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Panorama

Prozess im Fall Höxter

"Mehr als lebenslänglich für Mord gibt es nicht"

Angelika W. schildert vor Gericht ausführlich, wie ihr Ehemann sie jahrelang quälte und demütigte. Nur eine Frage beantwortet sie nicht: Warum sie bei ihm blieb.

DPA

Wilfried W. (l.) und Angelika W. (r.) mit Anwälten

Von , Paderborn
Mittwoch, 16.11.2016   18:54 Uhr

Angelika W. ist eine redselige Frau. Fließend und zusammenhängend erzählt sie, ihre Erinnerung scheint tadellos zu funktionieren. Ins Stocken kommt sie kaum einmal, wenn es um die Details ihres eigenen Martyriums geht, die Schmerzen und Demütigungen, die sie offenbar erlitten hat in den 17 Jahren ihres Zusammenlebens mit Wilfried W. Misshandlungen, die in der Alltagskommunikation des Paars feststehende Bezeichnungen trugen, wie "Decken, Alte", "Decken, Alte - Spezial" und "Tittenbeißen".

Bevor sich der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus ebenso sachlich wie eingehend bei Angelika W. erkundigt, was es damit auf sich hat, fragt er sie nach dem Leben, das sie führte, bevor sie Wilfried W. kennenlernte: "Damit wir verstehen können, Frau W., wie es zu den Handlungen kommen konnte."

Die "Handlungen": Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Wilfried ist Angelika W. angeklagt, zwei Frauen in ihrem Haus in Höxter zu Tode gebracht und mehrere grausam misshandelt zu haben. Doch an diesem zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Paderborn geht es ausschließlich um sie selbst, in der Opferrolle.

Frau W. hat viel zu erzählen, allein die Niederschrift ihrer Gespräche mit der forensisch-psychiatrischen Gutachterin Nahlah Saimeh umfasst 70 Seiten. Bis ins kleinste Detail erinnert Angelika W. sich vor Gericht an ihre Kindheit in einem Dorf in Ostwestfalen: Wie sie aufwuchs auf einem Bauernhof, die Großeltern halfen mit. Der "Oppa" habe die Zwölfjährige dazu angehalten, morgens die Kühe zu füttern, aber ihr Vater habe dafür gesorgt, dass das Kind nicht zu viel arbeitete.

"Das Verhältnis zur Mutter war ja nicht so toll?", fragt Richter Emminghaus. "Ich weiß nicht, ob man das überhaupt Verhältnis nennen kann", sagt Angelika W. "Ich war ein Papakind." Aber Streitereien oder Handgreiflichkeiten habe es nicht gegeben - nicht zwischen den Eltern, und auch an ihr habe sich nie jemand vergriffen.

Perfide Spiele

Angelika W. machte den Realschulabschluss, danach eine Gärtnerlehre, war arbeitsam, übernahm Verantwortung im Gärtnereibetrieb, hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef, dem Armin, der bot ihr die Leitung des Geschäfts an. Einmal lud er sie zum Essen ein, seine Tante und ihre Mutter waren dabei. "Als Anstandswauwau", sagt Angelika W.

"Der Armin, wär das was für Sie gewesen?", fragt der Richter. "Als Mann?" - Angelika W. schüttelt den Kopf - "in all den Jahren hab ich mir da nie Gedanken gemacht."

Stattdessen begann sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Iraner, der in der Gärtnerei half. Er war der erste Mann, mit dem sie schlief, der erste, der sie küsste. "Aber ich wollte dem ja nicht die Frau wegnehmen", sagt Angelika W. "Die kannte ich ja auch."

Auf der Suche nach einem Partner habe sie Annoncen im "Landwirtschaftlichen Wochenblatt" aufgegeben. Nach einigen Fehlschlägen sei Wilfried W. auf der Bildfläche erschienen. Bei ihm sei alles anders gewesen. Gleich am ersten Wochenende hätten sie miteinander geschlafen. Händchenhaltend und verliebt seien sie durch den Ort gelaufen. Das hat Angelika W. der Gutachterin erzählt.

"Aber das war eigentlich nur in den ersten 24 Stunden", schränkt Angelika W. jetzt vor Gericht ein. Schon am Wochenende danach habe Wilfried W. ihr wehgetan. Er habe ihr Kampfsportgriffe gezeigt - ein Spiel, habe sie zuerst gedacht. Doch das war ein Irrtum.

"Andere Frauen wären vielleicht weggelaufen"

17 Jahre lang, so legt Angelika W. es dem Gericht dar, habe Wilfried W. sie täglich gequält, körperlich oder seelisch. Der Vorsitzende Richter will wissen: "Tägliche Misshandlungen - was muss ich mir darunter vorstellen?" -"Soll ich das jetzt alles aufzählen?", fragt Angelika W. "Es wurde mir zum Beispiel verboten auf die Toilette zu gehen." Wilfried W. habe ihr die Haare am Holzofen versengt, ihr eine Glatze geschoren, sie am Arm verbrüht, sodass sie monatelang eine nässende Wunde hatte. Auf die habe er dann mit dem Staubsaugerrohr eingeschlagen.

