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Panorama

NSU-Prozess

Der rätselhafte Campingurlaub

Nach dem Nagelbombenanschlag 2004 in Köln wollte Beate Zschäpe nach eigenen Angaben nicht in der Nähe ihrer Kumpane Mundlos und Böhnhardt sein, sie sei entsetzt gewesen. Fotos aus der Zeit sollen das widerlegen.

REUTERS/Bundeskriminalamt

Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe (2004)

Von Wiebke Ramm, München
Mittwoch, 20.04.2016   19:20 Uhr

Sie sei "entsetzt" gewesen, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihr erzählt hätten, dass sie den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße verübt haben. So erklärte es Beate Zschäpe im Dezember 2015 über ihren Anwalt im NSU -Prozess vor dem Oberlandesgericht München. "Ich war einfach nur entsetzt und konnte diese Aktion nicht nachvollziehen."

Die Kölner Anwälte Reinhard Schön und Eberhard Reinecke haben erhebliche Zweifel an Zschäpes Darstellung. Sie vertreten im NSU-Prozess Opfer des Anschlags in der Keupstraße am 9. Juni 2004. In einem Beweisantrag, den Anwalt Reinecke an diesem Mittwoch, am 277. Verhandlungstag, vor Gericht vorträgt, fordern sie die Richter auf, bisher unbekannte Fotos von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Hauptverhandlung anzuschauen. Die Fotos sollen die mutmaßlichen NSU-Terroristen sechs Wochen nach dem Anschlag im Urlaub in Schleswig-Holstein zeigen. Die Bilder seien dazu geeignet, Zschäpes Einlassung "in wesentlichen Punkten" zu widerlegen.

Die Fotos sollen auf einer CD mit dem Titel "Urlaub 2004" gespeichert sein. Sie zeigen laut Reinecke drei augenscheinlich entspannte, fröhliche, unbeschwerte Menschen. Es gebe Fotos von Fahrradtouren, Bootsausflügen, einem Einkaufsbummel. Die mutmaßlichen Terroristen sollen darauf in der Sonne liegen, Federball spielen, Eis essen. Von Misstrauen, Entsetzen, Entzweiung sei nichts zu sehen. Ein Teil dieser Serie jedenfalls ist bereits öffentlich: Das Bundeskriminalamt hat Fotos für die Fahndung genutzt.

Fotos aus dem Ostsee-Urlaub

Dabei hatte Zschäpe vor Gericht auch angegeben, dass sie davon "überzeugt" gewesen sei, dass Mundlos und Böhnhardt auf den Fahndungsbildern, die nach dem Anschlag im Fernsehen zu sehen waren, erkannt würden und "unsere Verhaftung bevorstünde". Böhnhardt und Mundlos seien laut Zschäpe deshalb "auf irgendeinen Campingplatz" gefahren. "Ich wollte nicht mitfahren. Ich wollte auf keinen Fall dabei sein, wenn sie sich töten, sollte die Polizei sie entdecken." Zschäpe ließ auch vortragen, dass sie von dem Moment an nicht mehr darauf vertraut habe, dass Mundlos und Böhnhardt ihr "die Wahrheit über ihre Vorhaben berichteten".

Es gebe "keinerlei Anhaltspunkte" dafür, dass Böhnhardt und Mundlos nach dem Anschlag ohne Zschäpe auf irgendeinem Campingplatz untergetaucht sind, sagt hingegen Anwalt Reinecke. Belegt sei hingegen, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt schon im März 2004 ihren Sommerurlaub in der holsteinischen Schweiz planten und ihn trotz des Bombenanschlags auch machten.

Unter den Fotos seien auch solche, die Böhnhardt und Zschäpe im sehr vertrauten Umgang miteinander zeigten. Sie nähmen sich in den Arm, hielten Händchen. Keine Spur von Angst vor Entdeckung oder von Misstrauen untereinander. "Die Fotos belegen vielmehr das besonders innige Verhältnis der Angeklagten zu Uwe Böhnhardt", sagt Reinecke. Sein Schluss: Zschäpes angebliches Entsetzen über den Anschlag in der Keupstraße hat es nie gegeben. Nun muss das Gericht über den Antrag entscheiden.

