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Panorama

Missbrauchsfall in Lügde

Der Landrat muss sich korrigieren

Schon 2016 lagen gegen den Hauptverdächtigen im Fall Lügde Hinweise auf Kindesmissbrauch vor. Das Jugendamt überließ ihm trotzdem ein Pflegekind. Der Landrat versucht sich an einer Erklärung, wie es dazu kommen konnte.

DPA

Parzelle auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde

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Dienstag, 19.03.2019   19:25 Uhr

Wieder steht er vor Kameras und Mikrofonen. Wieder muss er die Verfehlungen seiner Behörde erklären. Wieder geht es um den Missbrauchsskandal von Lügde. Zum dritten Mal in diesem Jahr tritt Landrat Tjark Bartels (SPD) vor die Presse.

Es könnte sein vorerst letzter Auftritt dieser Art gewesen sein. Das suggeriert zumindest der Name des Dokuments, das an die Wand projiziert wird. "Abschlussbericht Landkreis Hameln-Pyrmont" steht darauf. Das klingt allerdings etwas voreilig in einem Missbrauchsfall, der zuletzt fast wöchentlich mit neuen Erkenntnissen und Ermittlungspannen in der Öffentlichkeit stand und sich zu einem Polizeiskandal ausweitete.

Mit dem Bekanntwerden des mutmaßlichen massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen geriet auch das Jugendamt aus dem niedersächsischen Hameln in den Fokus der Ermittlungen. Es hatte bewilligt, dass der Hauptverdächtige Andreas V. Anfang 2017 die Pflegschaft für ein damals sechsjähriges Mädchen erhielt. Die Mutter aus dem Kreis Hameln hatte sich gewünscht, dass ihre Tochter bei V. auf dem Campingplatz aufwächst - sie war gerade 16 Jahre alt, als das Kind zur Welt kam.

Dort soll V. jahrelang mit einem Komplizen nicht nur das Mädchen, sondern viele weitere Kinder missbraucht und die Taten gefilmt haben. Mehr als 30 Kinder, die meisten sind zwischen vier und 13 Jahren alt, sind betroffen. Seit Ende Dezember sitzen V. und zwei Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Das Mädchen lebt aktuell in einer Einrichtung mit Gleichaltrigen, die Mutter hat weiterhin das Sorgerecht.

Die Wohnsituation des Kindes auf dem Campingplatz sei nicht optimal gewesen, hatte Bartels in den vergangenen Wochen immer wieder betont. Seinem Amt hätten Hinweise auf die desolaten Verhältnisse vorgelegen, mehr aber nicht. Jetzt muss sich der Landrat korrigieren.

DPA

Landrat Tjark Bartels

Tatsächlich seien in den Akten Hinweise auf Pädophilie vermerkt, sagt Bartels. Demnach hätten schon im Jahr 2016 eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein Vater und eine Kindergarten-Psychologin den Verdacht der Pädophilie geäußert - also bevor V. die Pflegschaft für das Kind übernahm.

So habe Andreas V. einer Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg gesagt, das Kind würde ihn "heiß machen" und dann plötzlich nicht mehr wollen. Für Süßigkeiten würde das Mädchen allerdings "alles machen". Ein Vater äußerte gegenüber der Polizei, V. habe seine Kinder unsittlich berührt. Und eine Psychologin, die den Kindergarten des Mädchens betreute, äußerte, sie habe ein ungutes Gefühl. Die Hinweise der Mitarbeiterin und des Vaters waren schon im Zuge des Skandals bekannt geworden. Dass auch eine Psychologin einen Verdacht äußerte, kam nun erstmals durch den Landrat auf.

Bartels sagt, aus den Akten gehe hervor, dass man den Hinweisen damals nachgegangen sei. Es gab demnach Hausbesuche und Gespräche. Die Wohnsituation des Pflegevaters und die schulische Entwicklung des Mädchens seien erörtert worden. Andreas V. habe sich dabei laut seinen Mitarbeitern immer kooperativ gezeigt.

