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Panorama

Missbrauchsfall in Lügde

Mit Gewalt bedroht, mit Geschenken belohnt

Die Anklage im Missbrauchsfall von Lügde liegt vor. Nach SPIEGEL-Informationen soll der Hauptbeschuldigte Andreas V. skrupelloser vorgegangen sein als bislang bekannt. Einzelne Opfer fand er demnach über Ebay.

Guido Kirchner/ DPA

Spurensicherung am Tatort: Kindesmissbrauch mit Live-Übertragung im Internet

Von und Annette Großbongardt
Montag, 20.05.2019   20:46 Uhr

Der Hauptbeschuldigte im Lügder Missbrauchsskandal, Andreas V., 56, ging gegenüber seinen Opfern offenbar brutaler und manipulativer vor als bislang angenommen. Das geht aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Detmold hervor, die dem SPIEGEL vorliegt.

Darin wird V., der auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde lebte, in 293 Fällen insbesondere sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und der Besitz von Kinderpornografie vorgeworfen.

22 minderjährige Opfer listet die Staatsanwaltschaft auf, manche von ihnen waren erst zwischen vier und acht Jahren alt. Meist soll V. sie in seinem Campingwagen missbraucht haben, wo viele der Kinder übernachten durften, meist Freundinnen seiner Pflegetochter. Dabei soll er laut Anklage mitunter mit enormer Rücksichtslosigkeit vorgegangen sein: Der arbeitslose Dauercamper, der von Grundsicherung lebte, soll es ignoriert haben, wenn die Kinder weinten oder sagten, dass er aufhören solle.

Er soll auch körperliche Gewalt angewandt haben, in einem Fall soll er ein Mädchen festgehalten haben, um ihren Widerstand zu brechen. V. soll sich über Schmerzen der Kinder hinweggesetzt haben, auch über Verletzungen, die er durch den Missbrauch verursacht haben soll. Die Anklage wirft ihm zudem vor, Kinder dazu gezwungen zu haben, sich mit ihm gemeinsam Kinderpornos anzusehen.

Auch vor psychischer Gewalt schreckte V. offenbar nicht zurück, er soll seine Opfer eingeschüchtert haben, damit sie seine Forderungen erfüllten. Mehreren Kindern soll V. angedroht haben, sie müssten "draußen schlafen", wenn sie nicht täten, was er sage. Er soll seine Opfer gezielt unter Druck gesetzt haben, damit sie niemandem von seinen Übergriffen erzählen. In einem Fall soll er einem Mädchen angedroht haben, dass er ihren "Liebsten" etwas antun werde, falls sie etwas weitererzählte. Einem anderen Kind soll V. gesagt haben, dass "Geister kommen" und es holen würden, wenn es nicht schweige.

Opfersuche über eBay-Kleinanzeigen

Nach seinen Missbrauchstaten soll V. die Mädchen dann mit Geschenken belohnt haben, er soll ihnen Röcke und Armbänder gekauft haben, manche durften sich der Anklage zufolge Spielzeuge aus einem Katalog auswählen.

Am häufigsten missbrauchte V. offenbar seine Pflegetochter, die ihm vom Jugendamt Hameln-Pyrmont auf Wunsch der Mutter anvertraut worden war. Laut Anklage geht es bei ihr um sexuelle Übergriffe in mindestens 132 Fällen. Viele weitere Opfer sollen Freundinnen der Pflegetochter gewesen sein, die V. immer wieder zum Übernachten eingeladen haben soll.

In der Anklage sind neben dem Campingplatz auch weitere Tatorte aufgeführt. So soll V. ein Kind bei einem Besuch in einem Schwimmbad in Lemgo missbraucht haben, auch in einem Freizeitpark soll er übergriffig gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft regt nach einer Freiheitsstrafe Sicherungsverwahrung für Andreas V. an, da es sehr wahrscheinlich sei, dass er den Missbrauch fortsetze.

In der Anklage ist von einer narzisstisch-dissozialen Persönlichkeit bei V. die Rede. Kinder, die er missbrauchen konnte, soll er sogar über eBay-Kleinanzeigen gesucht und gefunden haben: V. fragte auf der Onlineplattform gezielt nach alleinerziehenden Müttern mit Kindern, als Spielkameraden für seine Pflegetochter.

Weitere Beschuldigte könnten hinzukommen

Der Verteidiger von Andreas V., Rechtsanwalt Johannes Salmen, wurde für diesen Artikel um Stellungnahme gebeten, diese liegt bislang nicht vor.

Aus der Anklage geht hervor, dass zu den insgesamt acht Beschuldigten noch weitere hinzukommen könnten. V. soll in mehreren Fällen Live-Übertragungen im Internet organisiert haben, bei denen er Mädchen vor einer Webcam missbrauchte oder sich die Opfer nackt zeigen mussten. In einem Fall soll sich ein Mädchen, das damals 13 Jahre alt war, insgesamt 18 Mal in der Behausung von V. vor der Kamera entblößt haben. Laut der Anklage schauten ihr dabei "bislang unbekannte" Chatpartner zu.

Ein Teilnehmer solcher Chats soll auch Heiko V., 49, aus Stade gewesen sein, dem die Anklage Anstiftung zu schwerem sexuellen Missbrauch und Beihilfe sowie den Besitz von Kinderpornografie vorwirft. Er soll nicht bloß zugeschaut haben, sondern mit den anderen Chatpartnern den Kindern Anweisungen für sexuelle Handlungen gegeben haben. Während ein Mädchen missbraucht wurde, mussten der Anklage zufolge zwei andere Kinder zusehen.

Der Anwalt von Heiko V., Jann Henrik Popkes, nahm bereits am Freitag zu Vorwürfen aus der Klageschrift Stellung: "Mein Mandant räumt den Besitz von kinderpornografischem Material ein. Bei diesem Material gibt es allerdings keinen Bezug zu den Vorfällen auf dem Campingplatz in Lügde", so Popkes. "Mein Mandant räumt auch ein, dass er an Live-Chats mit dem mutmaßlichen Haupttäter teilgenommen hat, der in einem dieser Chats ein Kind missbraucht haben soll." Ein Gutachten habe festgestellt, dass keine Pädophilie bestehe.

Nach Informationen des SPIEGEL könnte der Prozess am 27. Juni eröffnet werden. Allerdings steht die Anklageschrift gegen Mario S. noch aus, der ebenfalls auf dem Campingplatz lebte und als mutmaßlicher Komplize von Andreas V. gilt. Damit könnte sich der Start des Prozesses noch verzögern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der Hauptbeschuldigte Andreas V. sei 59 Jahre alt. Er ist aber 56 Jahre alt, wir haben das korrigiert.

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