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Panorama

Ermittlungspanne

"Phantom-Mörderin" ist ein Phantom

Der Fall des "Phantoms von Heilbronn" ist gelöst: Die Kriminelle, der Ermittler seit Jahren nachjagen, hat nachweislich nie existiert. Die an 40 Tatorten sichergestellte DNA-Spur stammt von einer Arbeiterin eines Verpackungsbetriebs in Bayern.

Freitag, 27.03.2009   18:49 Uhr

Hamburg - Ende einer millionenteuren Polizei-Panne: Das Rätsel um das sogenannte "Phantom von Heilbronn" ist gelöst. Die an 40 Tatorten sichergestellte DNA-Spur stamme nicht von einer Tatbeteiligten, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Heilbronn, Volker Link, am Freitag in Stuttgart. "Sie stammt, wie wir heute definitiv wissen, von einer anderen Frau."

Die DNA sei einer Arbeiterin eines Verpackungsbetriebs in Bayern zuzuordnen, erklärte der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts, Klaus Hiller. Das Institut für Rechtsmedizin in Homburg habe im Auftrag des Landeskriminalamtes Saarland festgestellt, dass die Spur von einer Arbeiterin stamme.

Das Institut hatte den Angaben zufolge an einem unberührten Wattestäbchen die DNA-Spur gefunden, woraufhin die Frau schließlich ausfindig gemacht werden konnte. Bereits im April 2008 habe die Soko "Parkplatz" eine Expertenkommission gebildet, um eine mögliche Spurenkontamination zu prüfen, sagte Link. Anlass war der Fund der "Phantom"-DNA im Zusammenhang mit einem Dreifachmord an georgischen Autoverkäufern bei Heppenheim. Damals wurden zunächst die Laborabläufe in den Landeskriminalämtern untersucht.

Anschließend wurden rund 300 unbenutzte Wattestäbchen aus der gleichen Bezugsquelle als sogenannte Leerproben geprüft. Dabei wurde keine Verunreinigung festgestellt. Nach erneuten Fällen mit der "Phantom"-DNA, deren Spurenlagen keinen Sinn ergaben, wurde weiter ermittelt. Schließlich stellte das Institut für Rechtsmedizin fest, dass ein noch unbenutztes Wattestäbchen mit der DNA der unbekannten weiblichen Person verunreinigt war.

Die Fehler bei den Ermittlungen wurden nach den Worten Hillers nur durch verunreinigte Wattestäbchen verursacht. Diese Stäbchen würden nun nicht mehr verwendet. "Die jetzt identifizierte Schwachstelle wird zu einer entscheidenden Verbesserung der Spurensicherung führen", erklärte der LKA-Präsident.

Es war ein Toter in einer Disco, der die Ermittler im Nachbarland stutzig werden ließ. Am 28. September 2008 starb in Linz ein 21-jähriger Bosnier - fünf Männer hatten ihn im Treppenhaus eines Tanzlokals bei einer Prügelei tödlich verletzt. Auf dem Finger des Opfers fanden Kriminaltechniker wenig später die DNA der in Deutschland gesuchten Serienkriminellen, die sie "das Phantom von Heilbronn" nannten.

Seit Jahren haben Dutzende Beamte in mehreren Ländern mit größtem Aufwand die "unbekannte weibliche Person" gesucht., Von dieser vermeintlichen Person waren an etlichen Tatorten DNA-Spuren gefunden worden, seit Mai 1993, so vermuteten die Fahnder, habe die Frau zahlreiche Diebstähle und Einbrüche begangen, auch an einem Raubüberfall sowie mindestens zwei versuchten und drei tatsächlich erfolgten Morden sollte sie beteiligt gewesen sein - darunter auch an der Erschießung der Polizistin Michèle Kiesewetter, 22, vor knapp zwei Jahren in Heilbronn.

"Für uns entstand daraus der begründete Verdacht, es nicht mit einer unbekannten Frau, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit kontaminierten Werkzeugen zu tun zu haben", sagte der Pressesprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Gerald Tatzgern, SPIEGEL ONLINE.

Die Gen-Spur der Gesuchten war auch in Österreich von 2004 bis 2007 bei insgesamt 16 Diebstählen aufgetaucht, in acht Fällen konnten die Täter gefasst werden. Die "Kronen"-Zeitung hatte noch im November 2008 berichtet, in Klagenfurt sei ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Kaukasier festgenommen worden, bei dem die Ermittler die weibliche DNA der Unbekannten gefunden hätten.

Seinerzeit sei eine zweite Probe angeordnet worden. Es sei daher veranlasst worden, sämtliche Stäbchen des Herstellers, die in den österreichischen Sicherheitsbehörden im Umlauf gewesen seien, sofort aus dem Verkehr zu ziehen. "Die Delikte waren auch so unterschiedlich, die konnten nichts miteinander zu tun haben", sagte Tatzgern.

jjc/Reuters/ddp/dpa/AP

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