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Panorama

Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg

"Wer die Wirkung von Ecstasy nicht gewöhnt ist, denkt in dem Moment ganz bestimmt nicht an Sex"

Mehrere Männer sollen eine 18-Jährige in Freiburg vergewaltigt haben. Ein Toxikologe äußerte sich nun zu einer zentralen Frage des Prozesses: Was macht die Droge Ecstasy mit dem Sexualtrieb?

Patrick Seeger/ DPA

Der Fall wird in einem eigens für den Prozess umgebauten Saal am Landgericht in Freiburg verhandelt

Aus Freiburg berichtet Wiebke Ramm
Donnerstag, 07.11.2019   22:32 Uhr

Über Stunden soll eine 18-Jährige in einer Nacht im Oktober 2018 in einem Gebüsch neben einer Freiburger Disco vergewaltigt worden sein. Von einem Mann nach dem anderen. Zehn Flüchtlinge und ein Deutscher müssen sich seit Juni vor dem Landgericht Freiburg wegen Vergewaltigung verantworten. Drei Angeklagte sind inzwischen aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das Gericht sieht bei ihnen keinen dringenden Tatverdacht mehr.

Die Angeklagten bestreiten die Tat. Die, die sich äußern, geben an, sie hätten die junge Frau nicht vergewaltigt, sondern einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt. Die Frau soll massiv Sex eingefordert haben, behaupten sie. Sie sagen auch, dass die 18-Jährige erkennbar unter Drogeneinfluss gestanden habe. Die Frau, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt, gab an, Ecstasy konsumiert zu haben.

"Zwei Experten sind immer besser als einer"

Steigert Ecstasy die Lust auf Sex? "Das ist eine der zentralen Fragen des Prozesses", sagt der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin am Donnerstag.

Als Experte auf dem Gebiet der Wirkung von Ecstasy auf die Psyche gilt Psychiater Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover. Er wird sich zu einem späteren Zeitpunkt vor Gericht äußern.

An diesem Tag erstattet zunächst Volker Auwärter, forensischer Toxikologe am Universitätsklinikum Freiburg, sein Gutachten. Er soll sich eigentlich nur zu den Ergebnissen seiner Analyse der Blut-, Urin- und Haarprobe der jungen Frau äußern. Doch dann sagt Richter Bürgelin: "Zwei Experten sind immer besser als einer." Und so gibt auch schon Auwärter Auskunft zum Thema Sex und Ecstasy.

"Gesteigertes Kuschelbedürfnis"

"Ecstasy gehört sicherlich nicht zu den Drogen, die das sexuelle Bedürfnis steigern", sagt er: "Eher ist das Gegenteil der Fall." Es gebe dazu viele Studien. "Sexualität ist nach Ecstasy-Konsum eher nicht das zentrale Thema. Die Konsumenten kommen eher in einen postorgasmischen Zustand. Sie haben ein gesteigertes Kuschelbedürfnis, ein Bedürfnis nach Nähe." Psychiater Passie verfolgt die Ausführungen seines Kollegen im Gerichtssaal. Er nickt.

Die wissenschaftlichen Studien zum Thema zeichneten ein klares Bild, sagt Auwärter. "Das sexuelle Verlangen wird durch Ecstasy nicht gesteigert. Ob es in Einzelfällen anders ist, kann ich nicht beurteilen. Das schließt nicht aus, dass es auch unter Ecstasy-Einfluss zu sexuellen Handlungen kommt, auch zu einvernehmlichen. Aber es gibt andere Drogen, wo die Leute eindeutig viel mehr Lust auf Sex haben."

"Ich will das nicht dramatisieren"

Der Toxikologe fand stark erhöhte MDMA-Werte im Blut der Nebenklägerin. MDMA ist der Wirkstoff, der sich nach dem Konsum von Ecstasy im Blut, genauer im Blutserum, nachweisen lässt. Der Gutachter geht davon aus, dass die Tablette, die die Frau nach eigenen Angaben eingenommen hatte, hoch dosiert gewesen ist. Vergleichbare Tabletten, die die Polizei beschlagnahmt hatte, wiesen eine überhöhte Dosis von 160 Milligramm MDMA auf. Dies passe zu dem bei der Frau festgestellten Wert.

