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Panorama

Prozessauftakt Lügde

"Schuld, Wut und Zorn"

Tatort Campingplatz: Selbst die Richterin ist schockiert über das Ausmaß der Taten im Lügder Missbrauchsfall, die nun vor Gericht verhandelt werden. Opfer wie Täter hoffen auf ein schnelles Urteil.

Bernd Thissen/ DPA

Prozessauftakt in Detmold: Der Angeklagte Andreas V. wird von einem Justizmitarbeiter in den Saal des Landgerichts geführt. Links im Bild sein Verteidiger Johannes Salmen.

Von , Detmold
Donnerstag, 27.06.2019   19:42 Uhr

Es ist still wie auf einer Beerdigung, als Andreas V. am Donnerstagmorgen in den Saal 165 im Landgericht Detmold tritt. Er trägt Jeans und einen Pullover mit Kapuze, die er sich über den Kopf gezogen hat. Vor sein Gesicht hält er sich einen Aktenordner, um sich vor den Kameras zu schützen. Hinten im Saal, im Publikum, wischt sich eine Frau Tränen aus dem Gesicht, sie liegt im Arm eines Mannes, auch er weint. Man ahnt, dass die beiden Teil des Martyriums wurden, das Andreas V., 56, über so viele Menschen gebracht haben soll.

Auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde soll der Mann über Jahre Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben, rücksichtslos und brutal. Es geht um 298 Taten und 23 mutmaßliche Opfer. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den früheren Dauercamper des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von kinderpornografischen Schriften.

Andreas V. ist der Hauptbeschuldigte in dem Verfahren, neben ihm sitzt an diesem Morgen Mario S., 34, der auch auf dem Campingplatz lebte. Die Männer sollen Komplizen gewesen sein und Kinder wie selbstverständlich zwischen ihren Wohnwagen hin- und hergetauscht haben. Mario S. werden in 162 Fällen sexueller und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

Der dritte Mann auf der Anklagebank ist Heiko V., 49, er soll sich über Live-Chats im Internet, die Andreas V. organisierte, an den Verbrechen beteiligt haben.

Seit rund einem halben Jahr sitzen die drei Männer in Untersuchungshaft. Rund 80 Ermittler der Polizei Bielefeld waren in den vergangenen Monaten damit beschäftigt, Zeugen zu vernehmen, Spuren zu verfolgen, Datenträger auszuwerten. Die Verbrechensserie ist wohl beispiellos in der deutschen Kriminalgeschichte. Hunderte Taten. Dutzende Opfer. Und jahrelang blieb fast alles unbemerkt. Hinweise, so weiß man heute, wurden ignoriert oder nicht verfolgt. Das Städtchen Lügde steht inzwischen für ein Komplettversagen von Behörden, der Politik und der Gesellschaft.

Die Vielzahl der Opfer macht fassunglos

Die Tragweite des Falls ist enorm, genauso wie die Dimensionen des Verfahrens, das die Richterin Anke Grudda leitet. Neben den drei Angeklagten gibt es 30 Nebenkläger, die wiederum von 19 Anwälten vertreten werden. Die Kammer hat im Vorfeld 53 Zeugen für die Verhandlungen geladen, darunter die mutmaßlichen Opfer, deren Eltern und Freunde. Und einen Polizisten.

"Das hier", sagt Richterin Grudda gleich zu Beginn, "wird eine große Herausforderung."

Als die Kameras weg sind, zieht sich Andreas V. die Kapuze vom Kopf, sein Gesicht ist blass, seine Augen müde. Grudda verliest ihr Eröffnungsstatement. Was den Angeklagten vorgeworfen werde, sei "abscheulich", sagt die Richterin, die Vielzahl der mutmaßlichen Opfer mache sie "fassungslos". Und dennoch, es gelte für die Männer auf der Anklagebank die Unschuldsvermutung. Manche hätten "schon geurteilt", die Kammer aber werde das Verfahren "unparteiisch und objektiv" führen. Es ist Grudda offenbar wichtig, eine Selbstverständlichkeit zu betonen.

Bernd Thissen/AFP

Die Angeklagten Mario S. (links) und Andreas V. im Gerichtssaal.

