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Panorama

Lügder Missbrauchsfall

Frühere Pflegetochter des Hauptangeklagten wiederholt Vorwürfe vor Gericht

Sie war fünf, als die Übergriffe begannen: Im Prozess zum Lügder Missbrauchsfall hat die frühere Pflegetochter des Hauptangeklagten ausgesagt - eine wichtige Zeugin. Das Mädchen leidet bis heute.

Friso Gentsch/DPA

Detmold in Nordrhein-Westfalen: Blick in ein Kinderverhörzimmer. Eine zentrale Zeugin hat im Lügder Missbrauchsfall ausgesagt.

Freitag, 12.07.2019   19:44 Uhr

Im Prozess zum Lügder Missbrauchsfall hat die frühere Pflegetochter des Hauptangeklagten ihre belastenden Aussagen bekräftigt. Die Achtjährige habe vor dem Landgericht Detmold bestätigt, dass ihre Angaben, die sie gegenüber der Polizei gemacht hatte, richtig seien. Das sagte ihr Anwalt.

Den beiden Angeklagten wird hundertfacher Missbrauch von Dutzenden Minderjährigen vorgeworfen. Die Männer haben die Vorwürfe eingeräumt. Andreas V. und Heiko S. haben die Taten vor allem auf einem Campingplatz in Lügde begangen, der an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen liegt.

Das Mädchen sagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Der Anwalt des Kindes sprach später mit Journalisten über den Inhalt. Er bezeichnete die Befragung als "kindgerecht".

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Die Achtjährige ist eine zentrale Zeugin in dem Verfahren. Sie hatte ab Frühjahr 2016 etwa zweieinhalb Jahre lang bei Andreas V. auf dem Campingplatz gelebt - in einer heruntergekommenen Behausung. Den Ermittlungen zufolge wurde sie in mehr als hundert Fällen sexuell missbraucht.

Der Landkreis Hameln in Niedersachsen hatte Andreas V. als Pflegevater eingesetzt, das geschah auf Wunsch der überforderten Mutter. In dem Komplex hatte es zahlreiche Versäumnisse gegeben, parallel zum Prozess laufen Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Jugendämtern und Polizei.

Später eine Therapie

Das Mädchen werde derzeit in einer Einrichtung betreut, sagte ihr Anwalt. Später werde sie eine Therapie beginnen, sei aber noch nicht so weit, "über die Dinge zu sprechen", sagte er. "Ihre Sprachlosigkeit spricht Bände." Das Kind war erst fünf Jahre alt, als die Übergriffe begannen. Um das Risiko einer erneuten Traumatisierung zu minimieren, mussten die Angeklagten vor der Befragung des Mädchens den Saal verlassen.

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda las am Freitag E-Mails aus den Jahren 2012 und 2013 vor. Sie belegen, dass sich Andreas V. auf perfide Weise das Vertrauen seiner Opfer erschlich: Mal versprach er, ein Handy oder ein Notebook zu besorgen, dann bat er, doch mal eine Freundin mitzubringen (lesen Sie hier mehr darüber). Er sprach die Mädchen mit "Schatz" oder "mein Kind" an. In den E-Mails nannten die Kinder ihn "Papa", "Addi" oder "Papa-Bär". Ein Kind schrieb, sie habe ihn lieb, aber: "Ich möchte nicht, dass du bei mir rumfummelst."

Keine Kraft

Zwei Mädchen, die eigentlich aussagen wollten, brachten die Kraft dazu doch nicht auf, wie deren Anwältin erklärte. Es falle den Kindern bis heute sehr schwer, über die Ereignisse zu sprechen. Sie schämten sich, würden von Ekelgefühlen und Alpträumen geplagt.

Das Verfahren gegen einen weiteren Verdächtigen war abgetrennt worden. Der 49-Jährige aus Stade soll an Webcam-Übertragungen teilgenommen haben und teilweise zu den Gewalttaten angestiftet haben. Das Gericht will am 17. Juli sein Urteil verkünden.

jpz/dpa

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