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Selbstjustiz in Neuenburg

Mutmaßlicher Vergewaltiger starb durch Messerstiche

Der Bruder eines Vergewaltigungsopfers hat zugegeben, auf den mutmaßlichen Peiniger seiner Schwester eingestochen zu haben. Dem 17-Jährigen, seinem Vater und einem Bekannten wird gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen.

DPA

Ermittler am Tatort: Tödlicher Angriff auf Pendlerparkplatz

Freitag, 20.06.2014   11:22 Uhr

Freiburg/Neuenburg - Ein mutmaßlicher Vergewaltiger aus Neuenburg in Baden-Württemberg wurde durch zahlreiche Stichwunden tödlich verletzt. Der Bruder einer vergewaltigten Frau habe zugegeben, mehrfach auf den mutmaßlichen Vergewaltiger eingestochen zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft Freiburg bei einer Pressekonferenz mit.

Der 17-Jährige soll demnach veranlasst haben, das 27-jährige Opfer unter einem Vorwand auf einen Parkplatz zu locken. Dort griffen er, sein Vater und ein 21-jähriger Bekannter den Mann an. Offenbar hatte der Getötete einen Bekannten gefragt, ob dieser ihm Haschisch besorgen könne. Der Bekannte wiederum war mit dem Bruder des Vergewaltigungsopfer befreundet.

Die Leiche des Opfers wies 23 Stichverletzungen auf, sagte Dieter Inhofer, Leiter der Staatsanwaltschaft Freiburg. Davon seien auch lebenswichtige Organe betroffen gewesen. Nach aktuellem Ermittlungsstand wurde nur mit einem Messer zugestochen.

Aussagen der Beschuldigten widersprechen sich

Der 17-Jährige sagte laut Inhofer in Befragungen, er habe sehr große Wut auf den Vergewaltiger seiner Schwester gehabt. Zur Tatbeteiligung des Vaters und Bekannten gebe es noch keine näheren Erkenntnisse. Alle drei Beschuldigten hätten Angaben gemacht, die Aussagen widersprächen sich jedoch erheblich.

Der 17-Jährige, sein Vater und der Bekannte sind wegen des Vorwurfs des gemeinschaftlichen Mordes in Untersuchungshaft; ein vierter Verdächtiger wurde nicht in U-Haft genommen, weil ihm eine unmittelbare Beteiligung an der Tötung derzeit nicht nachzuweisen sei, so die Ermittler.

Der Fall nimmt am 12. Juni, Donnerstag vergangener Woche, seinen Ausgang. In Müllheim im Markgräflerland wird eine junge Frau vergewaltigt. Der Tatverdacht fällt auf den 27-Jährigen, laut Polizei kannte er das Opfer, hatte aber kein enges Verhältnis zu der 26-jährigen Frau. Den Ermittlern zufolge kannten sich die beiden aus der Schulzeit.

Der Mann flüchtet, es wird Haftbefehl wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung erlassen. Laut Polizei war der Gesuchte in Neuenburg am Rhein gemeldet, hielt sich aber nicht an der Adresse auf. Er hatte demnach seit Januar keinen festen Wohnsitz.

Polizei rechnete nicht mit Racheaktion der Familie

Laut dem leitenden Ermittler Michael Granzow wussten die Ermittler, dass sich der 27-Jährige im Raum Neuenburg aufhielt. Man habe deswegen auf eine Öffentlichkeitsfahndung verzichtet, um den Mann nicht aus der Gegend zu vertreiben. Mit einer Racheaktion der Familie des Vergewaltigungsopfers habe man nicht gerechnet.

Die Fahndung nach dem mutmaßlichen Vergewaltiger bleibt erfolglos. Eine Woche nach der Sexualtraftat - am vergangenen Mittwoch, 18. Juni - trifft der 27-Jährige in Neuenburg beim Grenzübergang nach Frankreich auf einem Pendlerparkplatz an der Autobahn 5 gegen 18 Uhr auf die vier Männer. Es handelt sich um zwei Angehörige und zwei Bekannte der vergewaltigten Frau.

Mehrere von ihnen - nach derzeitigem Ermittlungsstand drei - greifen den mutmaßlichen Vergewaltiger an. Er wird so schwer verletzt, dass herbeigerufene französische Rettungskräfte ihm nicht mehr helfen können. Die Polizei setzt eine Ermittlungsgruppe ein, aktuell sind etwa 50 Personen mit dem Fall befasst. Noch am Abend des 18. Juni werden die vier Männer festgenommen.

Die Tatverdächtigen wohnen im Raum Müllheim. Bislang ist die Familie laut Polizei sei nicht straffällig geworden. Der Getötete war polizeibekannt und wegen Eigentumsdelikten vorbestraft, nicht aber wegen Sexualdelikten.

ulz/dpa

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Quelle: dpa

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