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Panorama

Unterstützung für "Chapo" Guzmán

Warum ein Massenmörder als Wohltäter verehrt wird

"El Chapo" Guzmán Loera, der meistgesuchte Drogenboss der Welt, ist in Haft. Doch viele in Mexiko feiern ihn als Helden und fordern seine Freilassung. Für sie ist er kein brutaler Gangster und Massenmörder, sondern ein Wohltäter - genau wie Pablo Escobar für viele Kolumbianer.

AFP
Von , Mexiko-Stadt
Sonntag, 02.03.2014   08:42 Uhr

Die Aufforderung kam per SMS, wurde in den sozialen Netzwerken gepostet und über Handzettel bekanntgemacht: "Kommt alle, um für 'Chapo' zu demonstrieren", hieß es überall, "wir wollen, dass der Held von Sinaloa freigelassen wird." Dem Aufruf kamen am Mittwoch viele tausend Menschen in Sinaloa nach, dem Staat an der Pazifikküste, wo Mexikos Drogengeschichte ihren Anfang nahm und die Wiege fast all derjenigen steht, die es in dem Business zu etwas gebracht haben.

Am weitesten von allen kam Joaquín "El Chapo" Guzmán Loera. "Der Kurze" wurde als Chef der mächtigsten mexikanischen Mafia zum meistgesuchten Drogenboss der Welt, schaffte es zeitweise auf die Liste der tausend reichsten Milliardäre des Wirtschaftsmagazins "Forbes", wurde berühmt, berüchtigt und vor allem bewundert.

Aber vor einer Woche endete vorerst die Geschichte des Chefs des mexikanischen Sinaloa-Kartells, als er nach 13 Jahren auf der Flucht gestellt wurde. Und am Mittwoch zeigten alleine in Culiacán, der Hauptstadt Sinaloas, 2000 Menschen was sie von Guzmáns Festnahme hielten. "Queremos libre al Chapo": "Wir wollen unseren Chapo in Freiheit", forderten Junge und Alte mit finsteren Minen, untermalt wurde das ganze von Musik aus Tubas und Posaunen.

Der Trauermarsch erinnerte an das, was sich vor etwas mehr als 20 Jahren viele tausend Kilometer weiter südlich in Kolumbien ereignete. In Medellín, der damaligen Drogenhauptstadt der Welt und Heimat des gleichnamigen Kartells, wurde wenige Tage nach seiner Erschießung am 2. Dezember 1993 Pablo Escobar beigesetzt. 20.000 Menschen sollen damals an der Beerdigung teilgenommen haben.

Beide leiteten Verbrechersyndikate von globalen Dimensionen

Guzmán und Escobar - ihre Biografien weisen viele Parallelen auf. Beide waren Milliardäre und Massenmörder, beide leiteten Verbrechersyndikate von globalen Dimensionen. Und beide führten die Staatsmacht in Mexiko und Kolumbien vor und brachten ihre Länder zeitweise an den Rand der Unregierbarkeit.

Aber Escobar und Guzmán waren eben nicht nur Wahnwitzige, sondern auch Wohltäter. Sie wurden lange von der Bevölkerung gestützt und geschützt, was zum Teil erklärt, warum sie so schwer zu fassen waren. Beide profitierten zugleich auch von der Bestechlichkeit der Institutionen in ihren Ländern, der Komplizenschaft vom kleinen Polizisten bis zum großen Senator.

Ähnlich wie Escobar 1993 in seiner Heimat wird auch Guzmán 2014 in Sinaloa und großen Teilen Mexikos nicht als Drogenboss und Krimineller wahrgenommen, sondern als Arbeit- und Almosengeber. Beide taten in der Wahrnehmung vieler Menschen Böses, um Gutes zu bewirken.

Sowohl in Kolumbien als auch in Mexiko verkläre sich die Realität um zwei der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu einem Mythos, sagt Elmer Mendoza. "Daraus entstehen dann die wahrhaft großen Legenden."

Der 64 Jahre alte Krimi-Autor muss es wissen. Er stammt aus Culiacán und hat sein ganzes Leben dort zugebracht. Seine Geschichten spielen im Drogenmilieu, er ist mit Jungen zur Schule gegangen, die später Drogenbosse wurden.

