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Panorama

"Männliches" Aussehen einer Frau

Ein hässliches Urteil

Die Frau sehe "männlich" aus - damit begründete ein italienisches Gericht unter anderem den Freispruch in einem Vergewaltigungsprozess. Jetzt wird das Verfahren neu aufgerollt. Dem Opfer hilft das nicht mehr viel.

Getty Images

Ancona (Archivfoto)

Von , Rom
Freitag, 15.03.2019   18:47 Uhr

Jahrelang wurde der Fall in der Stille von Justizgebäuden abgewickelt. Jetzt hat Italiens Justizminister Alfonso Bonafede sogar Inspektoren zum Oberlandesgericht von Ancona geschickt. Die sollen klären, wie es zu dem Urteil und vor allem zu dessen Begründung kommen konnte, die weit über Italiens Grenzen hinaus Empörung auslöste.

Das Gericht in Ancona hatte zwei Männer in einem Vergewaltigungsprozess unter anderem mit der Begründung freigesprochen, das mutmaßliche Opfer habe "männlich" ausgesehen. Die Männer hätten die Frau nicht einmal attraktiv gefunden. Einer von ihnen habe sie mit dem Spitznamen "Wikinger" in seinem Handy abgespeichert - ein "Hinweis auf eine Person, die alles andere als weiblich, vielmehr männlich ist". Und weiter: "Das Foto in ihren Prozessunterlagen scheint das zu bestätigen."

Inzwischen hat die nächsthöhere juristische Instanz, der Kassationsgerichtshof in Perugia, auf Antrag des Staatsanwalts und der Anwältin der Frau den Fall aufgegriffen - und ordnete an, er müsse neu verhandelt werden. Die Begründung des Kassationsgerichtshofs steht noch aus, einen Termin für das neue Verfahren gibt es noch nicht.

Anwältin Cinzia Molinari, die die junge Frau vertritt, hatte die Entscheidung unter Verweis auf Verfahrensfehler angefochten - und es als "absolut inakzeptabel" bezeichnet, dass das Gericht sich auf das Aussehen ihrer Mandantin bezogen habe.

Freispruch in der zweiten Instanz

Der Generalstaatsanwalt von Ancona, Sergio Sottani, mahnte, man müsse Urteile, in denen es um sexuelle Gewalt gehe, sehr vorsichtig formulieren. Sonst riskiere man, "den Stress, dem das Opfer ohnehin ausgesetzt ist, noch zu vergrößern".

Das Opfer, eine junge Frau aus Peru, hat den Stress jedenfalls nicht ausgehalten. Sie hat schon nach dem ersten Verfahren Italien verlassen. "Sie hat sich isoliert und ausgegrenzt gefühlt", teilt Anwältin Molinari auf Anfrage des SPIEGEL mit. "Sie ist nach Peru zurückgekehrt und will dort auch bleiben."

Der Fall beginnt im März 2015. Die junge Frau aus Peru, 22 Jahre alt, geht mit zwei jungen Männern, die auch aus Peru sind und mit denen sie die Abendschule besucht, nach dem Unterricht erst Bier trinken, dann in den Park. Es kommt zum Geschlechtsverkehr. Einvernehmlich sagt der Mann. Sie sei vergewaltigt worden, sagt die Frau. Der andere Mann steht Schmiere.

Die junge Frau erzählt es ihrer Mutter, die begleitet sie ins Krankenhaus, dort werden Verletzungen konstatiert, die auf sexuelle Gewalt deuten. Außerdem werden im Blut der 22-Jährigen Spuren eines starken Beruhigungsmittels gefunden - die junge Frau glaubt, die Männer hätten ihr die Substanz ins Getränk gemischt.

Die Männer werden angeklagt und im Juli 2016 verurteilt. Der eine zu fünf Jahren Haft, sein Freund, der Wache stand, zu drei Jahren. Der Fall geht in die nächste Instanz an das Gericht in Ancona. Das kommt im November 2017 zu einem ganz anderen Urteil. Das ist an sich nicht unbedingt überraschend. Es steht Aussage gegen Aussage, die vorhandenen Beweismittel lassen sich unterschiedlich interpretieren.

"Nicht auszuschließen", dass die Klägerin alles "selbst organisiert habe"

Überraschend - und für viele empörend - ist dagegen die Urteilsbegründung der drei Richterinnen: Es sei "nicht auszuschließen", heißt es da, dass die Klägerin alles "selbst organisiert habe, um eine Entschuldigung für ihre Mutter dafür zu haben, dass sie mit den beiden viel Bier getrunken habe". So habe sie womöglich den einen Mann "zum Sex als eine Art von Herausforderung gedrängt".

Dass die Richterinnen diese Version für plausibel halten, zeigt sich auch an anderer Stelle, wo die Klägerin als "die raffinierte Peruanerin" bezeichnet wird - man könnte es alternativ auch als "trickreich" oder "abgefeimt" übersetzen.

Zu "männlich" aussehend, um vergewaltigt zu werden? Frauenrechtsgruppen kritisierten das Urteil als beschämend und betonten, Gewalt sei "unabhängig vom Aussehen". Vor dem Gericht in Ancona gab es Demonstrationen und "Schande"-Rufe.

Die Bewertungen der drei Richterinnen aus Ancona wären wohl nie thematisiert worden, wenn nicht eine Journalistin der römischen Tageszeitung "La Repubblica" darauf gestoßen wäre. Die brachte den Fall ins Rollen - nun diskutiert Italien über das "Schock-Urteil".

Mit Material von AP und dpa

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