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Panorama

Prozess zum Fall Susanna

"...dann bringe ich sie um"

Mansoor Q. gab im Mordfall Susanna den entscheidenden Tipp: Bei seiner zweiten Befragung vor Gericht belastete der 14-jährige Kronzeuge den Angeklagten Ali B. schwer. Aber stimmt, was er behauptet?

REUTERS

Der Angeklagte Ali B.: Kündigte er wirklich an, Susanna töten zu wollen?

Von , Wiesbaden
Montag, 08.04.2019   17:05 Uhr

Die Stimmung im Verfahren gegen Ali B., den mutmaßlichen Mörder der 14 Jahre alten Susanna, ist angespannt. Der achte Verhandlungstag beginnt damit, dass Nebenklagevertreter Jörg Ziegler beantragt, einen Vorfall des vorangegangenen Verhandlungstages in das sogenannte Vorgangsprotokoll aufzunehmen: Die Mutter eines Mädchens, das als Zeugin befragt worden war, war auf Ali B. zugestürmt, hatte geschrien "Du Arschloch!" und einen zusammengefalteten Regenschirm in Richtung Anklagebank geworfen. Wachtmeister drängten die Frau aus dem Raum, wobei sie immer wieder "Hurensohn" rief.

Als Mansoor Q. an diesem Montag zum Zeugenstand geführt wird, hat Ali B. den Saal bereits verlassen müssen. Er darf die Befragung von Mansoor Q. nur in einem Videovernehmungszimmer verfolgen, weil er den 14-Jährigen zuletzt eingeschüchtert hatte.

Mansoor Q. gilt als Kronzeuge in diesem Verfahren. Erst nach Ali B.s Flucht aus Deutschland gab Mansoor Q. der Polizei den entscheidenden Hinweis, dass Ali B. die vermisste Susanna aus Mainz vergewaltigt, getötet und vergraben haben soll. Nach Ali B. wurde gefahndet, er wurde in Kurdistan festgenommen und muss sich nun wegen Mordes an Susanna vor dem Landgericht Wiesbaden verantworten.

"Wenn sie nicht mit mir schläft..."

In seiner ersten Vernehmung vor Gericht hatte Mansoor Q. von einer Busfahrt in die Wiesbadener Innenstadt berichtet. Ali B. soll dabei von Susannas erotischem Aussehen geschwärmt und gesagt haben: "Wenn sie nicht mit mir schläft, bringe ich sie um."

Hat Ali B. das wirklich gesagt und damit seine spätere Tat womöglich angekündigt? Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter hakt nun nach. Denn bei seiner polizeilichen Vernehmung sagte Mansoor Q. noch, Ali B. habe im Bus verkündet: "Wenn ich sie nicht ficken kann, lasse ich sie nicht in Ruhe." Von Tötungsabsichten war damals keine Rede.

Ali B. habe beides gesagt, behauptet Mansoor Q. nun: Er werde Susanna nicht in Ruhe lassen und er werde sie sonst töten. Warum er das in keiner Vernehmung zuvor je berichtet habe, will Kolb-Schlotter wissen. Er habe nicht alles im Kopf gehabt, sagt Mansoor Q. Erst später habe er Zeit zum Nachdenken gehabt, da sei ihm wieder vieles eingefallen. "Auch, dass er sie töten wollte", sagt der 14-Jährige.

Ali B. hat die Tötung Susannas vor Gericht zugegeben, eine Vergewaltigung bestreitet er. Nach der Tat soll er sich Mansoor Q. anvertraut, ihn eingeweiht und darum gebeten haben, ihm beim Vergraben des Leichnams zu helfen. Susannas Freundinnen sagten vor Gericht, Mansoor Q. habe ihnen erzählt, dass er dieser Bitte nachgekommen sei. Er selbst aber wehrt sich dagegen. Ali B. habe ihm von der Tat erzählt, ja, sagt Mansoor Q., aber beim Verscharren der Toten habe er ihn nicht unterstützt.

Warum soll Ali B. sich Mansoor Q. anvertraut haben?

Susannas Freundinnen berichteten auch, Mansoor Q. habe ihnen gesagt, er kenne den Tatort, weil Ali B. ihm davon erzählt habe; und er kenne den Ort von Susannas Grab, weil er ihm beim Entsorgen des Leichnams geholfen habe. Und er habe die Mädchen wenige Tage nach dem Mord an Susanna zu beiden Stellen geführt. Mansoor Q. gibt zu, mit drei Mädchen aufs Feld bei Wiesbaden-Erbenheim gefahren zu sein, die Details habe er jedoch nur aus Ali B.s Schilderungen gehabt.

Er habe Ali B. Ende 2017 über dessen jüngeren Bruder kennengelernt, man habe sich angefreundet, zusammen gefeiert und in der Innenstadt abgehangen. "Er hat mich wie einen jüngeren Bruder beachtet", sagt Mansoor Q. "Für mich waren wir wie gute Freunde."

Warum Ali B. ausgerechnet ihn nach Susannas Tod ins Vertrauen gezogen habe, wisse er nicht, sagt Mansoor Q. "Ich war ehrlich, habe nie gelogen, war kein Dieb, habe nie Schlechtes getan. Seiner Familie erzählte er, ich sei ein guter Junge."

Neben Mansoor Q. sitzt sein Anwalt Michael Harschneck. Mehrfach muss er eingreifen, seinen Mandanten an sein Zeugnisverweigerungsrecht erinnern oder für ihn antworten. Denn Mansoor Q. ist kein normaler Zeuge: Der 14-Jährige sitzt in Untersuchungshaft, er wird gefesselt durch einen besonders gesicherten unterirdischen Gang in den Saal geführt. In einem Verfahren vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Wiesbaden ist er wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch angeklagt. Mit ihm auf der Anklagebank: Ali B.

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