Die Unterstützer von Guzmán seien Menschen, denen er Arbeit gab, die von ihm profitiert hätten, sagt Mendoza auf die Frage, wer denn da am Mittwoch für den Sinaloa-Chef auf die Straße gegangen sei. "Es waren aber auch Leute die das Gefühl haben, dass die Regierung sie im Stich lässt."

Nach Naturkatastrophen half die Mafia schneller als der Staat

"Wer sich in den abgelegenen Dörfern der Sierra Sinaloas über ausgebesserte Straßen, restaurierte Kirchen und gestrichene Schulen wundert, dem sagen die Menschen offen, dass es der 'Chapo' war", erzählt Mendoza. Auch in Medellín finden sich bis heute noch Verehrer von Escobar. Und dessen Grab aus schwarzem Marmor wird noch jeden Tag beweint, gereinigt und mit frischen Blumen versorgt.

Niemand in Medellín hat vergessen, dass Escobar zu Beginn seines Aufstiegs ein ganzes Stadtviertel für Menschen errichten ließ, die zuvor auf einer Müllhalde lebten, dass er 50 Fußballplätze anlegen ließ, Schulen baute und Wälder wieder aufforstete. Ähnlich wie "Chapo" Guzmán füllte auch Pablo Escobar eine Lücke, die der Staat hinterließ.

Sowohl der Mexikaner als auch der Kolumbianer waren begabt mit Intelligenz und ausgestattet mit genügend Grausamkeit und Ehrgeiz. Probte Escobar noch vorsichtig die Internationalisierung, perfektionierte Guzmán die Globalisierung. Heute hat das Sinaloa-Kartell in 54 Staaten seine Tentakel und ist dabei in 21 verbotenen Geschäftsfeldern tätig.

"Chapo" Guzmán liebte spektakuläre Auftritte

Aber schon der Kolumbianer schaffte es zu seiner Zeit auf die Liste der vermögendsten Männer der Welt. Das Magazin "Forbes" führte Escobar 1989 mit geschätzten drei Milliarden Dollar als den siebtreichsten Menschen der Welt.

Bei allen Parallelen bestehen aber auch entscheidende Unterschiede. Escobar war lange eine Person des öffentlichen Lebens, saß sogar ein paar Monate im Parlament und dachte allen Ernstes, er könne Präsident Kolumbiens werden. Seine Allmachtphantasien gipfelten in dem Glauben, dass er der zweitwichtigste Mensch nach dem Papst sei. Erst später, als er zum Public Enemy Nummer eins wurde, tauchte Escobar in den Untergrund ab.

Dort lebte "Chapo" Guzmán hingegen von Anfang an. Aber auch der Mexikaner liebte die spektakulären Auftritte, wenn er etwa mit seinem Heer von Leibwächtern plötzlich irgendwo in einem teuren Restaurant auftauchte, freundlich die Handys der Gäste einsammeln ließ, in Ruhe speiste und schließlich die Rechnung für alle übernahm.

Am Ende aber treffen sich beide Biografien wieder. In Medellín hat sich längst ein Escobar-Tourismus etabliert, der den Besucher zu den Wirkungsstätten des Drogenbosses führt. Auch nach Guzmáns Festnahme träumen manche schon vom Reibach. Man könnte "El Chapos" letztes Versteck doch in ein Museum verwandeln, empfahl dieser Tage Armando de la Cruz Uribe, Präsident des mexikanischen Hotelverbands AMHM.

