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Panorama

Kriminalfall Lübcke

Tod auf der Terrasse

Wer erschoss Walter Lübcke? Der Kasseler Regierungspräsident wurde tot auf der Terrasse seines Wohnhauses gefunden. Eine Sonderkommission ermittelt in alle Richtungen.

Foto: Uwe Zucchi/dpa
Montag, 03.06.2019   20:02 Uhr

Ausgeschlossen scheint derzeit gar nichts. Aber zumindest gibt es laut Ermittlern keine Hinweise darauf, dass Walter Lübcke sich selbst getötet hat. In der Nacht auf Sonntag war der Kasseler Regierungspräsident mit einer Schussverletzung am Kopf auf der Terrasse seines Wohnhauses im nordhessischen Wolfhagen gefunden worden.

Ansonsten sind die Hintergründe des Falls völlig unklar, es gibt anscheinend keine heiße Spur. Sabine Thurau, die Präsidentin des hessischen Landeskriminalamts (LKA), blickt ernst, als sie auf einer Pressekonferenz den Ermittlungsstand referiert: "Wir haben noch keine Erkenntnisse über Täter oder Motiv."

Swen Pförtner/ DPA

Regierungspräsidium in Kassel: Gedenken an Walter Lübcke

Das LKA hat inzwischen gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Nordhessen eine Sonderkommission eingerichtet, um die Tat aufzuklären. Die Ermittlungen wegen eines Tötungsdelikts laufen gegen unbekannt. Auf der Pressekonferenz berichteten die LKA-Chefin und der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Streiff von den ersten Erkenntnissen.

Lübcke wurde demnach gegen 0:30 Uhr von einem Angehörigen aufgefunden. Alle Reanimationsversuche blieben erfolglos. Gegen 2:30 Uhr sei in einer Klinik der Tod des 65-Jährigen festgestellt worden. "Die Obduktion hat ergeben, dass Dr. Lübcke an den Folgen einer Schussverletzung verstorben ist", sagte Streiff. Der Schuss sei aus einer Kurzwaffe und aus nächster Nähe abgegeben worden und habe den Regierungspräsidenten in den Kopf getroffen.

"Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte LKA-Chefin Thurau. "Unmittelbar nach dem Tatgeschehen beginnt eine Phase, die besonders relevant für den Ermittlungserfolg ist." Spekulationen über mögliche Motive oder Täter könnten die Ermittlungen gefährden. Da es sich bei dem Regierungspräsidenten um eine Person des öffentlichen Lebens handelt, habe das hessische LKA die Ermittlungen übernommen.

Lübckes Haus liegt am Ortsrand des nordhessischen Dorfes Istha, einem Stadtteil von Wolfhagen, gut 20 Kilometer von Kassel entfernt. Noch am Sonntag gab es erste Gerüchte über eine Mordtat und eine Schusswunde am Kopf des CDU-Politikers. Polizisten und Experten der Spurensicherung suchten mit großem Aufwand das Haus und die nähere Umgebung ab. Die Beamten durchforsteten Büsche und Gestrüpp sowie umliegende Wiesen, auch Spürhunde wurden eingesetzt.

Swen Pförtner/ DPA

Wohnhaus von Walter Lübcke: Es gibt keine Hinweise auf Suizid

Der 65-jährige Lübcke war seit zehn Jahren Regierungspräsident in Kassel, davor Abgeordneter im Hessischen Landtag. Er war ein Mann der eher leisen Töne im oft überhitzten Wiesbadener Landesparlament, kein Scharfmacher aus der ersten Reihe.

Unter den Parlamentariern galt er über alle Parteien hinweg als umgänglicher Sachpolitiker, der sich vorzugsweise um Verkehrspolitik kümmerte. Wichtig waren ihm insbesondere der Ausbau von Autobahnen und des chronisch defizitären Klein-Flughafens Kassel-Calden.

Das Regierungspräsidium in Kassel ist eine Behörde mit etwa 1200 Beschäftigten, die im wesentlichen Entscheidungen der Wiesbadener Landesregierung ausführt und Vorarbeiten der Landesplanung übernimmt, beispielsweise bei der Ausweisung von Naturschutzgebieten.

Lübcke geriet als Behördenchef einige Male in Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und Gewerbetreibenden. 2012 genehmigte das Regierungspräsidium unter seiner Leitung dem Kali-Konzern K+S, salzhaltige Abwässer in die Werra zu leiten, was erhebliche Proteste von Umweltverbänden auslöste. Drei Jahre später, als in Wiesbaden CDU und Grüne regierten, verschärfte Lübckes Behörde den Kurs gegenüber dem Kali-Konzern und stoppte die Versenkung von Salzwasser in den Untergrund.

Windradgegner warfen Lübcke im vergangenen Jahr vor, leichtfertig Genehmigungen für große Windkraftanlagen in nordhessischen Wäldern auszusprechen, und unterstellten ihm dabei Eigeninteresse: Lübcke hatte zugegeben, "in den Neunzigerjahren" in Windenergie investiert zu haben, bestritt aber jeden Zusammenhang mit den aktuellen Genehmigungsverfahren.

Swen Pförtner/ DPA

Vor dem Amtssitz des Verstorbenen weht Trauerflor

Im Jahr 2015 stand Lübcke im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte über Flüchtlingsunterkünfte. Er hatte sich in einer Bürgerversammlung für den Bau eines Erstaufnahmelagers in Nordhessen eingesetzt und war von einem Teil der Anwesenden lautstark dafür kritisiert worden. Lübcke forderte die Versammlung dazu auf, sich für "Werte" einzusetzen und sagte, wer dies nicht wolle, könne "jederzeit das Land verlassen". Anschließend kam es zu wütenden Protesten gegen Lübcke, in einer Aufzeichnung sind "Pfui" und "Verschwinde"-Rufe zu hören. In diesem Zusammenhang soll es auch Morddrohungen gegeben haben.

Lübcke hatte eigentlich bereits im März die Altersgrenze zur Pensionierung erreicht, aber noch eine Verlängerung seiner Amtszeit bis September dieses Jahres beantragt. In einer Mitteilung des Regierungspräsidiums hieß es, in der Behörde herrschten "Fassungslosigkeit und Erschütterung über den Tod des beliebten und außerordentlich nahbaren" Chefs. Lübcke hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Söhne mit ihren Familien.


Die Polizei hat für Hinweise aus der Bevölkerung eine Telefonnummer und E-Mail-Adresse eingerichtet: 0561-9104444 bzw. Wolfhagen@polizei-hinweise.de

mab/one/dpa

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