Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Höxter-Prozess

Die unfassbaren Qualen der Annika W.

Im Prozess gegen das sogenannte Folterpaar von Höxter hat die Angeklagte Angelika W. detailliert geschildert, welche Qualen eines der Opfer durchlitt.

DPA

Angeklagte Angelika W.

Dienstag, 06.12.2016   17:15 Uhr

Im Mordprozess gegen das sogenannte Folterpaar von Höxter hat die angeklagte Angelika W. die Leidenszeit einer der getöteten Frauen mit grausamen Details geschildert. Im Beisein der Mutter des Opfers, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt, berichtete die 47-Jährige vor dem Landgericht Paderborn über die monatelange Leidenszeit der Frau.

Demnach wurde Annika W. eine Zeit lang nachts mit Handschellen und einer Kette an ein Heizungsrohr gebunden. Sie sollte nicht auf die Toilette gehen können, um den ebenfalls angeklagten Wilfried W. nicht im Schlaf zu stören, wie die Angeklagte aussagte. Nässte sie sich ein, wurde sie demnach dafür bestraft - zum Beispiel mit heißem Wasser.

Der 46-jährige Wilfried W. soll seinem mutmaßlichen Opfer zudem Glutamat-Pulver ins Essen gemischt haben, das diese nicht vertrug. Später habe die Frau aus Niedersachsen nur noch in einer Badewanne schlafen dürfen. Auch dort sei sie angekettet worden. Annika W. habe zudem Auto, Job und den Kontakt zu ihrer Mutter verloren. Die Mutter des Opfers nahm die Schilderungen unter Tränen und kopfschüttelnd auf.

In den Wochen vor ihrem Tod soll Annika W. kaum noch gegessen haben. Ihre Verletzungen, darunter zahlreiche Prellungen, verbrühte Haut und Schürfwunden, führten aber wohl nicht zum Tod.

Wilfried W. schweigt weiterhin

Nach einer weiteren Eskalation war die Frau mit dem Hinterkopf auf den Betonboden vor dem Haus geschlagen. Gestoßen hätte sie die Frau nicht, sagte Angelika W. - und von einer schweren Verletzung wollen beide Angeklagte zunächst nichts bemerkt haben. Die Frau schlief nach Schilderungen der Angeklagten eine weitere Nacht in der Badewanne, am nächsten Tag starb sie wohl an den Folgen des Aufpralls.

Angelika W. schilderte, dass ihr das Leiden des Opfers in den Stunden vor dem Tod auf die Nerven gegangen sei und sie sich beim Wäschewaschen gestört gefühlt habe. Einen Notarzt zu rufen, sei nicht infrage gekommen: "Ein Blinder mit Krückstock hätte sofort gesehen, wie viele Verletzungen sie hatte."

Zuletzt hatte Angelika W. dem Gericht eine Liste mit mehr als 70 Arten von Misshandlungen vorgelegt, die sie oder ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W. den Frauen zugefügt hätten. Die Taten reichten demnach von Schlägen und Beleidigungen über Verbrühungen bis zu stundenlangem Anketten im Schweinestall.

SPIEGEL TV Magazin (08.05.2016)

Sie beschrieb auch ein System willkürlicher Strafen, dem sich die Frauen beugen mussten. Beim kleinsten vermeintlichen Fehlverhalten - ein falsches Wort, ein Haar auf dem Küchentisch - sei Wilfried W. ausgerastet, weil er sich missachtet gefühlt habe. Die Frauen hätten schriftlich versichern müssen, sich zu ändern. Wenn sie dennoch weiter "Fehler" machten, bestraften Angelika und Wilfried W. sie demnach gleichermaßen.

Die Staatsanwaltschaft wirft beiden Angeklagten vor, über Jahre hinweg Frauen zu sich nach Höxter-Bosseborn gelockt und brutal misshandelt zu haben. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge der Quälereien, mehrere Frauen entkamen. Angeklagt sind die beiden wegen Mordes. Wilfried W. schweigt bislang zu den Vorwürfen. Über seine Anwälte hatte er im Vorfeld des Prozesses bestritten, Frauen misshandelt zu haben.

mxw/dpa

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP