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Panorama

NSU-Prozess

Beate Zschäpe im Fokus der Gutachter

Ist Beate Zschäpe voll schuldfähig? Ja, sagte Gerichtsgutachter Henning Saß im NSU-Prozess. Nun hat ein von der Verteidigung beauftragter Sachverständiger dessen Herangehensweise kritisiert.

DPA

Beate Zschäpe

Von , München
Donnerstag, 27.04.2017   16:56 Uhr

Beate Zschäpe liest Wort für Wort mit, als Pedro Faustmann sein fast 30 Seiten langes Gutachten vorträgt. Zuweilen nickt die Hauptangeklagte im NSU-Prozess zustimmend. Sie weiß: viel Zeit zu Verteidigung bleibt ihr nicht mehr. Für den 17. Mai hat der Senatsvorsitzende Manfred Götzl den Endspurt in der fast vier Jahre andauernden Hauptverhandlung angekündigt.

An diesem Tag verstreicht die letzte Frist für Beweisanträge, der 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts plant das Ende der Beweisaufnahme. Damit könnten noch vor der Sommerpause die ersten Plädoyers stattfinden. Zschäpe läuft die Zeit davon.

Sie versucht, dem Gutachten des vom Gericht bestellten Sachverständigen Henning Saß entgegenzutreten. Saß hat Zschäpe anhand von Ermittlungsakten und jahrelanger Beobachtung im Prozess exploriert; ein direktes Gespräch mit ihm hat die Angeklagte verweigert. In seinem forensisch-psychiatrischen und kriminalprognostischen Gutachten attestiert Saß der 42-Jährigen volle Schuldfähigkeit und schließt auch eine künftige Gefährlichkeit nicht aus. Folgt der Senat seiner Einschätzung, könnte Zschäpe Sicherungsverwahrung drohen.

Ihre Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer haben deshalb den Bochumer Gerichtspsychiater Pedro Faustmann beauftragt, das psychiatrische Gutachten zu prüfen und ein sogenanntes methodenkritisches Gegengutachten zu fertigen.

Faustmann nimmt am Donnerstag, dem 360. Verhandlungstag, im Zeugenstand Platz und hält Saß Mängel bei der Begutachtung vor: Saß habe Sachverhalte nicht eindeutig zugeordnet und an einigen Stellen auch suggestiv formuliert. Fälschlicherweise habe er ausgeführt, bei einigen Verhaltensweisen seien objektiv messbare Befunde nicht möglich; sein Gutachten entspreche nicht wissenschaftlichen Standards.

Saß, der Psychiatrie und Psychotherapie in Aachen lehrte und die forensische Psychiatrie an der Universität München leitete, macht sich während Faustmanns Vortrag Notizen. Er soll nach einer weiteren Anhörung Faustmanns Mitte Mai die Gelegenheit bekommen, auf die Kritik zu reagieren. Oberstaatsanwältin Anette Greger hatte bereits am Mittwoch den Beweisantrag der Verteidiger kritisiert und Faustmanns Anhörung für unnötig befunden.

Nach den Gutachten der Sachverständigen Saß und Faustmann - kurzzeitig befasste sich noch der Münchner Psychiater Norbert Nedopil mit Zschäpe - steht in der kommenden Woche ein viertes an: Professor Joachim Bauer vom Universitätsklinikum Freiburg hat zwölf Stunden lang mit Zschäpe in der Haft gesprochen. Er kommt zu dem Schluss, dass Zschäpe zum Zeitpunkt der ihr vorgeworfenen Taten nur vermindert schuldfähig war. Demnach habe Zschäpe an einer dependenten Persönlichkeitsstörung gelitten.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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