt, denn es kommen viele Probleme aus dem Süden).
benedetto089 13.02.2019
4.
Die USA betreiben lieber Symbolpolitik als irgendeines ihrer fundamentalen Probleme anzugehen. Glaubt denn wirklich jemand, dass sich in den Straßen der Innenbezirke der amerikanischen Großstädte etwas ändert nur weil dem [...]
Die USA betreiben lieber Symbolpolitik als irgendeines ihrer fundamentalen Probleme anzugehen. Glaubt denn wirklich jemand, dass sich in den Straßen der Innenbezirke der amerikanischen Großstädte etwas ändert nur weil dem Oberboss aus Mexiko, der eh schon seit Jahren ersetzt wurde jetzt der Prozess gemacht wird?!
gweihir 13.02.2019
5. Der Drogenhandel wird immer florieren
Ganz einfach, weil es einen Bedarf gibt. Dass man so eine einfache kapitalistische Argumentation ausgerechnet in den USA nicht versteht ist schon faszinieren. Statt diesem sinnlosen "War on Drugs" sollte man besser den [...]
Ganz einfach, weil es einen Bedarf gibt. Dass man so eine einfache kapitalistische Argumentation ausgerechnet in den USA nicht versteht ist schon faszinieren. Statt diesem sinnlosen "War on Drugs" sollte man besser den illegalen Markt mit Produkten austrocknen, die besser und billiger sind und die schaedlichen Nebenwirkungen minimieren.

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