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Panorama

Gewalt gegen Frauen

Mexiko-Stadt ruft Notstand aus

Missbrauch, Vergewaltigungen, Morde: Wegen Gewalt an Mädchen und Frauen hat Mexiko-Stadt den Notstand ausgerufen. Die Hauptstadt ist nicht die erste Gemeinde in Mexiko, die diesen Schritt geht.

Daniel Becerril/REUTERS

Kriminaltechniker untersuchen einen Tatort in Mexiko (Archivbild)

Donnerstag, 21.11.2019   22:01 Uhr

In Mexiko-Stadt ist ein Notstand wegen Gewalt gegen Frauen erklärt worden. Dadurch werde das Problem sichtbarer, erklärte die Bürgermeisterin der mexikanischen Hauptstadt, Claudia Sheinbaum, am Donnerstag in einer Mitteilung. "Jeder und jede in dieser Stadt muss STOP, SCHLUSS sagen." Im Rahmen der Maßnahme werde sie unter anderem einen Gesetzesentwurf für die Schaffung eines öffentlichen Verzeichnisses von Sexualstraftätern vorlegen, hieß es von Sheinbaum. Sie werde alles in ihrer Macht stehende tun, damit sich Frauen und Mädchen frei und sicher fühlen.

Nach offiziellen Zahlen wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres in Mexiko-Stadt mehr als 150 Frauen ermordet. Bei 40 dieser Fälle handelte es sich demnach um Femizide - die Opfer wurden also wegen ihres Geschlechts umgebracht. Es gab zudem bis Ende September 527 Notrufe wegen Vergewaltigungen. Die Zahl der Vergewaltigungsverfahren sei zwischen Oktober 2018 und Oktober 2019 um zehn Prozent gestiegen - auch weil die Stadt zahlreiche Anwältinnen eingestellt habe, um Frauen zu beraten und bei Anzeigen zu unterstützen, betonte Sheinbaum.

Die 57 Jahre alte Umweltforscherin ist seit knapp einem Jahr als erste Frau das Oberhaupt von Mexiko-Stadt. Mit rund neun Millionen Einwohnern im Stadtgebiet und mehr als 20 Millionen im Großraum ist die Hauptstadt des lateinamerikanischen Landes eine der größten Städte der Welt. In Mexiko, das seit Jahren unter hohen Gewaltraten leidet, hatten seit 2015 bereits 18 andere Stadtverwaltungen einen sogenannten Geschlechtsalarm ausgerufen.

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Übergriffe auf Frauen sind überall in Mexiko alltäglich, und die meisten bleiben folgenlos. "In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Morde an Frauen mehr als verdoppelt, heute zählt man jeden Monat 270 Femizide", sagte vor Kurzem die Frauenrechtlerin Julia Escalante De Haro in einem Interview mit der "Zeit". "Die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Mädchen unter fünf Jahren haben sich mehr als verdreifacht - und das sind nur die Anzeigen. Jedes Jahr werden mehr als 11.000 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren schwanger, nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben."

Als Ursache für die Gewalt sieht sie den allgegenwärtigen Krieg der Drogenkartelle gegen die Regierung. Ihre Analyse der Gewaltstatistiken: "Wo sich die Kartelle besonders brutal bekämpfen, werden auch besonders viele Frauen ermordet. Frauen sind die Beute in diesem Krieg."

Am vergangenen Mittwoch haben die Behörden auch die Kriminalstatistik für die ersten zehn Monate des Jahres veröffentlicht: Bisher hat es in Mexiko 29.414 Morde gegeben - die erfasst worden sind. Das sind noch einmal zwei Prozent mehr als im Vorjahr, als die Behörden 28.869 Morde registrierten.

oka/AP/dpa

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