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Panorama

"El Chapo"-Prozess

Verteidiger befragt nur einen Zeugen - und macht nach 30 Minuten Schluss

Im Prozess gegen den früheren Drogenboss Joaquín Guzmán hat die Anklage rund zehn Wochen lang ihre Argumente und Zeugen präsentiert. Nun war "El Chapos" Anwalt an der Reihe - und nutzte nur 30 Minuten.

REUTERS

Gerichtszeichnung: Lichtman (l.) befragt einen FBI-Agenten (M.) im Prozess gegen "El Chapo" (r.)

Mittwoch, 30.01.2019   04:24 Uhr

In dem Gerichtssaal in Brooklyn ging es am Dienstag sehr schnell: Anwalt Jeffrey Lichtman rief gegen 9.38 Uhr morgens einen Zeugen auf, er reichte ein Dokument als Beweisstück ein, und um 10.08 Uhr war Schluss. Die Geschworenen in der Jury wurden alsbald nach Hause geschickt. Am Mittwoch werden die Abschlussplädoyers erwartet.

Lichtman vertritt vor Gericht den ehemaligen mexikanischen Drogenboss Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo". Der frühere Chef des Sinaloa-Kartells war in Mexiko verhaftet und Anfang 2017 an die USA ausgeliefert worden, wo er seitdem in einem Hochsicherheitsgefängnis in New York sitzt. Die US-Regierung wirft dem in 17 Punkten angeklagten Guzmán vor, für den Tod Tausender Menschen und den Schmuggel Tausender Tonnen Drogen in die USA verantwortlich zu sein. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Der Prozess gegen Guzmán hatte Mitte November begonnen. Rund zehn Wochen lang hat die Staatsanwaltschaft ihre Sicht präsentiert, sie befragte mehr als 50 Zeugen. Die schilderten unter anderem von mutmaßlichen Schmiergeldzahlungen an hochrangige Politiker oder von Morden, die Guzmán beauftragt oder selbst ausgeführt haben soll.

Guzmáns Anwälte hatten bei den Kreuzverhören dieser Zeugen oft versucht, die kriminellen Vergehen der Personen in den Vordergrund zu stellen - und die Deals, die diese mit der Anklage gemacht haben sollen, um im Gegenzug für eine Aussage gegen Guzmán eine Strafmilderung zu erhalten.

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Der einzige Zeuge, den Verteidiger Lichtman am Dienstag aufrief, war ein Agent der US-Bundespolizei FBI. Der war 2017 bei der Befragung eines kolumbianischen Drogenschmugglers dabei, der inzwischen in US-Haft sitzt und von der Anklage als Zeuge geführt wird. Zudem betonte Lichtman, sein Mandant habe über Jahre Schulden angehäuft. Zu Beginn des "El Chapo"-Prozesses hatte der Anwalt versucht, Guzmán als Opfer einer Verschwörung darzustellen: Darin sollen sein Kartellpartner sowie die Regierungen der USA und Mexikos verwickelt gewesen sein.

Guzmán selbst hatte am Montag angekündigt, nicht zu seiner eigenen Verteidigung aussagen zu wollen. Dazu hätten ihm seine Anwälte geraten.

Nach den Abschlussplädoyers am Mittwoch wird damit gerechnet, dass die zwölfköpfige Jury schon an diesem Freitag mit ihren Beratungen beginnen könnte. Wie lange sie für ihr Urteil braucht und wann im Fall einer Verurteilung Guzmáns ein Strafmaß verkündet werden könnte, ist offen.

aar/AP/Reuters

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