Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Carsten S. in Haft

Erstes NSU-Urteil ist rechtskräftig

Im NSU-Prozess wurde Carsten S. zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er ging dagegen vor - hat seine Revision aber zurückgezogen. Nach SPIEGEL-Informationen sitzt er bereits in Haft.

DPA

Carsten S. im Dezember 2013 in München: NSU-Helfer mit Schuldgefühlen

Von Wiebke Ramm
Montag, 27.05.2019   19:03 Uhr

Das erste Urteil des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München ist rechtskräftig. Carsten S. hat seine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angenommen. "Nach intensiven Überlegungen und langem Hin und Her hat sich Herr S. entschieden, die Revision zurückzuziehen", sagte sein Verteidiger Johannes Pausch dem SPIEGEL. Nach Auskunft des Oberlandesgerichts ist die Rechtskraft bereits am 17. Januar 2019 eingetreten. Nach SPIEGEL-Informationen hat S. seine Haftstrafe bereits angetreten.

Der 6. Senat des Oberlandesgerichts München hatte S. im Juli 2018 nach Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Er hat gestanden, den NSU-Terroristen zusammen mit Ralf Wohlleben eine Ceska-Pistole samt Schalldämpfer und etwa 50 Schuss Munition besorgt zu haben. Mit dieser Waffe haben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus rassistischen Motiven acht Männer türkischer und einen Mann griechischer Herkunft erschossen. "Herr S. trägt nach wie vor schwer an seiner Schuld", sagte Pausch. "Dass er dieses Kapitel mitgeschrieben hat, wird ihn sein Leben lang belasten."

Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer Freispruch gefordert. Carsten S. habe keine Beihilfe zum Mord geleistet, trugen Pausch und sein Kölner Kollege Jacob Hösl vor. S. habe keine Morde billigend in Kauf genommen, er habe sich niemals vorstellen können, dass Böhnhardt, Mundlos und mutmaßlich auch Beate Zschäpe Morde begehen würden. Ein sogenannter bedingter Vorsatz liege nicht vor. Die Richter sahen das anders: S. habe aus niedrigen Beweggründen gehandelt und aufgrund seiner damaligen rechtsextremen Haltung die Waffe besorgt und seine Bedenken ausgeblendet. Da S. zum Tatzeitpunkt erst 20 Jahre alt war und damit als Heranwachsender galt, wurde er nach Jugendstrafrecht verurteilt.

Das Urteil gegen die Hauptangeklagte Zschäpe wegen Mitgliedschaft in einer rechtsterroristischen Vereinigung, wegen Mordes in zehn Fällen, wegen zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen ist noch nicht rechtskräftig. Wie Zschäpe wollen auch die Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Holger G. und André E., dass der Bundesgerichtshof das Urteil überprüft.

Carsten S. fürchtet die Rache von Neonazis

Carsten S. aber habe das Warten nicht mehr ausgehalten, sagte Verteidiger Pausch. "Nein, lieber jetzt Schluss machen, auch wenn ich möglicherweise eine Chance auf einen Freispruch vertue", gibt der Anwalt die Worte von Carsten S. wieder.

In welcher Justizvollzugsanstalt Carsten S. unter welchen Bedingungen einsitzt, wissen seine Verteidiger nicht. Sie dürfen es nicht wissen. Denn S. gilt nach wie vor als gefährdete Person und befindet sich im Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes. Schon während des NSU-Prozesses lebte er unter falscher Identität an einem geheimen Ort. Das Bundeskriminalamt geht nach Angaben von Pausch weiter von einer Gefährdungslage aus.

Carsten S. fürchtet die Rache von Neonazis. Er hat sich schon im Ermittlungsverfahren glaubhaft bemüht, an der Aufklärung der NSU-Verbrechen mitzuwirken. Dass der NSU noch einen dritten Bombenanschlag in Nürnberg begangen hat, ist allein durch seine Aussage im NSU-Prozess bekannt geworden.

Seine Reue und seine Abkehr von dem neonazistischen Gedankengut haben ihm auch die Familien der Ermordeten abgenommen. Schon Anfang der 2000er Jahre war S. aus der rechten Szene ausgestiegen. Er baute sich in Düsseldorf ein neues, offen schwules Leben auf, engagierte sich in der Aidshilfe und arbeitete als Sozialpädagoge in einem Jugendprojekt. Opferfamilien hatten das Gericht gebeten, Carsten S. nur zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen. Die Richter folgten der Bitte nicht.

Verteidiger Pausch hofft, dass sein Mandant lediglich ein Drittel seiner Strafe hinter Gittern verbringen muss und der Rest zur Bewährung ausgesetzt wird. Von Februar bis Mai 2012 war S. in Untersuchungshaft. Damit gelten vier Monate bereits als verbüßt. Im für S. günstigsten Fall könnte er das Gefängnis nach acht Monaten verlassen.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP