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Panorama

Prozess gegen Folterpaar von Höxter

Eine kranke Liebe

In Paderborn beginnt der Mordprozess gegen das Folterpaar von Höxter. Angelika und Wilfried W. lockten offenbar über Jahre Frauen zu sich und sollen sie mit kaum fassbarer Grausamkeit gequält haben. Warum?

DPA

Versiegelte Tür des Hauses in Höxter-Bosseborn

Von
Dienstag, 25.10.2016   16:16 Uhr

In der U-Haft nimmt Angelika W. eines Tages einen Din-A-4-Zettel zur Hand und schreibt auf, wie ihr Leben zerstört worden sei. Ihr Ex-Mann Wilfried W. habe sie unter Druck gesetzt, missbraucht, manipuliert, an Gewalt gewöhnt, erniedrigt. Ertragen habe sie das alles blind vor Liebe und aus Sehnsucht, geliebt zu werden.

Das Dokument ist Anklage und Rechtfertigung zugleich. Angelika W. stilisiert sich als höriges Werkzeug eines Mannes, mit dem sie zwei Frauen getötet haben soll - gefühllos, unbarmherzig und unfassbar grausam. Mindestens sechs weitere Opfer soll das "Horrorpaar von Höxter" körperlich und seelisch schwer gequält haben. Über Jahre.

Prozess in Paderborn

Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Paderborn in Saal 205 der Prozess. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Paar Mord durch Unterlassen vor, außerdem zahlreiche Fälle von Körperverletzung. Bei Angelika W. geht es auch um versuchten Mord.

Es dürfte ein langer Prozess werden. Bis Ende März will die Erste Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Bernd Emminghaus verhandeln, zehn Prozesstage sind bereits anberaumt, es gibt 48 Zeugen. Und eine zentrale Frage wird sein, wer bei den Taten die treibende Kraft war, welche Rolle die beiden Angeklagten bei den Verbrechen hatten.

Es ist keine Amour fou, die beide verbindet. Sondern eine kranke Liebe. Angelika W. hat noch keine feste Beziehung gehabt, als sie 1999 im Alter von fast 30 Jahren Wilfried W. kennenlernt. Sie strahlte vor Verliebtheit, das weiß ihre Schwester noch heute. Angelika W. arbeitet damals in einer Gärtnerei, gilt als fleißig und pfiffig, geeignet für eine Führungsrolle.

Schon kurz nach Beginn der Beziehung, das schildert Angelika W. den Ermittlern, habe Wilfried W. ihr Gewalt angetan. Im Laufe der Jahre habe er sie immer wieder schwer misshandelt. Mit dem Spruch "Decken, Alte" etwa habe er ihr eine Decke und ein Oberbett über den Kopf gezogen und sich dann auf sie gelegt. Mindestens 20 Mal sei sie deshalb bewusstlos geworden. Den Job in der Gärtnerei gibt sie wegen Wilfried W. schon kurz nach Beginn der Beziehung auf.

DPA

Haus in Höxter

Wilfried W., 46, scheint nicht besonders intelligent zu sein. Schon als Kind fällt ihm das Lernen schwer. Er kommt auf die Sonderschule, lässt sich zum Hundeführer ausbilden, bricht die Lehre ab. Angelika W. schildert ihren Partner als einen Mann, der von ihr Unterwerfung verlangte. Von Anfang an.

Staatsanwalt Ralf Meyer hält Angelika W., 47, für glaubhaft und stützt sich in der Anklage weitgehend auf ihre Angaben. Der Ermittler ist überzeugt davon, dass Angelika W. nicht nur Täterin war, sondern auch Opfer. Sie habe über Jahre zahllose Kontaktanzeigen für Wilfried W. aufgegeben - um einsame Frauen nach Höxter-Bosseborn zu locken, in das gemeinsame Haus. Weil Wilfried W. das wollte.

Angelika W. soll stets das erste Gespräch mit neuen Frauen geführt haben. Sie habe sich als Schwester von Wilfried W. ausgegeben. Es sei das Ziel gewesen, die Opfer wie Leibeigene für Wilfried W. zu halten. Sie sollten allen Anweisungen ohne Widerspruch Folge leisten.

Die beiden Todesopfer, Anika W. und Susanne F., starben im August 2013 und im April 2016. Beide waren den Ermittlungen zufolge über Monate geschlagen worden. In den letzten Wochen ihres Lebens hätten sie die Nächte in einer Badewanne im Keller verbringen müssen - angekettet an Händen und Füßen. Die Anklage wirft dem Paar vor, es habe den Tod der Frauen zumindest billigend in Kauf genommen. Es habe den desolaten Gesundheitszustand gesehen und bewusst keine Hilfe geholt.

Kurz vor ihrem Tod stürzten beide Opfer schwer, das berichtet Angelika W. Die Leiche von Anika W. habe man Ende 2013 verbrannt, die Asche in der Nähe verstreut. Im April wollte das Paar die todkranke Susanne F. nach Niedersachsen zurückbringen. Als es während der Fahrt eine Autopanne hatte, kam Angelika W. offenbar nicht umhin, einen Krankenwagen zu rufen. In der Klinik wurden Ärzte misstrauisch und verständigten die Polizei. Das Paar flog auf.

AP

Spurensicherung im Mai in Höxter

Eine schwache Persönlichkeit?

Während Angelika W. die Taten einräumt und ihren Ex-Mann belastet, schweigt Wilfried W. In seiner einzigen Vernehmung kurz nach der Festnahme hat er die Vorwürfe bestritten. "Mein Mandant erklärt, dass er die Frauen nicht misshandelt hat", sagt der Bielefelder Strafverteidiger Carsten Ernst, der W. vertritt, gemeinsam mit Kanzleipartner Detlev Binder.

"Wilfried W. ist eine schwache Persönlichkeit", sagt Ernst, "er war lediglich Zeuge von Misshandlungen, die seine Ex-Frau begangen hat."

Das erscheint zweifelhaft. Bereits 1995 verurteilte das Amtsgericht Paderborn Wilfried W. zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Er habe seine damalige Ehefrau schwer misshandelt. "Er hat sie geradezu sklavenartig gehalten und missbraucht. Gefühlsäußerungen wie Mitleid scheinen diesem Angeklagten fremd."

Vor Gericht werden die Anwälte von Wilfried W. in seinem Namen eine Einlassung verlesen. Ein psychiatrischer Gutachter hält ihn für voll schuldfähig.

SPIEGEL TV Magazin (08.05.2016)

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