Wilfried W. hört den Erzählungen seiner Partnerin ohne erkennbare Gefühlsregungen zu, er schaut sie aufmerksam an, manchmal schüttelt er den Kopf.

"Wie haben Sie auf diese Misshandlungen reagiert?", fragt Emminghaus. "Ich hab gelernt, verdammt viel auszuhalten. Andere Frauen wären da vielleicht eher weggelaufen." Fast hat es den Anschein, als erfülle dies Angelika W. noch immer mit Stolz.

Dann kommt sie auf das "Decken, Alte": Das habe schon vor der Heirat begonnen, Wilfried habe ihren Kopf mit Decken, Handtüchern und Ähnlichem bedeckt, sich auf sie gelegt und ihr die Luft abgedrückt, bis sie bewusstlos geworden sei. Bei "Decken, Alte - Spezial" habe er ihr vorher noch eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. "Und das 'Tittenbeißen'?", fragt Emminghaus. Seine Zahnabdrücke in ihrer Brust, es sei so lange gegangen, bis Blut geflossen sei. Nur mit Sex, so Angelika W., habe all das nichts zu tun gehabt. Wenn sie miteinander geschlafen hätten, habe ihr Mann nie Gewalt angewendet.

Warum blieb sie?

"Haben Sie nie gesagt, hör auf, das tut mir weh?" - "Anfangs ja, aber er wurde dann noch wütender." Angelika W., so muss man das wohl verstehen, war von Anfang an das Opfer, er der Täter. "Ich bin das hohe Gericht", so habe Wilfried W. selbst von sich gesprochen. Wenn er einen guten Tag gehabt habe, habe sie sich ihre Strafe selbst aussuchen dürfen. Er habe sie mit Gewalt "hörig" gemacht, davon ist der Staatsanwalt überzeugt.

Für Irritation sorgt am Nachmittag Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder: Angelika W. hatte sich zuvor als Tierfreundin beschrieben, als Kind habe sie nicht mal die Kuh mit einer Plastikgerte anzutreiben vermocht, sagte sie. "Sie haben gesagt, Sie seien Katzenfreundin", sagt Binder. "Ja", sagt Angelika W. "Warum haben Sie dann die Katze in den Trockner gesteckt?"

Einen Moment lang herrscht Stille. Angelika W. sagt, es habe ihr leid getan, und die Katze sei dabei gestorben. Eine Erklärung findet sie nicht.

Binder: "Der Gutachterin haben Sie gesagt, es sei für Sie eine erregende sexuelle Fantasie, beherrscht und gequält zu werden?" Angelika W. schweigt. "Frage wird nicht beantwortet", sagt ihr Verteidiger Peter Wüller.

Eine andere Frage bewegt jeden im Saal. Der Vorsitzende Richter stellt sie, die Verteidiger stellen sie, auch ein Nebenklagevertreter versucht, von Angelika W. darauf eine Antwort zu bekommen: Warum ist Angelika W. nicht gegangen? Nicht vor der Hochzeit, als Wilfried schon "Decken, Alte" eingeführt hatte? Und auch viel später nicht, als er nach dem Tod von Anika W. von ihr sogar verlangte, auszuziehen? Und damit drohte, sie deshalb bei der Polizei anzuzeigen?

"Ich war schuld. So hat er es hingestellt."

Fast scheint es, als verstehe Angelika W. diese Frage nicht, so kryptisch und vage wirken ihre Antworten: Sie habe ihm etwas versprochen, er habe ihr Pflichten auferlegt, sie sei nicht seine Traumfrau gewesen und so weiter. Verteidiger Binder versucht es noch mal: "Sie waren die Frau mit dem Geld, hatten eine Ausbildung, einen Führerschein, waren beruflich, wenn Sie so wollen, sehr erfolgreich" - alles Dinge, die sein Mandant Wilfried W. nicht vorzuweisen hatte. "Warum sind Sie trotzdem geblieben?" - "Er hat es immer geschafft, es mir so zu erklären, dass ich mich nicht richtig verhalten hatte." Zum Beispiel? "Ihn nicht genug angeschaut beim Reden", sagt Angelika W. "Ich war schuld. So hat er es hingestellt."

Mehr ist nicht aus ihr herauszubekommen. Ratlose Gesichter, auch auf der Richterbank.

Ein ganz anderes Rätsel stellt sich an diesem Tag dem Publikum, das Angelika W. von ihrem Martyrium sprechen hört: Warum nur sind all die Misshandlungen, die Wilfried W. an seiner Lebenspartnerin begangen haben soll, nicht Teil der Anklage? Fragt man Oberstaatsanwalt Ralf Meyer danach, verweist er auf die Prozessökonomie: "Wenn Sie das im Urteil abhandeln wollen, brauchen Sie 500 Seiten, und es kommt nichts dabei rum", sagt Meyer. "Mehr als lebenslänglich für Mord gibt es nicht."

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