Der Grund könnte sein, dass Vieles gegen Andreas V. spricht, fast alles muss man wohl sagen. Die Beweislage ist erdrückend. Das geht aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hervor, die sich wiederum auf die Vernehmungen der Kinder stützt. Gleich zu Beginn der Verhandlung stellt ein Opferanwalt den Antrag, die Zuschauer und Medien vom Prozess auszuschließen, solange die Anklage verlesen wird. Die geschilderten Ereignisse, heißt es, seien so heftig, so detailliert, dass sie zum Schutz der Kinder nicht vor allen verlesen werden dürften. Grudda gibt dem Antrag statt.

"Nicht einsehbarer Rückzugsort"

In der Anklage, die dem SPIEGEL vorliegt, wird explizit beschrieben, wie Andreas V. die Kinder missbraucht haben soll, wie er ihr Vertrauern mit Geschenken erlangt und sie mit Drohungen zum Schweigen gebracht haben soll. Seine Parzelle auf dem Campingplatz sei ein "nicht einsehbarer Rückzugsort" gewesen, heißt es in der Anklage. Ein Ort, an dem er Kinder, die meisten von ihnen zwischen fünf und elf Jahre alt, auf schlimmste Weise vergewaltigt haben soll. Trotz Tränen, trotz Blut, trotz Hilferufen. Die Anklageschrift ist an vielen Stellen kaum zu ertragen.

Um seine Opfer anzulocken, nutzte Andreas V. offenbar vor allem seine Pflegetochter, die ihm das Jugendamt im Januar 2017 anvertraute - und die er wohl am häufigsten missbrauchte. Das Mädchen, das heute acht Jahre alt ist, soll immer wieder Freundinnen mit in den Wohnwagen gebracht haben, die dann häufig dort übernachtet haben sollen. Und so vermutlich zu Opfern wurden.

An den Tischen der Nebenklage-Vertreter hat auch der Anwalt Roman von Alvensleben Platz genommen. Er vertritt das Mädchen, das mit seiner Aussage im vergangenen Herbst die Ermittlungen gegen Andreas V. ins Rollen brachte. Das Kind war eine Freundin der Pflegetochter von Andreas V. und soll im Sommer 2018 von ihm missbraucht worden sein. Damals war es neun Jahre alt.

In einer Verhandlungspause erzählt von Alvensleben, dass das Mädchen und seine Mutter derzeit von einem Seelsorger und einer psychosozialen Prozessbegleiterin betreut würden. Inzwischen, sagt der Anwalt, würde das Kind wieder in die Schule gehen können. Kürzlich hätten Mutter und Tochter gemeinsam das Landgericht besichtigt, um sich alles anzusehen, sich auf den Prozess vorzubereiten, sofern so etwas überhaupt möglich ist. Beide sind als Zeuginnen geladen. Im Gericht gibt es ein Zimmer mit Spielzeug und Kuscheltieren, ein geschützter Ort, an dem sich die Mädchen und Jungen vor ihrer Zeugenaussage aufhalten können.

Peter Steffen/ dpa

Kinderschuhe vor dem Landtag in Hannover: Die Mitglieder der Initiative «Kinder von Lügde» forderten mit der Aktion im Mai die Einsetzung eines unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Landes.

"Die Anspannung bei den Eltern der Opfer ist vor dem Prozess riesig gewesen", sagt von Alvensleben, "sie machen sich einerseits selbst Vorwürfe, andererseits sind auch sie schwer traumatisiert. Sie fühlen Schuld, Wut und Zorn."

Es war die große Frage, die im Vorfeld über dem Prozess schwebte: Werden die mutmaßlichen Opfer ihre Erlebnisse ein weiteres Mal erzählen müssen? Dann vor Gericht, vor fremden Menschen in schwarzen Roben? Werden sie ein weiteres Mal durch die Hölle gehen müssen?

"Ich schäme mich dafür"

Nach der Mittagspause des ersten Verhandlungstages zeigt sich: Wahrscheinlich nicht. Johannes Salmen, der Verteidiger von Andreas V., ergreift das Wort. Bis auf elf Taten, erklärt Salmen, räume sein Mandant das, was ihm vorgeworfen werde ein. Und zwar so, wie es in der Anklage beschrieben sei. Andreas V. selbst möchte nichts zu den Anschuldigen sagen, nicht mal zu seiner Person möchte er Angaben machen. Danach gestehen auch Mario S. und Heiko V. den Großteil der Vorwürfe.

