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Panorama

Prozess in München

Der Kreidl Jakob, der Bromme Georg und der Millionenschaden

In München stehen Honoratioren vom Tegernsee vor Gericht. Im bayerischen Refugium der Reichen und Schönen sollen Politik und Finanzwelt eine unheilige Allianz eingegangen sein.

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Jakob Kreidl in einem Sitzungssaal des Landgerichts München II

Von , München
Mittwoch, 24.10.2018   19:55 Uhr

Würde sich ein Spötter landestypisches Amigo-Verhalten ausdenken, das Klischee für Bayern sähe wohl so aus: Man beschenkt sich gegenseitig mit Brotzeitbrettern und Hirschhorn-Messern, die Ehefrauen dürfen auf fremde Kosten shoppen gehen oder in den Bergen Wellness machen. Beim Grundstückkauf hilft eine kleine Spende an die Gemeinde. Immer mal wieder geht man gemeinsam auf die Gamsjagd oder wenigstens zünftig essen und trinken.

Dieses Klischee aber existiert, alle Details finden sich in einer Anklage, die die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht München II verlas. Dort hat nun nach fünf Jahren Ermittlungen der Prozess zur sogenannten Sparkassenaffäre begonnen. Sie spielt in der Gegend um den Tegernsee, Refugium der Reichen und Schönen, im Volksmund auch "Lago di Bonzo" genannt.

Angeklagt sind vier Männer aus dem Landkreis Miesbach in Bayern. Sie sollen, zu unterschiedlichen Anteilen, der örtlichen Kreisparkasse Miesbach-Tegernsee einen Schaden von mindestens 1,25 Millionen Euro zugefügt haben.

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Jakob Kreidl (Archivfoto von 2007)

Die beiden Hauptangeklagten sind Georg Bromme, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, und der seinerzeitige Vorsitzende des Verwaltungsrats, der Landrat Jakob Kreidl (CSU). Der Vorwurf: Untreue sowie Vorteilsgewährung beziehungsweise Vorteilsannahme. Ebenfalls angeklagt sind ein ehemaliger Vorstand und der amtierende Vorstandsvorsitzende des Geldinstituts.

"Sie handelten in zahlreichen Fällen zum eigenen Vorteil", führte die Staatsanwaltschaft zu den Hauptangeklagten aus. Das sei passiert, als sich in der Zeit zwischen 2009 und 2012 die Ertragslage des Geldinstituts verschlechtert habe. Laut Anklage war die Bank sogar "bayerisches Schlusslicht", Grund: "Der auffällig hohe Sachaufwand".

Zum Beispiel für die 60. Geburtstagsfeier Kreidls am 16. August 2012, organisiert von der Sparkasse. Kosten für die Sause mit 460 Personen laut Anklage: 66.434 Euro, von denen der Landkreis später 33.217,42 Euro übernahm. Kreidl soll sich für das Entgegenkommen bedankt haben, indem er Mitarbeiter der Sparkasse wiederum zum Essen einlud, die Rechnung ging an die Sparkasse.

Brunello zum Entenessen

Mehrfach lachten Zuschauer im Saal 273 des Strafjustizzentrums laut auf oder schüttelten den Kopf, so viele saftige Details enthält die Anklageschrift: Da ist die Bürgermeisterfahrt nach Interlaken, deklariert als "Informationsgewinnung im Bereich Regionalentwicklung". Die Delegation logierte mit Ehefrauen in einem Fünf-Sterne-Hotel, zum Abendessen gab es Magnum-Flaschen Wein.

Eine Fahrt des Kreistages führte in ein Shopping-Center bei Graz, laut Staatsanwaltschaft eine Exkursion mit "reinem Freizeitcharakter". Zu einem Entenessen mit Landräten aus Oberbayern und Rheinland-Pfalz wurde Brunello ausgeschenkt, 39 Flaschen, der Wein kostete mehr als das Essen.

Und dann die Geschenke, die Bromme laut Staatsanwaltschaft großzügig verteilt haben soll, um sich das Wohlwollen seiner Aufseher zu erkaufen: Montblanc-Füller, VIP-Tickets zur Ski-WM, Regenschirme für 238 Euro. Er selbst, so die Anklage, beschenkte sich mit einem Thermo-Hundebett und einem Waffengutschein. Teurer war die Sanierung des Landratsbüros, die ebenfalls die Sparkasse übernahm, für 113.760,41 Euro.

Als Bromme 2012 aus dem operativen Geschäft ausstieg, billigte ihm der Aufsichtsrat demnach einen Beratervertrag zu, laut Anklage mit einer monatlichen Zahlungsverpflichtung der Sparkasse von mindestens 5307,40 Euro.

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Die Affäre illustriert detailreich, was sich Politiker im Freistaat bisweilen so alles herausnehmen konnten, zumindest noch vor kurzem. Denn Kreidl war kein Hinterbänkler. Bevor er 2008 bis 2014 als Landrat amtierte, saß er für die CSU im Landtag. Er stand später als Präsident dem Bayerischen Landkreistag vor. 2013 verzichtete der CSU-Mann nach Plagiatsvorwürfen auf seinen Doktortitel - der gelernte Ingenieur hatte über den Kosovo-Konflikt promoviert.

Dem Aufsichtsgremium der Sparkasse gehörten allerdings auch Politiker anderer Parteien an, zum Beispiel Kreidls Nachfolger von den Grünen oder Kreidls ehemaliger Stellvertreter von den Freien Wählern. Ob sie sich der Untreue schuldig gemacht haben, wird wohl ein weiterer Prozess klären.

Das Verfahren in München wirft die Frage auf, ob Sparkassen gut kontrolliert werden. In deren Verwaltungsräten sitzen bundesweit Bürgermeister und Landräte, die das maßgebliche Finanzinstitut ihrer Region beaufsichtigen sollen. Es gibt Kontrollmechanismen wie das Sparkassengesetz oder die Sparkassenordnung; die Miesbacher sollen sie missachtet haben.

"Alles ist zusammengebrochen"

Die Angeklagten haben indes einen anderen Blick auf die Vorgänge, das machen sie durch erste Erklärungen deutlich. Brommes Verteidigerin etwa wirft der Staatsanwaltschaft besonderen Belastungseifer vor, die Ermittlungen seien tendenziös geführt worden.

"Fakt ist, dass Herr Bromme sich nicht bereichert hat." Er sei vielmehr sein ganzes Berufsleben lang "überzeugter Sparkassler" gewesen, der sich persönlich um die Kunden bemüht habe. "Anders als bei normalen Banken steht bei Sparkassen gerade nicht die Gewinnerzielungsabsicht im Vordergrund", sagt die Verteidigerin. Bromme erklärt: "Ich habe meine Position sehr intensiv ausgeführt."

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Jakob Kreidl (l.) mit Bayerns früherem Ministerpräsidenten Edmund Stoiber Heiligabend 2007 am Oberlanddenkmal in Waakirchen

Kreidl sagt, die ausdauernden Ermittlungen hätten ihn schwer belastet, auch seine Familie. "Ich habe stets nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", erklärt er mit brüchiger Stimme. Er zählt seine vielen Verdienste um die Region aus, diese würden nun nicht gewürdigt. Stattdessen werde er vorverurteilt und sämtlicher Ämter beraubt.

"Alles ist zusammengebrochen", so beschreibt der Angeklagte seine Lebenssituation. Anfang November wird das Verfahren fortgesetzt. Bis Ende Januar sind 20 Termine anberaumt.

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