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Panorama

Mordfall Lübcke

Das rechte Netzwerk von Kassel

Stephan Ernst war mindestens bis 2009 in der Neonaziszene aktiv. Die Wege des Tatverdächtigen im Mordfall Lübcke kreuzten sich immer wieder mit denselben Männern. Ein Überblick.

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Mike Sawallich: "Ich stehe in Guten wie in Schlechten Zeiten zum Kamerad E."

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Mittwoch, 26.06.2019   12:27 Uhr

Der Tatverdächtige im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat ein Geständnis abgelegt. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Stephan Ernst wegen eines politischen Attentats mit rechtsextremem Hintergrund.

Eine der wohl drängendsten Fragen für die Ermittler in diesen Tagen: Handelte Stephan Ernst bei seiner mutmaßlichen Tat wirklich allein, wie er es den Ermittlern sagte, oder hatte er doch Unterstützer?

Klar ist: Stephan Ernst war seit den Neunzigerjahren bis mindestens 2009 in der Neonaziszene aktiv, war in vielen Gruppen und Kameradschaften unterwegs. Seine Wege kreuzten sich immer wieder mit denselben Männern.

Sie trafen sich in der damaligen Szenekneipe Stadt Stockholm, fielen bei gemeinsamen Straftaten auf und wohnten sogar teilweise zusammen. Mehrere der Namen spielten auch in den Untersuchungsausschüssen zur Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" eine Rolle.

Mit welchen Personen Stephan Ernst in Kassel in Kontakt stand und wer sich heute noch zu ihm bekennt? Alle genannten Personen sind Teil der Neonaziszene in Hessen, es geht bei dieser Auflistung nicht um eine etwaige Tatbeteiligung. Der Überblick:

Sie stehen Arm in Arm, lächeln in die Kamera. Das Bild zeigt den Kasseler Neonazi Mike Sawallich gemeinsam mit Stephan Ernst, dem Verdächtigen im Mordfall Lübcke. Die Aufnahme entstand vermutlich irgendwann Anfang der Nullerjahre.

Der 38-jährige Sawallich hat das Bild kurz nach der Festnahme von Ernst auf Facebook gepostet und mit einem Kommentar versehen: "Ich stehe in Guten wie in Schlechten Zeiten zum Kamerad E. !!! Und in meinen Augen ist er der beste Kamerad gewesen. Zuverlässig, pünktlich und ein kluger Kopf...…"

Die Warnungen seiner Facebook-Kontakte, doch lieber verschlüsselt zu kommunizieren, ignoriert Sawallich. Seine Verbindung zu Stephan Ernst will er offensichtlich nicht verheimlichen.

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Foto: DPA

Kein anderer aus dem Umkreis des Mordverdächtigen ist in diesen Tagen so präsent wie Sawallich. Doch wer ist der Mann mit dem Seitenscheitel, der sich auf Facebook als Naturbursche präsentiert?

Wer zu Stephan Ernst recherchiert, stößt unweigerlich auf den Namen Mike Sawallich. Mehrere Bilder im Internet zeigen die beiden mit anderen Neonazis vor der damaligen Kasseler Szenekneipe Stadt Stockholm nach einer NPD-Demo 2002.

Rechtsextreme Gruppen in Hessen

"Blood & Honour" (B&H)
Zu deutsch "Blut und Ehre" nach dem Motto der Hitlerjugend. 1987 in Großbritannien gegründet und in den Neunzigerjahren eine wichtige Organisation in der rechtsextremen Skinheadszene in vielen Staaten. 1994 bildete sich ein deutscher Ableger, großspurig-militaristisch "Division" genannt, der bis 2000 auf 15 regionale Gruppen mit etwa 200 Mitgliedern anwuchs. Der Innenminister verbot sie damals aufgrund von Verfassungsfeindlichkeit. Ende 2018 durchsuchte die Polizei Wohnungen in fünf Bundesländern von zwölf Personen, die sie verdächtigte, "Blood & Honour" fortgeführt zu haben.
"Combat 18" (C18)
Wird übersetzt als "Kampfgruppe Adolf Hitler". Gegründet 1992 von Rechtsextremisten in England. Ihnen werden rassistische Gewalttaten zur Last gelegt. Als 1999 in London drei Nagelbomben explodierten, bekannte sich ein Anrufer von "Combat 18" dazu. Die Bomben enthielten Tausende Nägel von zehn Zentimeter Länge. Drei Menschen starben, mehr als 120 wurden verletzt. Fünf Jahre später verübte der "NSU" in Köln einen ähnlichen Anschlag. In den USA, Australien und Europa bildeten sich Gruppen, die ebenfalls den Namen "Combat 18" tragen. Der Verfassungsschutz sieht in den deutschen "Combat 18"-Anhängern bislang vor allem Maulhelden. Die hätten zwar eine "feste Struktur" aus einigen regionalen Gruppen aufgebaut, bildeten aber noch keinen "bewaffneten Arm" von "Blood & Honour", wie oft behauptet werde. Gewalttaten einzelner bewaffneter Mitglieder seien dennoch denkbar. 2018 gingen die Behörden von etwa einem Dutzend "Combat 18 Deutschland"-Mitgliedern aus.
"Sturm 18"
Oder "Sturm 18 Cassel", 2013 gegründet und nach zahllosen Straftaten 2015 vom hessischen Innenminister verboten. Der eingetragene Verein hatte damals knapp 40 Mitglieder.
Oidoxie
Eine rechtsextreme Band aus Dortmund, gegründet 1995, die sich mit dem C18-Logo schmückt. "Oi!" ist ursprünglich ein Punk-Musikstil, kommt also aus dem linken bis anarchistischen Milieu, wurde aber von rechten Skinheads adaptiert.
"Oidoxie Streetfighting Crew"
Unterstützer der Band Oidoxie mit Verbindungen nach Kassel. Zahlreiche Mitglieder wurden wegen Gewaltdelikten verurteilt.

