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Panorama

Erste Aussage im Höxter-Prozess

"Mitläufer, immer"

Wilfried W. soll mit seiner Ex in Höxter mehrere Frauen gequält haben, zwei starben. Vor Gericht ergriff der Hauptangeklagte nach fünf Monaten erstmals das Wort - und stilisierte sich als Opfer.

DPA

Wilfried W.

Von , Paderborn
Dienstag, 14.03.2017   14:52 Uhr

Wilfried W. hat sich schick gemacht für diesen Tag. Der Mann, der ein Doppelmörder sein soll, trägt zu Hose und Schuhen ein gebügeltes weißes Hemd mit Logo. Der Bart ist gestutzt, W. wirkt gepflegt. Bilder mit Schlabberpulli wie sonst soll es diesmal offenbar nicht geben. Zum ersten Mal will der 47-Jährige das Wort ergreifen in diesem Prozess, der seit Oktober vor dem Landgericht Paderborn läuft.

Die Staatsanwaltschaft sieht Wilfried W. als Haupttäter im Fall Höxter, der bundesweit die Menschen schockierte. Zusammen mit seiner mitangeklagten Ex-Frau soll W. über Jahre Freundinnen zu sich in den Ortsteil Bosseborn gelockt haben, um sie zu quälen. Die Anklage nennt vier Opfer, zwei starben. Im April 2016 flog das Paar auf. Es geht vor Gericht um Mord durch Unterlassen.

Ex-Frau Angelika W. hat Wilfried W. schwer belastet: Er habe sie manipuliert, sie sei ihm hörig gewesen. Sie behauptet, sie habe die Freundinnen misshandelt, um den Willen von Wilfried W. zu erfüllen. Zugleich habe Wilfried W. selbst gelegentlich Gewalt angewendet. Einmal habe er ein Opfer, das überlebte, mit einer Schaufel im Gesicht schwer verletzt.

"Komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht"

An zehn Prozesstagen hat Angelika W. ausgesagt, eine schwer übergewichtige Frau, selbstgerecht, eloquent, eiskalt. Jetzt will Wilfried W. deren "Lügengeschichten" widerlegen, so lässt er seinen Anwalt Detlev Binder zunächst in seinem Namen sagen. "Aufgrund des Redeschwalls von Angelika befürchte ich, dass sich eine falsche Vorstellung von der Situation im Haus festsetzt."

Es gehe ihm darum, seine subjektive Sicht darzustellen. Und er räumt ein, "dass möglicherweise meine Erinnerung an dem ein oder anderen Punkt falsch ist". Die Schaufel zum Beispiel. Er könne sich daran erinnern, wie er das Gerät aus Wut in die Luft gereckt habe. "Dass ich dann aber mit der Schippe zugeschlagen habe, ist komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht."

Als Wilfried W. das Wort ergreift, klingt seine Stimme leise, weich, fast samten. Er lispelt, oft verschluckt er Buchstaben. Er berichtet von seiner Kindheit, die schwer gewesen sein muss, so kommt es bei den Zuhörern an. Der Vater sei ein Gewalttäter gewesen. "Er hat alle geschlagen, hat meine Mutter geschlagen, meine Schwester geschlagen", sagt W.

Die Hände kann der Angeklagte nicht stillhalten, er hält sie gefaltet und bewegt sie doch. Ständig blinzelt er. Den Ruhrgebietsslang - er stammt aus Bochum - kann der wuchtige Mann nicht verhehlen. "Ne", sagt er in fast jedem Satz, kurzes "e".

Wirres Stakkato

In Grundschule und Sonderschule sei er gehänselt worden, das Lispeln. Im Schwimmunterricht hätten ihn Mitschüler mal ertränken wollen, er sei bewusstlos geworden. Beruflich war er erfolglos. "Mir fehlte wohl der Elan." Nur eine Ausbildung zum Hundeführer schloss er ab, schmiss den Job aber, weil Freundin und Mutter ihn bremsten.