"Außer Gerüchten liegt nichts vor"

Kurz zuvor hatte Bundesanwalt Herbert Diemer in einer Stellungnahme gefordert, einen anderen Antrag der Nebenklagevertreter abzulehnen. Opferanwälte wollen den ehemaligen V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Ralf M., als Zeugen vor Gericht hören. Neonazi M. hatte unter dem Decknamen "Primus" für den Verfassungsschutz in der rechten Szene gespitzelt. Zuletzt hatte es Spekulationen darüber gegeben, ob "Primus" den mutmaßlichen Terroristen Mundlos im Jahr 2000 oder 2001 in seiner Baufirma und Zschäpe in seinem Laden für rechte Szenekleidung beschäftigt hat .

Die Bundesanwaltschaft hält es nicht für nötig, den V-Mann vor Gericht zu hören. Für die Aufklärung der angeklagten Straftaten seien die Tatsachen, die durch eine Befragung von Ralf M. bewiesen werden sollen, "ohne tatsächliche Bedeutung", sagt Diemer am Mittwoch. Er sagt auch, es gebe "keine belastbaren Erkenntnisse für eine Beschäftigung von Zschäpe und Mundlos bei M.".

Im Hinblick auf Autos, die M.s Firma in einem Zeitraum angemietet hatte, als einer der Morde geschah, der dem NSU zugerechnet wird, erklärt der Bundesanwalt: "Außer Gerüchten liegt nichts vor." Diemer wies auch darauf hin, dass Ralf M. in der Schweiz leben soll, was eine Zeugenladung kompliziert machte und zu einer "erheblichen Verzögerung des Verfahrens" führen könnte.

"Es wäre das Ende des Aufklärungsversprechens"

Der Berliner Anwalt Sebastian Scharmer, der den Antrag gestellt hatte, widerspricht: "Wir haben hier eine ganze Reihe von Quartiermachern und Unterstützern gehört. Diesen zentralen Zeugen dann nicht zu hören, würde der bisherigen Übung in diesem Verfahren diametral widersprechen."

Mit heftigen Vorwürfen gegen die Bundesanwaltschaft reagiert der Kieler Anwalt Alexander Hoffmanns: Die Bundesanwaltschaft halte Wissen zurück, schütze den Verfassungsschutz und blocke berechtigte Aufklärungsbemühungen ab. "Was wissen Sie? Was blocken Sie?", ruft Hoffmann Bundesanwalt Diemer zu. "Wir drehen in diesem Prozess mit enormen Aufwand jeden Stein um", sagt Hoffmann.

Der Wasserverbrauch der Wohnungen werde berechnet , ihr Geld gezählt, dass sie bei Überfällen erbeutet haben. Alles, um Rückschlüsse auf ihr Leben im Untergrund zu ziehen. "Und jetzt soll Hinweisen und Zeugenaussagen nicht nachgegangen werden, dass Zschäpe möglicherweise ganz normal gearbeitet hat in dieser Zeit?" Hoffmann ist empört. "Zentrale Fragen sind immer noch ungeklärt", sagt er. "Wie kam es zur Auswahl der Mordopfer? Mit welchen Fahrzeugen sind die Mörder zu den Tatorten gelangt? Nun haben wir die Chance, den Antworten näherzukommen. Und nun wird gesagt: Es spielt alles keine Rolle. Das soll keine Rolle spielen? Ich fasse es wirklich nicht. Es wäre das Ende des Aufklärungsversprechens."

Diemer kann die Vorwürfe so nicht stehen lassen. "Ich weise auf das Schärfste zurück, dass der Generalbundesanwalt irgendetwas blockt oder irgendetwas zurückhält", sagt der Bundesanwalt.

Auch über diesen Antrag muss das Gericht nun entscheiden. Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.

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