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Panorama

Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg

"Als wären wir alle wie Monster über sie hergefallen"

Elf Männer stehen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer 18-Jährigen vor Gericht. Ein 25-jähriger Tatverdächtiger schilderte nun seine Version der Nacht.

Thomas Kienzle/AFP

Der Prozess vor dem Landgericht Freiburg begann am 26. Juni

Von Wiebke Ramm, Freiburg
Mittwoch, 10.07.2019   19:46 Uhr

"Wo soll ich da anfangen?" Timo P. streicht sich mit einer Hand verlegen über den Unterarm. Es ist ihm peinlich, darüber zu sprechen, was in jener Nacht zum 14. Oktober 2018 in einem Wäldchen neben einer Diskothek in Freiburg geschehen ist. Sein rechtes Bein zuckt nervös. Seine Füße sind gefesselt. Timo P. windet sich, lächelt schief und beginnt zu erzählen.

Er redet frei. Der 25-Jährige liest an diesem vierten Verhandlungstag vor dem Landgericht Freiburg keine vorformulierte Erklärung ab. Er lässt auch nicht seine Verteidigerin für sich sprechen. Schon gegenüber der Polizei hat Timo P. umfangreich ausgesagt. Seine Aussage damals wie heute lautet: Er habe die junge Frau zu nichts gezwungen. Nicht er, sondern sie habe Sex gewollt. Er sei schließlich schwach geworden und habe sich von ihr oral befriedigen lassen.

Timo P. ist zusammen mit zehn weiteren Männern wegen Vergewaltigung angeklagt. Die elf Angeklagten sollen im Oktober eine 18-Jährige nacheinander sexuell missbraucht haben. Die Version von Timo P. ist eine andere. Er sagt: "Es wird immer so dargestellt, als wären wir alle wie Monster über sie hergefallen. Aber so war es nicht!"

"Da braucht jemand Hilfe"

Er sei gegen 0.30 Uhr in dem Technoklub im Norden Freiburgs angekommen. Dort sei er mit Majd H., dem Hauptangeklagten, verabredet gewesen. Da er ihn nicht gefunden habe, habe er ihn angerufen. "Er braucht meine Hilfe, hat er gesagt", sagt Timo P. Da sei ein Mädchen, das "drauf" sei und Sex wolle. Timo P. solle nach ihr schauen und sie dazu bringen, zurück in den Klub zu gehen. Timo P. wiederholt es mehrfach: "Majd hat nicht gesagt, da will jemand Sex haben. Das hat er nicht gesagt. Er hat gesagt: Da braucht jemand Hilfe." Die junge Frau habe in einem Gebüsch gelegen und nach Sex verlangt. Majd H. habe sinngemäß zu ihm gesagt: "Was machen wir denn jetzt? Die kann ja nicht genug kriegen." Timo P. habe die Frau dann angesprochen, Majd H. sei verschwunden.

Die Frau habe angefangen, ihn zu streicheln. Timo P. bricht ab. "Das ist so peinlich, das hier vor den ganzen Leuten zu erzählen." Er windet sich, erzählt dann weiter. Die Frau habe ihn dann mit dem Mund befriedigt. Danach habe er sie erneut aufgefordert, aus dem Gebüsch zu kommen. "Aber sie wollte bleiben." Er solle ihr weitere Männer vorbeischicken, habe sie gesagt. "Ich bin dann wieder reingegangen", sagt Timo P.

Sein Eindruck sei gewesen, dass sie unter dem Einfluss von Ecstasy stand. Er habe das an ihren geweiteten Pupillen erkannt. Timo P. kennt sich mit Drogen aus. Er kenne auch die enthemmende Wirkung von Ecstasy, sagt er, aus eigener Erfahrung mit seiner Verlobten. Tatsächlich hatte die Frau Ecstasy geschluckt. Laut Anklage war die Pille hoch dosiert.