Wie Ecstasy wirkt, liege unter anderem am Körpergewicht. Die Frau wog knapp 70 Kilogramm. Auwärter formuliert es so: "Bei unter 70 Kilogramm wäre bei der Hälfte der Tablette die Wirkung im Wohlfühlbereich. 160 Milligramm sind bei einer jungen Frau mit diesem Körpergewicht schon eine sehr hohe Dosis." In der Folge könne es zu Muskelanspannungen und Verwirrtheitszuständen kommen. "Ich will das nicht dramatisieren", sagt der Gutachter: "Es ist keine lebensgefährliche Dosis. Aber es ist auf jeden Fall eine deutlich erhöhte Dosis, bei der man besondere Nebenwirkungen erwarten kann."

"Postorgasmischer Zustand"

Wer, wie das Opfer, den Konsum von Ecstasy nicht gewohnt sei, erlebe bei einer derart hohen Dosis sehr wahrscheinlich eine Überforderung. Es komme zu "optischen Verschiebungen", "seltsamen Empfindungen". "Wer die Wirkung nicht gewöhnt ist, denkt in dem Moment an alles Mögliche, aber ganz bestimmt nicht an Sex", sagt Auwärter. Nach der ersten überflutenden Wirkung setze der "postorgasmische Zustand mit erhöhtem Kuschelbedürfnis" ein.

"Deswegen nehmen die jungen Leute es auch, weil sie sich einfach sauwohl fühlen", sagt Auwärter. Er sagt aber auch: "Bei 160 Milligramm ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich sauwohl fühlt, eher gering. Weil man einfach völlig überfordert ist und gar nicht weiß, was um einen herum passiert".

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Ecstasy dann auch noch mit Alkohol zu kombinieren, wie die junge Frau es getan hat, ist laut Auwärter "eine ziemlich schädliche Sache". Der Gutachter geht bei der Nebenklägerin von einem Blutalkoholwert zur mutmaßlichen Tatzeit von mindestens 0,8 Promille und maximal 1,53 Promille aus. "Der wahrscheinlichste Wert ist 1,1 Promille." Die Frau gab an, ein Biermischgetränk, Pfefferminzlikör und Wodka getrunken zu haben.

Alkohol und Ecstasy beeinflussten sich in ihrer Wirkung, erklärt Auwärter. "Alkohol wirkt erst euphorisierend und anregend, dann eher dämpfend. Durch das MDMA kann die teilweise sedierende Wirkung des Alkohols aufgehoben werden." Er sagt auch: "So richtig gut untersucht ist die Kombination nicht."

Wirkten die Drogen enthemmend?

Verliert ein schüchterner Mensch seine Schüchternheit, wenn er Ecstasy nimmt? Das fragt Verteidigerin Kerstin Oetjen. "MDMA wirkt vor allem auf der Gesprächsebene", sagt Auwärter. "Es löst eher die Zunge. Man spricht eher über Sachen, die man sonst nicht ausspricht."

Verteidiger Jörg Ritzel berichtet von einer Zeugin, die vor Gericht ausgesagt habe, dass sie nach dem Konsum von Ecstasy "legendären Sex" mit ihrem Freund gehabt und mit ihm Dinge getan habe, die ihr im nüchternen Zustand unvorstellbar gewesen wären. "Was Sie ansprechen, gehört in den Bereich Enthemmung", sagt Auwärter: "Da gibt es natürlich einen Effekt. Die Bereitschaft wächst, sexuelle Fantasien auszuleben und Dinge auszusprechen, wo man sonst eher zumacht."

"Kann man sagen, dass man unter Ecstasy Dinge macht, für die man sich am nächsten Tag eher schämt?", fragt der Verteidiger. "Ja, gut", sagt der Gutachter: "Das haben Sie ja schon beim Alkohol. Da können viele Menschen ein Lied von singen."

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