S. ist der einzige der drei Angeklagten, der sich öffentlich zu Wort meldet. Richterin Grudda fragt ihn, ob er sich seine Taten irgendwie erklären könne. S. schüttelt mit dem Kopf. "Nein", sagt er leise. "Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es gerne tun." Dann senkt er den Blick: "Ich schäme mich dafür." Er möchte eine Therapie machen, sobald der Prozess vorbei ist. Das erklärt sein Verteidiger in einer schriftlichen Einlassung.

Die Geständnisse der Angeklagten werden vermutlich dazu führen, dass die Kinder nicht ausführlich als Zeugen vernommen werden. Richterin Grudda, das erzählen Prozessbeteiligte, möchte die Jungen und Mädchen zwar trotzdem laden, sie von Angesicht zu Angesicht sehen, aber ohne ihnen dabei zu detailliert Fragen zu den Taten in den Wohnwagen zu stellen. Die Kinder werden wohl nur vor der Richterin, den Staatsanwälten und den Verteidigern sprechen. In einer "kindgerechten Atmosphäre", wie es eine Gerichtssprecherin nennt. Dass die jungen Zeuginnen und Zeugen vor Gericht auf ihre mutmaßlichen Peiniger treffen, gilt als ausgeschlossen.

"Das nimmt den Druck etwas raus", sagt Opferanwalt von Alvensleben, "die Kinder und ihre Eltern werden erleichtert sein."

Es sind noch viele Fragen offen

Drei Geständnisse am ersten Tag, das war nicht unbedingt abzusehen in einem Prozess, der wegen schlampiger Polizeiarbeit und etlicher Ermittlungspannen zwischenzeitlich sogar zu wackeln schien. Und trotzdem sind noch viele Fragen offen. Zum Beispiel die, ob das Verfahren zur Aufklärung beitragen wird. Andreas V. und Mario S. lebten jahrelang auf dem Campingplatz, dicht an dicht mit anderen Campern, von denen niemand etwas gesehen oder gehört haben will. Bei Hunderten Taten und Dutzenden Kinder. Kann das sein? Oder gab es etwa Wegseher, Mitwisser vielleicht, womöglich sogar Helfer?

Friso Gentsch/ DPA

Tatort Campingplatz "Eichwald": Der Prozess wird nicht klären können, ob es Mitwisser oder gar Helfer gab.

Es gibt Nebenklage-Vertreter, die fordern vom Prozess, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Kammer müsse sich auch um mögliche Hintermänner und Unterstützer kümmern, heißt es. Doch das wird wohl nicht passieren. Man werde sich mit den Vorwürfen in der Anklage beschäftigen, stellt Richterin Grudda klar, und mit der Frage, wie die Taten zu sanktionieren sind. "Warum niemand etwas gemerkt oder gesehen hat", sagt sie, "ist nicht Gegenstand des Verfahrens."

Die Kammer hat insgesamt zehn Verhandlungstage angesetzt, die Termine reichen bis Ende August. Wann das Gericht ein Urteil spricht, ist unklar. Der Verteidiger von Heiko V. versucht die Kammer davon zu überzeugen, das Verfahren seines Mandanten vom Rest des Prozesses abzutrennen. Das Gericht wird vermutlich morgen, am zweiten Prozesstag, über seinen Antrag entscheiden. Dann sollen auch ein Mädchen, das mutmaßlich missbraucht wurde, und ihre Mutter vernommen werden.

Ein "schlanker Prozess" für alle

Am Ende des ersten Verhandlungstags steht Verteidiger Salmen vor dem Gerichtssaal und wischt sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. Ihm ist anzusehen, dass er erleichtert ist, dass sein Mandant gestanden hat. 20 Mal habe er Andreas V. in der Justizvollzugsanstalt besucht, erzählt Salmen. Der Verteidiger deutet an, dass die Gespräche nicht immer einfach gewesen seien. "Ich möchte einen schlanken Prozess für alle", sagt Salmen.

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