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Panorama

Niederlande

Ärztin nach Sterbehilfe für demente Frau freigesprochen

In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe seit 2002 erlaubt. Nun stand in diesem Zusammenhang erstmals eine Medizinerin wegen des Vorwurfs des Mordes vor Gericht. Es ging um die Gültigkeit einer Patientenverfügung.

Sebastian Kahnert/ zb/ DPA

Mittwoch, 11.09.2019   18:15 Uhr

Ein Gericht in Den Haag hat eine Ärztin nach der aktiven Sterbehilfe an einer schwer demenzkranken Frau vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Medizinerin habe sorgfältig und nach den gesetzlichen Regeln gehandelt.

Es war der erste Strafprozess zur aktiven Sterbehilfe nach der Legalisierung in den Niederlanden 2002. Das Urteil wird als wichtiges Signal gewertet für Fälle von demenzkranken Patienten.

In dem Fall ging es um eine 74 Jahre alte Frau. Bei ihr war 2012 Alzheimer diagnostiziert worden. Daraufhin hatte sie eine Patientenverfügung unterzeichnet und darin ausdrücklich festgehalten, dass sie im Falle schwerer Demenz Sterbehilfe wolle. Mehrfach, so hatten Hausarzt und auch Angehörige ausgesagt, hatte die Frau ihren Sterbehilfe-Wunsch bekräftigt. Anfang 2016 stellte der Hausarzt dann fest, dass die Seniorin nicht mehr wusste, was Sterbehilfe eigentlich war.

Im Pflegeheim war die Ärztin mit der Patientenverfügung konfrontiert worden. Sie hatte mehrfach mit der Patientin gesprochen, doch die hatte nun ganz unterschiedliche Signale gegeben. Die Medizinerin hatte auch Kollegen konsultiert. Psychologen hatten die Frau beobachtet. "Es entstand das Bild einer tief demenzkranken Frau, die einen enormen Verlust ihrer Persönlichkeit durchgemacht hatte und noch immer durchmachte", so stellte das Gericht fest.

Die Ärztin beschloss im April 2016 im Einvernehmen mit dem Ehemann und der Tochter das Leben der Frau zu beenden. Zunächst gab sie der Patientin Kaffee mit einem Beruhigungsmittel. Anschließend spritze sie ihr die tödliche Injektion, obwohl sie sich zu wehren schien.

Kernfrage bei dem Prozess war: Reicht eine Patientenverfügung auch bei schwer demenzkranken Patienten aus? "Das Gericht urteilt, dass der Arzt den aktuellen Sterbewunsch nicht verifizieren musste", heißt es in dem Urteil. "Die Patientin war tief dement und völlig unfähig, ihren Willen zu äußern."

(Lesen Sie hier mehr zu dem Fall).

Die Staatsanwaltschaft hatte einen Schuldspruch wegen Mordes gefordert - allerdings ohne die pensionierte Ärztin strafrechtlich zu belangen. Sie warf der Medizinerin vor, die 74-Jährige nicht noch einmal intensiv befragt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft will das Urteil nun prüfen und dann über eine mögliche Berufung entscheiden. Befürworter der aktiven Sterbehilfe begrüßten das Urteil. Bedenken kamen von christlichen Parteien. Der niederländische Ärzteverband erarbeitet zurzeit eine Richtlinie zum Umgang mit Patienten, die ihren Wunsch nicht mehr äußern können.

Die Niederlande hatten als erstes Land der Welt die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen ermöglicht. Danach muss ein Patient unerträglich und aussichtslos leiden, er muss selbst ausdrücklich um Sterbehilfe gebeten haben und ein zweiter Arzt muss konsultiert werden. Mehr als 60.000 Menschen nahmen seitdem Sterbehilfe in Anspruch. In Deutschland ist die geschäftsmäßige Suizidhilfe verboten.

bbr/dpa

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