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Panorama

Prozess gegen SS-Wachmann Bruno D.

"Ich habe viele Leichen gesehen"

Als Wachmann im KZ Stutthof soll Bruno D. in 5230 Fällen Beihilfe zum Mord geleistet haben. Vor Gericht erzählt er, was er im Dienst auf seinem Turm sehen konnte - und was angeblich nicht.

Daniel Bockwoldt/ DPA

Bruno D. im Hamburger Landgericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vor

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Montag, 21.10.2019   16:56 Uhr

Im Saal 300 des Landgerichts Hamburg ist es ruhig, die Zuhörer wollen jeden Satz verstehen. Es spricht, leise, aber mit fester Stimme, Bruno D., ein wichtiger Zeitzeuge und Angeklagter, weil er als SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig arbeitete. Er war damals 17, 18 Jahre alt, heute ist er 93.

Die Nationalsozialisten inhaftierten mehr als 100.000 Juden und politische Gegner im KZ Stutthof, sie ermordeten dort rund 65.000 Menschen. Bruno D. stand auf einem von insgesamt 25 Türmen. Ihm wird nicht vorgeworfen, selbst gemordet zu haben - dafür liegen keine Hinweise vor. Es geht um Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen, von August 1944 bis April 1945.

Was bekam Bruno D. in den knapp neun Monaten als Wachmann mit? Sah er das systematische Morden, die Leichenberge, die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager? Wusste er, warum die Menschen dort inhaftiert waren, wie sie starben?

Er müsse keine Fragen beantworten, erklärt ihm die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. Doch Bruno D. will aussagen. Zunächst aber möchte er ein paar Sätze vorlesen, die er sich aufgeschrieben hat. Sie sind an die Menschen gerichtet, die im Saal sitzen, doch vor allem an die, die nicht mehr hier sitzen können, weil die Reise zu beschwerlich wäre oder weil sie gestorben sind.

"Ich habe versucht, es zu verdrängen"

Es tue ihm leid, sagt Bruno D., was den Menschen im KZ angetan wurde, was sie ertragen mussten. Leid tue ihm auch, dass er seinen Dienst an solch einem Ort des Grauens verrichtet habe, er habe sich dazu nicht freiwillig gemeldet. Lieber hätte er - als gelernter Bäcker - in der Wehrmachtsküche gearbeitet, aber das sei ihm verwehrt worden. So oder so habe er aber keine Möglichkeit gesehen, diesen Menschen zu helfen. "Die Bilder des Elends, des Schreckens haben mich mein ganzes Leben lang verfolgt", sagt Bruno D.

Wie er damit umgegangen sei, will die Vorsitzende wissen. "Ich habe versucht, es zu verdrängen, ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Ich war ganz alleine, ich war auf mich angewiesen. Ich hatte kein Zuhause, keine Eltern, keine Geschwister."

Seiner Frau habe er sich später anvertraut. "Die wusste von Anfang an Bescheid, wo ich Dienst geleistet habe." Sie sitzt auch in Saal 300, hinter den Vertretern der 33 Nebenkläger, im Kreise ihrer Kinder und Enkelkinder; das Gericht hat die Familie "zur emotionalen Unterstützung" des Angeklagten zugelassen. Es ist eine nicht öffentliche Hauptverhandlung, aber das Gericht hat auch akkreditierte Journalisten, Historiker und Interessierte zugelassen, weil das nationale und internationale Interesse "in Zeiten zunehmender rechtsradikaler Gewalt" groß sei, wie die Vorsitzende Richterin sagte.

Er habe von Anfang an versucht, "alles zu verdrängen", sagt Bruno D. Aber: "Die Bilder sind mir nicht aus dem Kopf gegangen. Ich habe viele Leichen gesehen."

Was andere Wachmänner aussagten

Am zweiten Prozesstag hatte ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA) als Sachverständiger zum KZ Stutthof aus Vernehmungen anderer ehemaliger Wachmänner Ende der Sechziger zitiert. Sie erinnerten sich an öffentliche Hinrichtungen an einem Galgen neben dem Krematorium. Einer sagte: "Ich sah vom Turm aus alles." Ein weiterer konnte sehen, wie Inhaftierten ins Herz geschossen wurde. Einer sagte: "Der Rauch von verbranntem Fleisch war so stark, dass man den Dienst auf einem Wachturm nicht aushalten konnte."