insgesamt 37 Beiträge
marckremer73 02.03.2014
1. Ist alles die DEA und die amerikanische Drogenpolitik Schuld
Würden die westlichen Regierungen endlich einsehen, dass die Nachfrage nach einem Produkt immer auch ein Angebot mach sich zieht, würde diese sinnlose DEA aufgelöst, alle Drogen legalisiert und die immensen Gewinne eines Chapos [...]
Würden die westlichen Regierungen endlich einsehen, dass die Nachfrage nach einem Produkt immer auch ein Angebot mach sich zieht, würde diese sinnlose DEA aufgelöst, alle Drogen legalisiert und die immensen Gewinne eines Chapos würden sich in Luft auflösen. Mir leuchtet es einfach nicht ein wieso manche Drogen wie z.B. Alkohol erlaubt sind und andere Drogen wie z.B. Koks verboten sind. Und vor allem wieso die USA glauben diese unsinnige Entscheidung auch noch allen anderen Staaten aufzunötigen müssen. Wäre ich Angestellter der DEA wäre ich wohl zutiefst deprimiert, weil ich einen der nutzlosesten und erfolglosesten Jobs auf diesem Planeten nach gehe, denn wenn ich einen wie Escobar oder Chapo fasse, kommen direkt drei Neue nach... Man muss wohl glauben, dass Abgeordnete in den verschiedensten Ländern Mitglieder der Drogenkartelle sein müssen und von diesem enormen Gewinnen profitieren.
imlattig 02.03.2014
2. warum....
singt der spiegel ein loblied auf gangster? nur weil sie (die gangster) auch den kapitalismus verehren? genuegt das um sich zu legimitieren? auch ist es zweifelhaft diesen herren eine ausserordentliche intelligenz zu [...]
singt der spiegel ein loblied auf gangster? nur weil sie (die gangster) auch den kapitalismus verehren? genuegt das um sich zu legimitieren? auch ist es zweifelhaft diesen herren eine ausserordentliche intelligenz zu bescheinigen. um genuegend erfolgreich zu sein braucht man nur ein gewisses maass an brutalitaet. fuer das geschaeftliche genuegt ein marginales handling an gerissen- heit. wie in der realen wirtschaft. der rest ist: klappern gehoert zum handwerk. darauf sollten journalisten wie z.b. beim spiegel nicht hereinfallen.
silberstern 02.03.2014
3. Subjektivität
Das ist das Problem vieler "westlicher" Menschen. Guzman oder Escobar unterscheiden sich nur in wenigen Punkten von unserer "Elite". Allen ist gemein, dass sie neben der Stärkung der Gesellschaft, Umverteilung [...]
Das ist das Problem vieler "westlicher" Menschen. Guzman oder Escobar unterscheiden sich nur in wenigen Punkten von unserer "Elite". Allen ist gemein, dass sie neben der Stärkung der Gesellschaft, Umverteilung auf die Bedürftigen auch persönliche Macht und Reichtum abschöpfen. Auch denen wird zugejubelt (unser Mittelstand, oder wer sich dafür hält) während sie anderswo gehasst werden (Griechenland, Osteuropa...) Gewalt und Morde sind dagegen eher eine Frage des Entwicklungsstandes der Gesellschaft.
hesekiel2517 02.03.2014
4. Loblied
..ncht SPON singt ein Loblied,sondern ein Teil der Bevölkerung des Landes,in dem diese angeblichen "Gangster"tätig waren.
Zitat von imlattigsingt der spiegel ein loblied auf gangster? nur weil sie (die gangster) auch den kapitalismus verehren? genuegt das um sich zu legimitieren? auch ist es zweifelhaft diesen herren eine ausserordentliche intelligenz zu bescheinigen. um genuegend erfolgreich zu sein braucht man nur ein gewisses maass an brutalitaet. fuer das geschaeftliche genuegt ein marginales handling an gerissen- heit. wie in der realen wirtschaft. der rest ist: klappern gehoert zum handwerk. darauf sollten journalisten wie z.b. beim spiegel nicht hereinfallen.
..ncht SPON singt ein Loblied,sondern ein Teil der Bevölkerung des Landes,in dem diese angeblichen "Gangster"tätig waren.
mightyschneider 02.03.2014
5. Angesehene Massenmörder
Die Frage gehört mit zu den interessantesten der Geschichte. Oft ist es Charisma, oder das optische Erscheinungsbild. Che Guevara gilt ebenfalls als Massenmörder und ist seit gut 50 Jahren fester Teil der Popkultur. Hier half [...]
Die Frage gehört mit zu den interessantesten der Geschichte. Oft ist es Charisma, oder das optische Erscheinungsbild. Che Guevara gilt ebenfalls als Massenmörder und ist seit gut 50 Jahren fester Teil der Popkultur. Hier half wohl noch eine gewisse Legendenbildung nach. Und, wie im Fall Loera: Neben seinen kriminellen Aktivitäten und seiner Massenmorde war er eben auch für das Volk da, zumindest war ihm sehr daran gelegen, dies zu verbreiten.
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