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Panorama

NSU-Prozess

"P" wie Polizeidienststelle

Der Mord an einer jungen Polizistin in Heilbronn stand am Mittwoch im Mittelpunkt des NSU-Prozesses. Einem BKA-Mann zufolge waren die Neonazis in Baden-Württemberg auf der Suche nach weiteren Anschlagszielen - darauf sollen Markierungen in Stadtplänen hindeuten.

DPA

Angeklagte Beate Zschäpe: NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht

Von , München
Mittwoch, 22.01.2014   19:55 Uhr

Es war ein ausgesprochen warmer Frühlingstag, an dem Michèle Kiesewetter ihren Dienst schob. Ursprünglich wären die Mittagsstunden für die 22-jährige Polizistin frei gewesen, weil sie eigentlich für eine Nachtwache eingetragen war. Die junge Frau hatte dann aber einen Kollegen um einen Tausch gebeten. So saß sie am 25. April 2007 zusammen mit dem Polizeibeamten Martin A. auf der Heilbronner Theresienwiese in ihrem Dienstwagen.

Sie waren für ihre Mittagspause dorthin gefahren, die Türen des 5er-BMW touring standen offen - wohl auch wegen der Wärme. Die Täter, die laut Anklage gegen kurz vor 14 Uhr an das geparkte Fahrzeug herantraten, kamen von hinten und nutzten demnach das "Überraschungsmoment" gezielt aus. Sie feuerten zwei Schüsse auf die wehrlosen Beamten ab, jeweils in den Kopf der beiden Polizisten.

Martin A. überlebte den Anschlag mit schwersten Verletzungen, Michèle Kiesewetter dagegen starb noch am Tatort. Der Kopfschuss habe eine "sofortige Funktionsunfähigkeit des Gehirns" zur Folge gehabt, sagte Gutachter Heinz-Dieter Wehner im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Zahlreiche Verschwörungstheorien

Die Tat wird den mutmaßlichen Neonazi-Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zur Last gelegt und gilt als rätselhaftester der insgesamt zehn Morde. Zuvor waren stets türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer Ziel der Täter gewesen, im Fall Kiesewetter hatten sie sich eine gebürtige Deutsche ausgesucht, noch dazu eine Repräsentantin des Staates.

Seither ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien um den Mord an Kiesewetter - unter anderem auch deshalb, weil Kiesewetters damaliger Gruppenführer einst Mitglied beim deutschen Ableger des rassistischen Geheimbundes Ku-Klux-Klan war. Dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge gibt es aber keinen Zusammenhang zwischen der Ku-Klux-Klan-Vergangenheit des Polizisten und dem Anschlag in Heilbronn.

Auch gebe es keine Hinweise darauf, dass es eine Vorbeziehung Kiesewetters zu den mutmaßlichen Tätern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gebe, so der BKA-Beamte vor Gericht. Kiesewetter stammt aus einem kleinen Ort in Thüringen, in dem ein Schwager des Mitangeklagten Ralf Wohlleben zeitweise einen Gasthof betrieb. Kiesewetter habe sich den Schilderungen des Wohlleben-Schwagers zufolge zu keinem Zeitpunkt in dem Gasthof aufgehalten, so der BKA-Mann. Auch das mutmaßliche NSU-Trio Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe sei dort demnach nie zu Besuch gewesen.

Polizeidienststellen im Stadtplan markiert

Aus Sicht der Anklage ist der Hintergrund für den Mord an Michèle Kiesewetter klar: Das Trio habe spätestens im Sommer 2006 den Beschluss gefasst, Polizisten als Repräsentanten des Staates zu ermorden. Dazu passt eine Szene in einem später von Ermittlern sichergestellten Bekennervideo des NSU - darin schießt die Comicfigur Paulchen Panther mit einer Pistole auf den Kopf eines Polizisten.

Möglicherweise waren die mutmaßlichen Terroristen damit beschäftigt, weitere Anschlagsziele in Baden-Württemberg auszuspähen. Dem BKA-Beamten zufolge wurden im Schutt der ausgebrannten Zwickauer Wohnung, die als Unterschlupf der Neonazis gedient hatte, vier Stadtpläne gefunden - einer zu Heilbronn, ein weiterer zu Ludwigsburg, zwei zur Landeshauptstadt Stuttgart. In dem "Falk"-Plan zu Stuttgart habe man mehrere Markierungen mit dem Buchstaben "P" gefunden, so der BKA-Beamte. Die Ermittlerrecherchen hätten schnell ergeben, dass die Markierungen auf "ehemalige oder existierende Polizeidienststellen" hinweisen würden, so der Zeuge.

Zudem gebe es Fotos, die Böhnhardt am 25. Juli 2003 in der Stuttgarter Nordbahnhofstraße zeigen würden. Geschäftsinhaber und Anwohner seien später befragt worden, hätten aber keine Angaben machen können. Der BKA-Beamte sprach von "eventuellen Ausspähungshandlungen" des NSU.

Er erwähnte zudem zwei Bahnmitarbeiter, die am Tag des Heilbronner Attentats in der Nähe des Tatorts mit Arbeiten an einem Kabelschaltkasten beschäftigt waren. Beide hätten Mountainbiker gesehen, die über die Neckarbrücke fuhren und sich damit von der Theresienwiese entfernten. Einer der beiden Bahnmitarbeiter habe die Radfahrer als "schlank und sportlich" beschrieben, jeweils circa 1,80 Meter groß - es ist eine Beschreibung die zu Mundlos und Böhnhardt passt, die für ihre mutmaßlichen Taten Mountainbikes sowie angemietete Wohnmobile nutzten.

Auch das in Heilbronn genutzte Wohnmobil wurde später ausfindig gemacht, Spuren von Böhnhardt und Mundlos wurden darin allerdings nicht gefunden. Dafür klebte viel Blut von Michèle Kiesewetter an einer Hose, die Ermittler 2011 in der Zwickauer Wohnung sicherstellten - Mundlos soll sie einst getragen haben. Wie das Blut auf die Hose kam, vermochte Gutachter Wehner nicht genau zu erklären. Sicher sind sich die Ermittler dagegen, dass der Täter beim Schuss auf Kiesewetter einen Abstand von mehr als 90 Zentimeter zu seinem Opfer hatte, im Fall von Martin A. war der Abstand demnach noch kürzer.

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