Freunde habe er nicht gehabt, Kontakt zu Gleichaltrigen schon. Auf die Nachfrage des psychiatrischen Gutachters, welche Rolle er in Gruppen hatte, sagt er: "Mitläufer, immer." Als er davon berichtet, dass sein Stiefvater ihn vergewaltigt habe, bricht ihm die Stimme. Wilfried W. nimmt die Hornbrille ab, reibt sich das Gesicht. Er bekommt eine Sitzungspause.

Mitläufer, immer - es ist die Rolle, in der er sich offenbar auch in der Beziehung zu seiner Ex sieht. Er verliest nach der Fragerunde zu seinem Leben eine Einlassung, die er handschriftlich vorbereitet hat. Ein Stoß Din-A-4-Zettel, beidseitig beschrieben. Zwei, drei Sätze trägt er vor, es sind mehr Schnipsel, Wilfried W. stockt, blickt zu seinem Anwalt. Dann sagt er: "So geht das nicht."

Binder und sein Kanzleipartner Carsten Ernst übernehmen, tragen im Wechsel einige Seiten vor. Die Sätze enden oft im Nirgendwo, sind ein wirres Stakkato, der Zusammenhang lässt sich manchmal nur erahnen. Ein Satz, in dem es um Partner von Angelika W. geht, heißt: "Ein Mann aus der Türkei, hatte sie auch noch was mit Sex."

Was klar wird: Angelika ist nach Darstellung des Angeklagten seit Beginn der Beziehung 1999 der dominante Part, er das Opfer. Er schildert eine Szene, in der Angelika mit Absicht einen Autounfall verursacht habe, er sei verletzt ins Krankenhaus gekommen. Einmal habe sie ihn so fest in die Hoden geschlagen, dass er zum Arzt musste. Sie habe auch seine Mutter schlagen wollen.

Im Sadistenhaus von Höxter

Immer wenn er zur Polizei habe gehen wollen, habe sie ihn erpresst. Wilfried W. hatte vor der Beziehung bereits eine Haftstrafe abgesessen wegen der Misshandlung einer Frau. Im Duktus von Wilfried W. heißt das: "Wenn ich was sage, sagte Angelika, du hast mich vergewaltigt, misshandelt." Seine Ex habe die Freundinnen im Haus misshandelt.

Nach etwa 15 Minuten bricht Verteidiger Binder ab. Er schlage eine geführte Einlassung vor, W. solle künftig auf gezielte Fragen seiner Verteidiger antworten. Es habe offenkundig wenig Zweck, Wilfried W. von sich aus reden zu lassen. Außerdem sei W. bereit, sich erstmals von dem psychiatrischen Gutachter befragen zu lassen, zum sexuellen Missbrauch in der Kindheit - und zwar sofort.

Richter Bernd Emminghaus folgt den Ausführungen des Verteidigers. Und so ist der Prozesstag bereits nach knapp zwei Stunden vorbei. Vor der Tür schäumt Peter Wüller, der Verteidiger von Angelika W. "Absoluter Humbug" seien die Aussagen von Wilfried W. "Das ist eine Inszenierung." Allein die Stimme von W. klinge in Wahrheit viel härter.

Wüller bezieht sich wohl auch auf Videos aus dem Haus, die zeigen, wie Wilfried W. Frauen leiden sieht, sarkastische Kommentare abgibt - und nicht eingreift. Vor Gericht, sagt Wüller, habe sich Wilfried W. als hilflos dargestellt. "Ich weiß nicht, ob er überhaupt selber dran glaubt."

Verteidiger Carsten Ernst erläutert, aus Sicht seines Mandanten trage seine Ex die Schuld. Er habe keine Verantwortung dafür, dass zwei Frauen im Haus starben. Ein Hauptangeklagter, der nur Opfer sein will. Fortsetzung folgt.

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