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Panorama

Missbrauchsfall in Lügde

Polizisten wussten nicht, wie man die Opfer befragt

Es ist eine schwierige Aufgabe, ein Kind zu befragen, das sexuell missbraucht wurde. Offenbar waren die Polizisten im Fall Lügde dafür nicht ausgebildet. Das könnte das Strafverfahren erschweren.

DPA

Mutmaßlicher Tatort: Campingplatz Eichwald in Lügde

Von
Donnerstag, 04.04.2019   15:33 Uhr

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall in Lügde hat die Polizei offenbar schwere Fehler im Umgang mit den Opfern gemacht. In der Kritik steht dabei abermals die Kreispolizeibehörde Lippe.

Über 30 Kinder, von denen die meisten zwischen vier und 13 Jahre alt sind, wurden über Jahre auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht. Mehrere Tatverdächtige sitzen seit Dezember in Untersuchungshaft, darunter auch der Hauptbeschuldigte Andreas V.

Nun wird bekannt, dass die Polizisten bei den Ermittlungen wohl Vorgaben zur Bearbeitung von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung missachteten. Das geht unter anderem auch aus einem schriftlichen Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministeriums hervor, der dem SPIEGEL vorliegt. Demnach hätten die Anhörungen der Kinder in der Behörde in Lippe "nicht allen kriminalfachlichen Standards entsprochen".

Beamte ohne die nötigen Kenntnisse

Laut einem Erlass des Innenministeriums aus dem Jahr 2004 sollen Anhörungen beziehungsweise Vernehmungen von minderjährigen Opfern sexualisierter Gewalt ausschließlich durch spezifisch fortgebildete Sexualsachbearbeiterinnen und -bearbeiter durchgeführt werden. Im Missbrauchsfall von Lügde führten drei Polizistinnen aus Lippe die Anhörungen der Kinder durch. Laut Bericht habe eine Beamtin zwar Expertise "im Umgang mit Jugendsachen", eine andere sei "für die Vernehmung von Jugendlichen" fortgebildet. Doch offenbar war keine der drei Polizistinnen entsprechend dem Erlass geschult, also im Hinblick auf Missbrauch von Minderjährigen.

Zudem gab es in Lippe laut dem Bericht vermutlich nicht in jedem Fall eine Videoaufzeichnung - was gerade bei dieser Art von Fällen eigentlich Standard ist. Der Missstand ist inzwischen anscheinend behoben: Das Polizeipräsidium in Bielefeld hat die Ermittlungen Ende Januar von der Kreispolizeibehörde Lippe übernommen. In Bielefeld würden nun "alle Anhörungen der minderjährigen Opfer mittels Videotechnik durchgeführt", heißt es in dem Bericht. Der Polizei in Lippe wird in dem Fall schweres Polizeiversagen vorgeworfen, unter anderem sind Beweisstücke verschwunden.

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Die bekannt gewordenen Defizite bei den Vernehmungen in Lippe bereiten ihm "große Sorgen", sagt Hartmut Ganzke, der innenpolitische Sprecher der SPD im Landtag. Die Fehler bei den Vernehmungen könnten das Strafverfahren beeinflussen oder sogar gefährden: "Solche Pannen sind für Strafverteidiger Ansatzpunkte, um in Prozesse reinzugrätschen", sagt Ganzker, der selbst Anwalt ist. "Für den Rechtsstaat wäre es der GAU, wenn die Beschuldigten aufgrund dieser Fehler nicht die Strafe bekommen, die sie nach dem Gesetz bekommen müssten."

"Gefühl, dass es dieses Mal richtig gemacht wurde"

Ein zehnjähriges Mädchen, das von Andreas V. missbraucht worden sein soll, wurde in dieser Woche offenbar ein weiteres Mal vernommen. Das bestätigte ihr Anwalt, Roman von Alvensleben, dem SPIEGEL. Der Grund seien Fehler und eine "schlechte Fragetechnik" bei der ersten Vernehmung.

Diesmal fand die Vernehmung in Bielefeld statt, "in einer kindgerechten Atmosphäre und in einem speziellen Vernehmungszimmer", erläutert von Alvensleben. "Es wurde von Experten gemacht, sie setzten Puppen und Figuren ein, meine Mandantin konnte malen. Wir haben das Gefühl, dass es dieses Mal richtig gemacht wurde."

Der Bericht des Innenministeriums legt zudem nahe, dass es Lücken bei den Fortbildungsmaßnahmen der Polizei in Nordrhein-Westfalen gibt. Demnach werden zum Umgang mit minderjährigen Opfern sexualisierter Gewalt im Jahr 2019 nur drei Schulungen mit jeweils zehn Teilnahmeplätzen angeboten. Demgegenüber steht eine massive Zunahme der Delikte in diesem Feld. Die Fallzahlen für Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornografischer Schriften stiegen von 1025 im Jahr 2016 auf 1412 im Jahr 2018.

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