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Panorama

Attacke in Halle

Was über den Anschlag und den Verdächtigen bekannt ist

Er wollte eine Synagoge stürmen, schoss auf Passanten und Polizisten - und filmte sich dabei. Was über den antisemitischen Anschlag von Halle und den Festgenommenen bekannt ist.

Foto: Andreas Splett/ AFP
Von und
Donnerstag, 10.10.2019   09:56 Uhr

Der Täter zeichnete alles auf. Die Schüsse, die sterbenden Menschen. Wie er versucht, eine Synagoge zu betreten und scheitert. Wie er "Fuck" schreit und sich einen "Loser" nennt.

Das Video ist eine gute halbe Stunde lang und dokumentiert die Tat eines offensichtlich antisemitischen, rechtsextremen, radikalisierten jungen Mannes. Es zeigt nach SPIEGEL-Informationen Stephan B., 27 Jahre alt, aus Sachsen-Anhalt. Er hat einen gemieteten Golf mit Waffen und Sprengsätzen beladen, um am höchsten jüdischen Feiertag in Halle Menschen zu töten.

Der Täter erschießt einen Mann und eine Frau, verletzt weitere Personen, wird von der Polizei angeschossen. Er flieht zunächst in seinem Wagen, dann in einem Taxi, ehe er einen Unfall baut und an der B91 festgenommen wird, einige Dutzend Kilometer südlich von Halle.

Fotostrecke

Sachsen-Anhalt: Tödliche Schüsse in Halle

Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. "Wir gehen von einer rechtsextremistischen und antisemitischen Motivation der Tat aus", sagte ein Behördensprecher dem SPIEGEL.

Im Internet ist auch ein Manifest aufgetaucht, in dem detailliert Anschlagspläne beschrieben werden. Experten des International Centre for the Study of Radicalization (ICSR) in London haben es in einem rechten Forum entdeckt. Nach SPIEGEL-Informationen liegt das aus drei PDF-Dateien bestehende Dokument den Ermittlern vor.

Nach ersten Prüfungen wird es als "authentisch" bewertet, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. Unter anderem stimmten die in dem "Manifest" abgebildeten und vom Täter offenbar teils selbst gebauten Schusswaffen mit den tatsächlich bei dem Anschlag eingesetzten Waffen überein. Demnach ist in dem Dokument davon die Rede, "vorzugsweise Juden" zu töten. Auch Muslime oder Linke werden als potenzielle Ziele erwähnt.

Spitzenpolitiker aus dem In- und Ausland zeigten sich erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte noch am Mittwochabend eine Synagoge in Berlin, um ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde auszudrücken.

Video aus Halle: "Wie eine Geisterstadt"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Noch ist nicht viel über Stephan B. bekannt. Nach Informationen des SPIEGEL war er der Polizei zuvor nicht aufgefallen. Er lebt offenbar allein mit seiner Mutter in Benndorf, deren Wohnung wurde am Mittwochabend von Ermittlern durchsucht. Von Nachbarn heißt es, Stephan B. habe zurückgezogen gelebt, nie gegrüßt, in Halle studiert.

Waffen und Sprengsätze im Wagen

Die ersten Notrufe hatten die Polizei um kurz nach 12 Uhr erreicht. Die Videoaufzeichnung des Täters beginnt auf einem Parkplatz. Man sieht das Lenkrad seines Golf, hört ihn fluchen. "So ein Dreck", sagt er. Und: "Na komm, öffne."

Er will seine Taten ins Netz streamen, zunächst funktioniert es offenbar nicht so, wie er will. Später kursiert das Video kurzzeitig auf der Plattform Twitch, die vor allem Gamer benutzen. Stephan B. will gesehen werden, von einem globalen Publikum. Deswegen spricht er immer wieder auch englisch. Das Video liegt dem SPIEGEL vor.

In einer Hassrede leugnet er den Holocaust, ehe er sich einen Helm mit der Kamera aufsetzt und losfährt. Rapmusik läuft. Nach kurzer Fahrt hält er vor der Synagoge. Er greift zu einer der vielen Waffen, die im Wagen liegen, sie sehen selbstgebaut aus. Dann ist zu sehen, wie Stephan B. versucht, in die Synagoge einzudringen, wie er einen Sprengsatz zündet und eine zufällig vorbeikommende Frau von hinten erschießt.

"Gott hat uns geschützt"

Seine Schüsse sind auch in der Synagoge zu hören, der Gottesdienst wird unterbrochen. Gemeindevorsteher Max Privorozki kann nach eigenen Angaben über eine Kamera beobachten, wie Stephan B. versucht, in die verschlossene Synagoge einzudringen.

"Der Täter schoss mehrfach auf die Tür und warf auch mehrere Molotowcocktails, Böller oder Granaten, um einzudringen. Aber die Tür blieb zu, Gott hat uns geschützt. Das Ganze dauerte vielleicht fünf bis zehn Minuten", sagt der Gemeindevorsteher. In der Synagoge befanden sich Privorozki zufolge auch mehr als zwei Stunden nach dem Angriff etwa 70 bis 80 Menschen.

