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Panorama

Prozess gegen Ku'damm-Raser

Spitzname "Transporter"

Im Mordprozess gegen zwei Raser in Berlin hat eine Bekannte der Angeklagten ausgesagt. Ihr zufolge war Hamdi H. stolz auf seinen Ruf als kühner Fahrer.

Britta Pedersen/DPA

Unfallort in Berlin (1. Februar 2016)

Von Wiebke Ramm
Mittwoch, 09.01.2019   18:43 Uhr

Sein Spitzname sei "Der Transporter" gewesen, nach einem Actionfilm, in dem der Held mit seinem Auto tollkühne Manöver vollführt und sich von keinem Hindernis aufhalten lässt. Auch Hamdi H. raste mit seinem Auto durch die Gegend. Doch anders als der Mann im Film verlor er die Kontrolle über sein Fahrzeug. Mit etwa 160 km/h raste er in einer Nacht im Februar 2016 in Berlin erst über den Kurfürstendamm und dann auf der Tauentzienstraße in den Jeep eines Rentners. Der Mann überlebte die Kollision nicht.

Hamdi H., 29, muss sich wegen Mordes vor dem Landgericht Berlin verantworten. Neben ihm auf der Anklagebank sitzt Marvin N., 27. Auch er ist wegen Mordes angeklagt, in jener Nacht soll er sich mit Hamdi H. ein Rennen geliefert haben, das für den unbeteiligten Rentner tödlich endete.

Fühlte sich Hamdi H. wie ein Filmheld und raste durch Berlin mit der fatalen Illusion, er sei jederzeit Herr der Lage, wie die Verteidigung meint? Oder wusste er, wie gefährlich sein Geschwindigkeitswahn war und nahm er den Tod Unbeteiligter bewusst in Kauf, wie es die Staatsanwaltschaft sieht?

"Maximales Risiko"

Es ist die dritte Hauptverhandlung in dieser Sache. Ein erstes Urteil wurde aufgehoben, ein zweiter Prozess scheiterte gleich nach Beginn. Nun ist die 32. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Matthias Schertz zuständig.

Die junge Frau, die am Mittwoch dem Gericht von dem Spitznamen von Hamdi H. berichtet, kennt beide Angeklagte. Die 27-Jährige war Kellnerin in einer Shisha-Bar am Kurfürstendamm, in der Marvin N. und Hamdi H. häufig zu Gast waren. Hamdi H. sei stolz auf seinen Ruf gewesen, dass er gut schnell fahren könne.

DPA

Angeklagter Hamdi H. (2. v. r.) im ersten Prozess im Februar 2017

Die Zeugin berichtet: Drei, vier Tage vor dem Unfall habe sie in dem Auto eines Kollegen gesessen, als Hamdi H. sich mit ihm ein Rennen auf dem Kurfürstendamm liefern wollte. Der Angeklagte sei über rote Ampeln gefahren, an einer Baustelle habe er sie mit seinem Auto geschnitten. "Das war wirklich wie im Film, maximales Risiko", zitiert der Richter eine frühere Aussage der Frau: "Ich habe vorher niemanden so fahren sehen." Die Zeugin sagt, sie könne sich daran heute nicht mehr gut erinnern.

Der Richter liest weiter aus dem Protokoll vor. Es sei großes Glück gewesen, dass nicht damals schon etwas passiert sei. Die Zeugin bestätigt ihre Aussage. Wenn es da so steht, dann habe sie das auch gesagt.

"Die Verlobte von Hamdi hat mich bedroht"

Kurz nach dem Unfall hat die Zeugin aufgehört, in der Shisha-Bar zu arbeiten. Einen Grund dafür nennt sie vor Gericht nicht. Wie ihre Kollegen und die Gäste auf ihre Aussage bei der Polizei reagiert haben, wisse sie heute nicht mehr, sagt sie auf Nachfrage. Eine Reaktion fällt ihr dann aber doch noch ein.

Als sie in einem der vorherigen Prozesse als Zeugin ausgesagt hat, sei sie hinterher die Straße vor dem Gericht entlanggegangen. An einer Kreuzung seien plötzlich die Verlobte von Hamdi H. und eine zweite Frau aus einem Auto gestiegen und ihr hinterhergelaufen. "Die Verlobte von Hamdi hat mich bedroht", sagt sie. "Ich sei schuld, wenn er wegen Mordes verurteilt wird. Aber da danach nichts mehr kam, denke ich, dass das eine Kurzschlussreaktion war."

Hamdi H. habe sie nach dem Unfall nicht mehr in der Shisha-Bar gesehen. Anders als Marvin N., der ein guter Freund des Geschäftsführers gewesen sei. Bei ihm habe sich N. auch gleich nach dem Unfall gemeldet. "Es ist etwas Schlimmes passiert", habe ihr Chef zu ihr gesagt. Zusammen seien sie zu Marvin N. ins Krankenhaus gefahren. Er habe auf dem Bett gesessen, geweint und sehr geschockt gewirkt. "Das ging ihm nahe, was da passiert war, das hat man gesehen." Auch Hamdi H. habe sie im Krankenhaus kurz gesehen. Er habe gelacht. Da er unter dem Einfluss starker Schmerzmittel gestanden habe, habe sie das nicht ernstgenommen.

Ein Freund saß am Steuer

Eine andere Zeugin berichtet am Vormittag von einem Erlebnis mit Marvin N. Zwei Monate lang war die heute 22-jährige Hotelfachfrau mit dem Angeklagten liiert. Er habe die Beziehung gegen ihren Wunsch beendet. An diesem Verhandlungstag muss die Exfreundin vor Gericht einräumen, dass sie ihn hinterher möglicherweise aus Wut falsch belastet hat.

Sie wandte sich nach dem Unfall an die "Bild"-Zeitung, behauptete, er habe schon vor dem Unfall an einem illegalen Autorennen teilgenommen. Sie hätte damals auf dem Beifahrersitz gesessen. Tatsächlich aber saß Marvin N. damals nicht am Steuer, ein Freund fuhr das Auto. Sie und Marvin N. saßen auf dem Rücksitz. Es sei auch kein Wettrennen gewesen. Der Freund hätte sie damals in der Nacht mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit von einem Club nach Hause gefahren. Der Freund sei betrunken gewesen. Marvin N. habe ihn noch angestachelt. Die Zeugin sagt, sie habe beide angeschrien. "Ich wollte ja noch nicht sterben."

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