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Panorama

Prozess gegen Ex-Drogenboss Guzmán

Wie "El Chapos" Geschäft funktionierte

Schmuggelrouten, Korruption, Geldwäsche: Der Prozess gegen Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzmán bietet Einblicke in kriminelle Abgründe. Klar scheint: Für die Verteidigung wird es schwer, ihre Linie aufrechtzuerhalten.

REUTERS
Von , Mexiko-Stadt
Sonntag, 13.01.2019   20:46 Uhr

Joaquín Guzmán, einst der meistgesuchte Drogenboss der Welt, verfolgt jeden Tag des Prozesses gegen ihn schweigend und in ungewohntem Outfit mit Krawatte und Anzug. Richter und Geschworene haben inzwischen neun der 16 Belastungszeugen gehört, die die Staatsanwaltschaft benannt hat. Den Prozessbeteiligten und den Zuhörern im Bundesgericht im New Yorker Stadtteil Brooklyn eröffnen die Aussagen tiefe Einblicke in das Geschäft, in dem Guzmán nach Überzeugung der Ermittler eine der mächtigsten Figuren war.

Die Beobachter haben erfahren, wie man mit einem kriminellen Imperium Milliardenumsätze generiert, wie und wo Guzmán und sein Sinaloa-Kartell ihr Kokain bezogen, wie hoch die Gewinnspannen waren und vermutlich noch immer sind. Schmuggelrouten, Strategien der Geldwäsche, brutale Bandenkriege, persönliche Rache und Abermillionen Dollar an Schmiergeldern, mit denen sich die Sinaloa-Bosse ihre Freiheit und ihren Schutz erkauften: Auch hierüber weiß man nun mehr.

Zwei Dinge sind jetzt schon offensichtlich:

Unter den Zeugen waren Guzmáns ehemalige Untergebene, sein Hauptzulieferer für Kokain aus Kolumbien, dessen Anwalt sowie der Mann, der "El Chapos" Drogen in den USA auf den Markt brachte. Und vor allem war da Jesús Vicente Zambada Niebla alias "El Vicentillo". Er ist so etwas wie der Kronzeuge der Anklage.

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Joaquín "El Chapo" Guzmán: Drogenboss vor Gericht

"El Vicentillo" ist der älteste Sohn von Guzmáns ewigem Kompagnon Ismael "El Mayo" Zambada. Zusammen haben sie das Sinaloa-Kartell groß gemacht. Während El Mayo noch immer auf der Liste der Drogenfahnder ganz oben steht, fassten Ermittler seinen Sohn 2009 in Mexiko-Stadt. Ein Jahr später lieferten die Mexikaner den Mann an die USA aus.

Zambada junior war einer der führenden Köpfe des Kartells. Kaum jemand kennt das Innenleben des Sinaloa-Syndikats besser, schon in der Pubertät führte ihn sein Vater an das Geschäft heran. Er war bei Treffen der Narcos dabei oder bei Absprachen mit Polizisten. Mit 15 lernte Vicente Zambada Guzmán kennen. "Ich verstand nach und nach, wie alles funktionierte und wuchs langsam ins Geschäft rein", sagte er.

Zambada junior berichtete als Zeuge davon, dass sein Vater und Guzmán zwischen 2001 und 2008 jeden Monat eine Million Dollar für die Bestechung von Polizisten aller Ebenen, von hochrangigen Militärs, Politikern und einfachen Staatsangestellten ausgaben. Auf der Payroll von Sinaloa standen laut dem Zeugen Generäle wie Marco Antonio de León Adams, Chefpersonenschützer des damaligen Präsidenten Vicente Fox (2001 bis 2006). Der Militär war angeblich ein Freund von Zambada senior und erhielt für seine Dienste vom Kartell 50.000 Dollar monatlich.

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Es ist deutlich, dass "El Chapo" auch deshalb ein ganz Großer im Business wurde, weil mexikanische Behörden und Politiker ihn gewähren ließen und unterstützten. "Korruption und Straflosigkeit", sagt Francisco Jiménez Reynoso, Experte von der Universität Guadalajara, sei die Formel, die es "El Chapo" und "El Mayo" erlaubt hätte, so lange ungestört ihren Geschäften nachzugehen: kolumbianisches Kokain über Mexiko in die USA zu schaffen, genauso wie Heroin, Marihuana und synthetische Drogen - in Mexiko produziert.

Der inhaftierte Kolumbianer Jorge Cifuentes, einst ein enger Vertrauter Guzmáns, berichtete bei seiner Vernehmung Mitte Dezember, wie Chapo selbst bei den damaligen Linksrebellen der Farc in Kolumbien sein Kokain kaufte und dies über Ecuador in Fischtrawlern und Schnellbooten nach Norden bringen ließ.

Laut Cifuentes kaufte das Sinaloa-Kartell zu Beginn der Nullerjahre ein Kilo Kokain für 3000 Dollar ein und verkaufte es für 11.000 weiter. Die erste ans Ziel gebrachte Lieferung von 6000 Kilo, die Cifuentes vermittelte, brachte dem Kartell demnach einen Gewinn von 48 Millionen Dollar. Um die Kommission von 25 Prozent wurde Unterhändler Cifuentes eigenen Angaben zufolge von "El Chapo" geprellt.

Das ist eine weitere Lehre des Prozesses: Guzmán war bei seinen kriminellen Geschäften so gewieft wie erfolgreich. Aber er verriet auch Freunde wie Feinde und betrog alle und jeden, um sich so lange wie möglich an der Macht zu halten. Manche von ihnen haben nun gegen ihn ausgesagt.

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