Bruce Adams-Pool / Getty Images

Gaskammer im früheren KZ Stutthof

Beobachtungen, die Bruno D. nicht gemacht haben will. "Es muss ja Verbrennungsgeruch da gewesen sein", sagt er im Gericht. Erinnern könne er sich jedoch nicht mehr. Nur daran, dass Gefangene in gestreiften Anzügen Leichen aus den Baracken zogen, auf einen Haufen legten und zu einem Wagen trugen. "Die Leichen wurden draufgeschmissen, nicht draufgelegt. Wenn der Wagen voll war, zogen ihn die Häftlinge weg." Wohin? "Weiß ich nicht. Ich denke mal ins Krematorium. Wo sonst sollten sie sie hinbringen?"

Wie die Körper aussahen, fragt die Vorsitzende. "Ausgemergelt." Sie hätten ihm "furchtbar leid" getan, sagt Bruno D. Wie die Menschen gestorben sind, will er nicht erfahren haben. Er habe weder etwas über die Verpflegung noch über die Unterbringung der Inhaftierten gewusst, nie sei er in einer der Baracken gewesen. Einmal hätten ihn Gefangene gefragt, ob sie sich aus einem Pferdekadaver ein Stück Fleisch rausschneiden dürften.

"Was haben Sie da gefühlt?", fragt die Richterin

Bruno D. will weder das komplette KZ-Gelände gekannt, noch sich mit Kameraden ausgetauscht haben. Seine Neugierde reichte demnach nur für einen einmaligen Gang zum Krematorium, in dem er zwei Öfen sah und einen Gefangenen, der einen der Öfen bedienen musste. Auf dem Boden lagen nackte Leichen.

"Herr D., als Sie das gesehen haben, was haben Sie da gedacht, was haben Sie da gefühlt?", fragt die Vorsitzende. "Das kann ich nicht mehr sagen. Das weiß ich nicht mehr. Es war grausam, das gesehen zu haben."

Und dann driftet der Angeklagte, der bis dahin so wirkte, als wolle er den Überlebenden und Hinterbliebenen bei der Aufarbeitung helfen, in seinen Aussagen in eine Richtung ab, die Betroffene verletzen muss. Er sagt, er sei bis zum Beginn dieses Verfahrens froh gewesen, dass er alles "ziemlich verarbeitet" habe.

"Alles, was ich nicht mehr erinnern wollte, das wird jetzt wieder aufgewühlt", sagt Bruno D. Die Grausamkeiten würden nun erneut wach. "Mein Lebensabend ist zerstört, das habe ich mir im Alter nicht vorgestellt." Stille im Saal.

Ob er sich nicht vorstellen könne, wie wichtig das für die Überlebenden und Hinterbliebenen sei, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerate, fragt die Vorsitzende. "Es ist schon so viel darüber gesprochen und verhandelt worden", sagt Bruno D. Richterin Meier-Göring nimmt einen weiteren Anlauf: Die Menschen, die das Lager überlebt haben, fragten sich, warum er im KZ Wache geschoben habe. "Weil ich dazu gezwungen wurde, dort Dienst zu machen", sagt Bruno D. Er sei nicht "kriegsdiensttauglich" gewesen.

Zuhause wurde angeblich nicht über Politik gesprochen

Nach einer Verhandlungspause sind Bruno D.s Erinnerungslücken noch größer geworden. Er habe nicht gewusst, welche Sprache die inhaftierten Juden sprachen und aus welchen Ländern sie kamen; von der ganzen "Judenvernichtung" habe er nichts gewusst. Nur, dass sie aus ihren Wohnungen und Geschäften abgeholt wurden, habe er gehört - aber wohin sie gebracht wurden? Keine Ahnung.

Zuhause sei nicht über Politik gesprochen worden, sagt Bruno D. Es habe keine Zeitung, kein Radio, erst recht kein Fernsehen gegeben. Seine Eltern seien mit ihrer Landwirtschaft ausgelastet gewesen. Wenn er von seiner Bäckerlehre in Danzig alle zwei Wochen sonntags nach Hause gekommen sei, um frische Wäsche zu holen, habe er anpacken müssen.

Der Vater, Mitglied der Zentrumspartei, sei einmal ins Kreuzverhör genommen worden; er habe befürchtet, der Vater müsse ins KZ. Er habe ein KZ für ein Umerziehungslager gehalten, sagt Bruno D.

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