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Panorama

G20-Prozess

Traumatisiert im Villenviertel

Fünf junge Männer stehen wegen der G20-Krawalle in der Hamburger Elbchaussee vor Gericht. Damals entstand laut Anklage ein Schaden von mehr als einer Million Euro. Und mancher Betroffener leide noch heute.

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Angeklagte vor Gericht

Von Wiebke Ramm
Dienstag, 18.12.2018   18:35 Uhr

Am Anfang gibt es Applaus. Riesiger Beifall und Jubel branden auf, als Halil Ibrahim K., Can Cihan N. und Loic S. in den Gerichtssaal geführt werden. Die Angeklagten strahlen über das ganze Gesicht. Sie begrüßen ihre Freunde im Zuschauerraum und herzen ihre Familien, die bei ihnen Platz nehmen dürfen. Mütter, Väter, Geschwister, sogar Tante und Onkel sind dabei. Die Vorsitzende Richterin lässt es geschehen.

Ginge es nach Richterin Anne Meyer-Göring, wären die beiden jungen Männer aus dem Raum Frankfurt und der junge Franzose ohnehin nicht mehr in Untersuchungshaft, sondern ebenso wie die beiden Mitangeklagten Roni S. und Khashajar H. längst frei. Die Richterin sah keine Fluchtgefahr, doch die Staatsanwaltschaft intervenierte und das Oberlandesgericht entschied gegen die Freiheit der drei.

Die Zeichen stehen auf Konfrontation, schon bevor an diesem Dienstag im Landgericht Hamburg der G20-Prozess um die Randale an der Elbchaussee begonnen hat.

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Kundgebung vor dem Hamburger Landgericht

Am Morgen des 7. Juli 2017 brannten auf Hamburgs feiner Elbchaussee die Autos. Böller explodierten, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Etwa eine Stunde lang zogen Vermummte randalierend durch die Straßen. Zurück blieben verkohlte Autowracks, zerborstene Scheiben und schockierte Anwohner. Ein Internetvideo zeigt, wie einer der Vermummten ein A an eine Hauswand sprüht und einen Kreis drumherum malt - das Zeichen für Anarchie. Die Polizei scheint an jenem Freitagmorgen weit weg gewesen zu sein.

Es ist eine Schadensbilanz, die Staatsanwalt Tim Paschkowsky zu Beginn der Verhandlung vorträgt. Auto für Auto listet er in der Anklage auf, Laden für Laden. Er nennt die Anzahl der Scheiben, die unter anderem in einer Apotheke, mehreren Bäckereien, in Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien, Immobilienmaklerbüros und auch bei Ikea zu Bruch gingen. Hausfassaden wurden mit Farbbeuteln beworfen und durch explodierende Böller beschädigt. Er erwähnt auch ein Dixi-Klo, das in den Flammen geschmolzen sei.

Der Staatsanwalt beziffert jeden einzelnen Schaden, nennt mal 815 Euro, mal 3108 Euro, mal 20.700 Euro. Nach einer guten halben Stunde ist er bei einer Gesamtsumme von einer Million Euro angekommen, mindestens.

Die Anklage wirft den fünf Männern im Alter von 18 bis 24 Jahren unter anderem schweren Landfriedensbruch, Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz vor. Bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen bei einer Verurteilung.

Helfer? Mittäter?

Dass sich die vier jungen Hessen an den Ausschreitungen aktiv beteiligt haben, kann ihnen die Staatsanwaltschaft nicht nachweisen. Doch sie meint, allein die Anwesenheit reiche für eine Verurteilung als Mittäter aus. Die Richterin wird später darauf hinweisen, dass es auch nur - psychische - Beihilfe sein könnte.

Laut Anklage habe die vermummte Gruppe von etwa 220 Teilnehmern den gemeinsamen Entschluss gefasst, Straftaten zu verüben und "Angst und Schrecken zu verbreiten". Wer nicht selbst randaliert habe, habe Passanten eingeschüchtert und so die Gewalt der anderen mit ermöglicht. Der angeklagte Franzose soll zudem einen Böller in einen Hauseingang geworfen und am Abend andernorts Polizisten mit Steinen und Flaschen attackiert haben.

Amateuraufnahmen aus einem Bus: Randale auf der Elbchaussee

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es blieb an jenem Morgen nicht bei Sachschäden. Acht Menschen wurden verletzt. Ein Busfahrer, der mit seinem Linienbus und seinen Fahrgästen in den Weg der Vermummten geriet, ist traumatisiert worden, sagt der Staatsanwalt. Es gibt ein Handyvideo dieser Situation, das im Internet kursiert. Der Busfahrer habe mehrere Monate in einer Klinik behandelt werden müssen. Noch heute habe er sich von den psychischen Folgen nicht vollständig erholt.

Die Verteidiger reagieren mit längeren Erklärungen auf die Anklage. Der Staatsanwaltschaft gehe es um eine "Verurteilung um jeden Preis", sagt der Verteidiger Lukas Theune. Im Falle seines Mandanten, Loic S., überschreite die Hamburger Polizei dafür sogar ihre Kompetenzen und ermittele mehrfach ohne Genehmigung in Frankreich.

Videos aus Überwachungskameras

Verteidigerin Gabriele Heinecke sagt, wenn die Angeklagten überhaupt auf der Elbchaussee dabei gewesen seien, dann nur, um ihr Demonstrationsrecht auszuüben. Heinecke vertritt den 18-jährigen Roni S. Außerhalb des Saals sagt sie: "Dass sie aufgrund eines Dabeiseins einen Millionen-Sachschaden mitverantwortet haben sollen, halten wir für absurd." Es wäre die Pflicht der Polizei gewesen, spätestens nach dem ersten Notruf eine friedliche Demonstration zu ermöglichen, das habe sie nicht getan. "Unsere Mandanten haben nichts gemacht, außer ihr Demonstrationsrecht auszuüben", sagt Heinecke - und ergänzt: "Wenn sie denn da gewesen sind."

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Anklage basiert vor allem auf Videos von Überwachungskameras. Es heißt, die Bilder sollen Interpretationsspielraum lassen, was genau darauf zu sehen ist. Sie werden noch eine große Rolle spielen vor Gericht. Und auch in diesem Fall werden die Meinungen auseinander gehen.

Staatsanwalt Paschkowsky will die Anwürfe der Verteidigung an diesem Tag nicht einfach stehen lassen. "Die Tat hat mit der Versammlungsfreiheit so viel zu tun wie der HSV mit der Champions League", sagt er, "nämlich gar nichts. Das Einzige, was hier demonstriert wurde, waren Gewalt und Zerstörungswut."

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