"Er war schwierig in seinem sozialen Umgang"

Deren Eindrücke von V. seien erstaunlich übereinstimmend gewesen. Der Pflegevater galt als rheinische Frohnatur. "Er war schräg, schwierig in seinem sozialen Umgang, aber er setzte sich für die Entwicklung des Kindes ein", sagt Bartels.

Bei Hausbesuchen habe V. sein Pflegekind in die Luft geworfen, mit ihm gelacht. Die Mitarbeiter des Jugendamts hatten den Eindruck einer vertrauensvollen Bindung. Diese habe angemessen und angstfrei gewirkt. Auf die Idee, dass V. sich an Kindern vergehen könne, sei man nicht gekommen, sagt Bartels. "Andreas V. hat uns alle getäuscht."

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Problematisch sei dabei auch die Zusammenarbeit innerhalb des Jugendamts gewesen. Sowohl dem Allgemeinen Sozialen Dienst als auch dem Pflegekinderdienst lagen einzelne Hinweise vor. Doch zwischen beiden Institutionen habe es keinen vollständigen Informations- und Datenaustausch gegeben. Auch die Kooperation mit dem Jugendamt Lippe und der Polizei Lippe lief laut Bartels nicht einwandfrei. "Einer verließ sich auf den anderen."

Zudem sei es zwischen April und August 2018 zu einer Betreuungspause von V. und seinem Pflegekind gekommen. Nach einer Auseinandersetzung mit V. beendete der Träger der Familienhilfe seine Arbeit. Er zeigte eine chronische Kindeswohlgefährdung an und erklärte, V. müsse Erziehungsseminare aufsuchen. Dass der Behörde dies bekannt war, lässt ihre Arbeit in einem noch schlechteren Licht erscheinen. Sie leitete ein Verfahren ein, danach passierte nichts mehr.

Erst vier Monate später übernahm ein neuer Träger. In der Zwischenzeit war Andreas V. mit dem Kind allein.

Der Fehler seiner Behörde sei gewesen, dass die Hinweise nicht gemeinsam gewürdigt worden seien, sagt Bartels. Aus heutiger Sicht hätte man V. keine Pflegschaft erteilt und früher ein Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung eingeleitet.

Mitarbeiterin löschte Passage in Akten

Es ist nicht das einzige Problem in Bartels Behörde. Im Zuge der Ermittlungen hat das Jugendamt eine Mitarbeiterin freigestellt, die zweite personelle Konsequenz in dem Fall innerhalb der Behörde. Die Staatsanwaltschaft habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass ein weiterer Eintrag in den Akten verändert worden sei, sagt der Landrat.

Konkret betroffen sei ein Absatz aus dem November 2017, der sich auf ein Genogramm von Andreas V. beziehe. Dabei handele es sich um eine Art Stammbaum, der die Beziehungen von Andreas V. skizziere. In der Passage sei angemerkt worden, dass der Pflegevater immer wieder Kontakt zu kleinen Mädchen suche und diese in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe. Die Mitarbeiterin löschte den Hinweis am 13. Dezember 2018, wenige Tage bevor die Staatsanwaltschaft die Akten beschlagnahmte.

Bereits Mitte Februar hatte Bartels mitgeteilt, dass der Leiter des Jugendamtes Hameln-Pyrmont nachträglich eine Passage in der Akte geschönt hatte. Der Mann gab die Manipulation zu und wurde vom Dienst suspendiert.

Was bleibt dem Landrat angesichts der Ansammlung von Fehlern, Manipulation und Sorglosigkeit?

Das Jugendamt sei seinem Wächteramt nicht in der gewohnten Form nachgekommen, sagt Bartels. "Dafür entschuldigen wir uns ausdrücklich bei denjenigen, die Leid erfahren haben."

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