Der Täter bricht seinen Angriff schließlich ab. Er geht zurück zu seinem Wagen und trifft auf einen Mann. Es kommt zu einem Wortwechsel, der Täter zückt seine Waffe und drückt ab - doch es löst sich kein Schuss. Der Mann steigt in den Wagen und fährt davon. Er bleibt unverletzt, weil die Waffe des Täters in diesem Moment offenbar streikt.

Er schießt auf Polizisten

Im Anschluss wirft der Täter einen Sprengsatz in einen Dönerimbiss und erschießt einen Mann in dem Laden. In dem Video ist zu sehen, dass er vor dem Lokal noch zweimal auf Passanten schießt, die davonlaufen.

Als die ersten Polizisten auf der Straße vor dem Imbiss halten, verschanzt sich der Täter hinter seinem Wagen und schießt auf die Polizisten. Er wird selbst getroffen und flieht mit seinem Wagen.

"Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Er erhob auch schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös."

Mit Recherchen von Maik Baumgärtner, Thomas Heise, Roman Lehberger, Claas Meyer-Heuer, Sven Röbel, Philipp Seibt, Wolf Wiedmann-Schmidt und mit Material von dpa

insgesamt 270 Beiträge
h.hass 10.10.2019
1.
Die Politik muss endlich aufwachen. Antisemitismus in jeder Form muss viel härter bestraft werden. Es kann nicht sein, dass die Hisbollah durch Berlin marschiert und AfD-Politiker antisemitische Verschwörungstheorien [...]
Die Politik muss endlich aufwachen. Antisemitismus in jeder Form muss viel härter bestraft werden. Es kann nicht sein, dass die Hisbollah durch Berlin marschiert und AfD-Politiker antisemitische Verschwörungstheorien produzieren. Und Fluggesellschaften, die keine Juden mitnehmen, bekommen hierzulande eben kein Landeverbot mehr. Die Gesetze müssen endlich verschärft werden, da ist garantiert noch Luft nach oben.
maddymai 10.10.2019
2.
Ich bin froh darüber, dass nicht noch mehr Menschen gestorben sind, und es tut mir ungemein leid um die, die sterben mussten. Menschen wie Stephan B. sind für mich einfach nur erbärmlich (und werden hoffentlich so hart wie [...]
Ich bin froh darüber, dass nicht noch mehr Menschen gestorben sind, und es tut mir ungemein leid um die, die sterben mussten. Menschen wie Stephan B. sind für mich einfach nur erbärmlich (und werden hoffentlich so hart wie möglich bestraft. Irgendwie muss man Grenzen setzen).
aberhalloja 10.10.2019
3. Gesetze verschärfen?
Im Ernst Herr Hass? Totaler blödsinn diese Sau mal wieder durchs Dirf zu treiben. Gesetze anwenden wird schon reichen. Selbstverständlich ist eine solche Tat auch jetzt schon unendschuldbar und Strafbar. Richtig ist sich zu [...]
Im Ernst Herr Hass? Totaler blödsinn diese Sau mal wieder durchs Dirf zu treiben. Gesetze anwenden wird schon reichen. Selbstverständlich ist eine solche Tat auch jetzt schon unendschuldbar und Strafbar. Richtig ist sich zu solidarisieren und zu zeigen, dass antisemitismus nicht geduldet wird. Das ist eine Aufgabe für jeden Bürger und effektiver als mal wieder nach dem Staat zu rufen der ja so versagt...
Olaf 10.10.2019
4.
Mein Beileid den Angehörigen der Toten. Es ist so sinnlos. Für die Menschen in der Synagoge muss es schrecklich gewesen sein. Eingesperrt und nur hoffen zu können, dass die Tür den Attacken des Täters standhält. Das waren [...]
Mein Beileid den Angehörigen der Toten. Es ist so sinnlos. Für die Menschen in der Synagoge muss es schrecklich gewesen sein. Eingesperrt und nur hoffen zu können, dass die Tür den Attacken des Täters standhält. Das waren schlimme Minuten.
icke_hier 10.10.2019
5. Übles Deutschland
Im Gegensatz zu einigen ewig Gestrigen ohne Hirn und Verstand und die sich vermutlich wegen Halle gerade auf ihre Buckel hauen, kann man auf dieses Land immer weniger stolz sein. Ja, ich schäme ich mittlerweile dafür in einigen [...]
Im Gegensatz zu einigen ewig Gestrigen ohne Hirn und Verstand und die sich vermutlich wegen Halle gerade auf ihre Buckel hauen, kann man auf dieses Land immer weniger stolz sein. Ja, ich schäme ich mittlerweile dafür in einigen Punkten für dieses Land und für Deutsche! Was ist in deren Elternhäusern, in deren Schulumfeld, Sozialumfeld, in der Gesellschaft bloß schief gelaufen, dass solch hirnlose Dummbratzen (in aller Deutlichkeit: rechter Abschaum!) sich anscheinend prächtig entwickeln können und ihre geistesgestörte Denke auch noch in Taten umsetzen können? Ist das Tolerieren von anderen Meinungen - also auch rechter Denkweise und somit im Allgemeinen das Akzeptieren von Dummheit - wirklich die Achillesferse in unserer Demokratie? Sind ein klein bisschen Verstand, Achtung und Entspanntheit zwischen Menschen, für Menschen, von Menschen auf dieser Welt wirklich nicht möglich? ... Ich kapier's nicht!
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