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Panorama

Fall Emanuela Orlandi

Spur zum deutschen Friedhof

Das Verschwinden von Emanuela Orlandi beschäftigt Italien seit Jahrzehnten. Nun gibt es mal wieder ein neues Gerücht - und das führt zum Grab eines deutschen Kardinals.

DPA

Suchbild von Emanuela Orlandi

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Freitag, 08.03.2019   19:06 Uhr

Der Campo Santo Teutonico, der deutsche Friedhof hinter den Mauern des Vatikans, ist ein beschaulicher Ort im kleinen Kirchenstaat. Spektakulär allenfalls durch seine Lage und seine Ursprünge, die bis zu Karl dem Großen reichen sollen. Viele Künstler, Priester, Pilger sind dort begraben.

Doch nun steht das stille Gräberfeld im Zentrum des wohl aufregendsten und meistdiskutierten Kriminalfalls Italiens: Liegen auf dem Friedhof womöglich die Gebeine von Emanuela Orlandi, der Tochter eines Vatikan-Angestellten, die seit 35 Jahren vermisst und gesucht wird?

Verworrene Theorien über Geheimdienstler und Priester, widersprüchliche Zeugenaussagen, Hinweise, die im Nichts endeten - all das hat den Fall zu einem Mysterium gemacht. Italiens wohl größter Krimi.

Am 22. Juni 1983 verschwand die damals 15-jährige Römerin. Ihr letztes Lebenszeichen waren Telefonate: Sie sei zu spät zum Flöten-Unterricht gekommen, weil ein Vertreter von Avon Cosmetics sie angesprochen und ihr ein Jobangebot gemacht habe, erzählte Emanuela Orlandi ihrer Schwester. Auch in einem Telefonat mit einer Freundin sprach sie von dem Angebot.

Alles danach ist ein Rätsel. Ein 16-Jähriger will sie am Nachmittag auf der Piazza Navona getroffen haben, mit ihrer Flöte, sie habe von zu Hause weglaufen und Kosmetik verkaufen wollen.

Die Polizei verteilte 3.000 Flugblätter mit Emanuelas Foto. Papst Johannes Paul II. appellierte an jene, die für das Verschwinden verantwortlich seien, das Mädchen freizulassen - und stufte damit den Fall als Entführung ein. "Wieso? Weiß er mehr, als die Polizei?", fragten sich viele Italiener.

Da begann eine Serie von Briefen, Telefonaten, Interviews, Filmen und Büchern zu dem Fall. So unterschiedlich die Theorien waren, hatten sie eines gemeinsam: Sie ließen sich nicht verifizieren.

Dieses Gerücht hielt einige Jahre. Marcinkus (gestorben 2006) war da schon tot, aber man traute dem Amerikaner, der viele Jahre lang Chef der mit dunklen Deals verbundenen Vatikan-Bank war, eigentlich alles zu. Als auch noch ein anonymer Anrufer sagte, Emanuelas Leiche läge im Grab di Pedis' in der Basilika Sant'Apollinare, beschloss die römische Justiz 2012, das Grab öffnen zu lassen. Denn die Kirche liegt direkt an dem Gebäude, in dem Emanuela zum Flöten-Unterricht war.

Doch man suchte vergebens. Keine Spur von dem Mädchen - nur die Frage tat sich auf, wieso ein Mafioso in der Basilika beerdigt werden konnte.

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Mafia und Vatikan: Der Fall Emanuela Orlandi

Im Herbst 2018 gruben Ermittler den Fußboden der vatikanischen Nuntiatur in der römischen Via Po auf, weil dort bei Renovierungsarbeiten menschliche Knochen gefunden worden waren. Doch die stellten sich als männlich heraus und sollen aus der Zeit vor 1964 stammen.

Welche Spur führt nun zum Campo Santo Teutonico, zum deutschen Friedhof? Rechtsanwältin Laura Sgrò, die die Familie Orlandi vertritt, bekam einen Brief, anonym natürlich, mit einem Foto. Auf dem hielt eine Engel-Statue eine Tafel in den Händen, auf der das lateinische "Requiescat in pace" steht, auf deutsch: "Ruhe in Frieden". In dem Brief heißt es angeblich: "Sucht dort, wohin der Engel zeigt".

Man fand den Engel auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, wo er auf eine Grabplatte mit zwei Namen zeigt, zu der wohl auch zwei Gräber gehören: das einer Prinzessin Sofia und das von Prinz Gustav von Hohenlohe. Dieser war ein Kurienkardinal, der 1896 in Rom verstarb und hier beigesetzt wurde und dessen Grab, sagt Anwältin Sgrò, sei laut Sachverständigen mindestens einmal geöffnet worden. Zudem hätten immer wieder Menschen dort Blumen in Gedenken an Emanuela abgelegt, weil sie wüssten - woher auch immer - dass die Leiche der Schülerin dort liege.

Das sei wohl Grund genug, der neuen Spur zu folgen und deshalb möge der Vatikan das Grab im Beisein von neutralen Sachverständigen öffnen lassen. Der Vatikan prüft noch, doch Gianfranco Girotti, pensionierter Chef des vatikanischen Strafvollzugs und Jahrzehnte mit dem Fall befasst, sagt, dass man dort nichts finden werde. Alles nur noch Gerüchte und Märchen, so der Monsignore. Man habe alles getan, was man machen konnte, jetzt sei "der Fall abgeschlossen".

Aber damit steht er wohl ziemlich allein in Italien.

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