Mit Drogen hat Timo P. reichlich Erfahrung

Timo P. ist der einzige Angeklagte mit deutschem Pass. Seine zehn Mitangeklagten sind Flüchtlinge aus Syrien, Algerien und dem Irak. Auch Timo P. hat bereits eine Menge erlebt. Viel Schönes war nicht darunter. Die ersten zwölf Jahre lebte er bei seiner heroinabhängigen Mutter, danach in verschiedenen Heimen, bei Pflegefamilien und zwischendurch immer wieder bei seiner Mutter. Zu seinem Vater, ebenfalls drogenabhängig, hat er keinen Kontakt. Seine Mutter ist vor fünf Monaten gestorben. Einen Schulabschluss hat Timo P. nicht, als ungelernter Arbeiter schlug er sich so durch. Heute hat er 36.000 Euro Schulden. 2015 habe er seine heutige Verlobte kennengelernt.

Wegen Körperverletzung saß Timo P. schon im Gefängnis. "Da war ich betrunken", sagte er am zweiten Verhandlungstag, als er vor Gericht sein bisheriges Leben schilderte. Auch mit Drogen hat er reichlich Erfahrung. Mit elf Jahren habe er angefangen zu kiffen. "Als ich 14 war, wurde mein Cousin erstochen, von da an habe ich täglich Drogen genommen" - Marihuana, Speed, Ecstasy, Kokain.

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Nun ruft er dem Vorsitzenden Richter entgegen: "Ich bin kein Vergewaltiger!" Die Frau hätte jederzeit aufstehen und gehen können, sagt er - oder ihm in den Penis beißen können. Richter Stefan Bürgerlin erklärt ihm ruhig, dass auch sexueller Missbrauch von widerstandsunfähigen Personen eine Vergewaltigung sei. "Man kann eine Vergewaltigung auch ohne Gewalt begehen", sagt der Richter. Dann geht er Vernehmung für Vernehmung durch, liest Passagen vor und lässt sich von Timo P. bestätigen, dass er das bei der Polizei genau so gesagt hat. Demnach habe Timo P. von mehreren Angeklagten erfahren, dass sie Sex mit der Frau hatten. Von einigen wisse er dies nur vom Hörensagen.

"Sie haben nichts falsch gemacht?"

"Alle, die sich eingelassen haben, sagen, dass die Frau Sex wollte", bemerkt Richter Bürgerlin. Er fragt, ob sich die Angeklagten abgesprochen haben. Timo P. weist es empört zurück. Die Frau hatte wenige Stunden nach den mutmaßlichen Vergewaltigungen Anzeige bei der Polizei erstattet.

Timo P. meldete sich freiwillig bei der Polizei. Der Staatsanwalt fragt, warum er das getan habe. "Weil ich der Meinung bin, dass wir nichts falsch gemacht haben", sagt er. Er habe einfach alles aufklären wollen. "Sie sind also der Meinung, Sie haben nichts falsch gemacht?", fragt der Staatsanwalt. "Doch, ich habe schon was falsch gemacht", sagt Timo P.: "Ich bin meiner Freundin fremdgegangen. Das ist scheiße."

Um kurz vor 18 Uhr gibt am Mittwoch auch Majd H., der Hauptangeklagte, eine Erklärung ab. Er lässt seinen Anwalt wenige Sätze vorlesen. "Ich habe sie nicht vergewaltigt", liest Verteidiger Jörg Ritzel im Namen seines Mandanten vor. Er habe "auf ihr ausdrückliches Verlangen und mit ihrem Einverständnis" sexuell mit ihr verkehrt. Er habe der 18-Jährigen kein Ecstasy verkauft, ihr auch keine K.-o.-Tropfen ins Getränk gemischt, wie es in der Anklage heißt. Er habe sie zurück in die Diskothek bringen wollen, "sie wollte nicht". Er habe auch niemanden aufgefordert oder ermuntert, zu ihr zu gehen. Majd H. ist unter anderem wegen Vergewaltigung und Anstiftung zur Vergewaltigung angeklagt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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