Seine Karriere im rechtsextremen Spektrum begann aber schon früher: Sawallich war Funktionär in der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationalisten" und später auch Teil der NPD. In den Nullerjahren stieg er, so beschreiben es Beobachter der Szene, zu einer Führungsfigur in der Kasseler Neonaziszene auf. "Vorzeige-Nazi", ein "Braunhemd durch und durch", so bezeichnet ihn ein Weggefährte.

Er gilt laut einem Bericht der "Welt" als Ziehsohn von NPD-Funktionär Thorsten Heise, der enge Kontakte zu der militanten Neonazigruppe "Combat 18" pflegte und heute NPD-Bundesvize ist. Dass die beiden sich häufiger trafen, geht auch aus Unterlagen von Polizei und Verfassungsschutz hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. So nahm Sawallich zwischen 2010 und 2012 mehrfach an Kameradschaftsabenden teil, die Heise in seiner Wohnung in Fretterode ausrichtete.

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2009 waren Mike Sawallich und Stephan Ernst mit dabei, als 400 "Autonome Nationalisten" in Dortmund eine Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds stürmten.

Danach wurde es ruhig um Stephan Ernst - und auch um Mike Sawallich. Wie eng der Kontakt zu Stephan Ernst in den vergangenen Jahren war, ist unklar. Beide leben in Kassel, die Wege sind kurz.

Als ein SPIEGEL-TV-Reporter Sawallich die Frage stellt, ob er noch Kontakt zu Ernst habe, nickt er kurz: "Er ist ein sehr Guter. Ein Netter, ein netter Mensch."

Als äußerst aktiv in der nordhessischen Neonaziszene gilt auch Stanley Röske. Er war einer von mindestens drei Rechtsextremen aus dem Kasseler Raum, die sich in der "Oidoxie Streetfighting Crew" engagierten. Ursprünglich wurde die Gruppe als Security-Dienst der Dortmunder Rechtsrockband Oidoxie "gegründet". Seit 2006 galt Röske als Chef der Gruppe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Es ist aber nicht die einzige rechtsextreme Vereinigung, mit der der heute 43-Jährige in Verbindung kam. In den Nullerjahren gründete er die Gruppe "Sturm 18" in Kassel. Eine entsprechende Tätowierung findet sich auf seinem Bauch, wie aus Unterlagen hervorgeht, die dem SPIEGEL vorliegen.

Zudem gilt er als Anführer von "Combat 18" in Deutschland. Auch er taucht auf dem Bild 2002 vor der Bar Stadt Stockholm mit Stephan Ernst und Mike Sawallich auf.

stheide

Stanley Röske: Gilt als Anführer von "Combat 18" in Deutschland

Seine Geburtstage feierte er lange Zeit mit großen Festen in der Szene und Gästen weit über Hessen hinaus. Gerüchteweise sollen auf einer Feier im Jahr 2006 auch die beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei seiner Geburtstagsparty gewesen sein - erhärten ließ sich dieser Verdacht aber nicht. Röske wurde in der Szene wegen seiner Gewaltbereitschaft gefürchtet. Die Liste seiner Straftaten ist lang: Nötigung, gefährliche Körperverletzung und Diebstahl.

Im vergangenen Jahr kam heraus, dass auf sein Konto Mitgliedsbeiträge für "Combat 18 Deutschland" in Kassel eingingen. Das zeigen ARD-Recherchen.

Ob es zuletzt Kontakt zwischen Stephan Ernst und Stanley Röske gab, ist nicht bekannt.

"Hardcore" steht auf der Stirn von Michel F. Es ist eines von mehreren auffälligen Tattoos im Gesicht des gebürtigen Thüringers. Nach eigenen Angaben hat er die rechte Szene verlassen. Beobachter glauben diesen Bekundungen nicht, denn noch immer soll er bei einschlägigen Treffen auftauchen.

Der 34-jährige Michel F. galt als führendes Mitglied der "Hardcore Crew Kassel", die nicht zuletzt dadurch immer wieder im Verdacht stand, eine gewisse Nähe zu Neonazis zu pflegen. Pressefragen will Michel F. dazu nicht beantworten.

Ein Sprecher der "Hardcore Crew Kassel" wies diesen Verdacht zurück. Michel F. sei seit Längerem kein Mitglied mehr. Bei ihnen gingen auch keine Rechtsextremen ein und aus.

Stimmenfang #103 - Rechter Terror? Die Konsequenzen aus dem Mordfall Lübcke

In den Neunzigern kam er einst mit Mike Sawallich in die Kasseler Szene, war dort Mitglied der "Kameradschaft" Kassel. Es folgten Aktivitäten in der "Oidoxie Streetfighting Crew". Nach eigenen Angaben war er Gründungsmitglied, zudem war er Teil von "Sturm 18" und anderen Gruppierungen. Die Kasseler Szene kennt der gebürtige Thüringer also gut.

Vor zwei Jahren wurde er im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss zum Mord an Halit Yozgat befragt, der 2006 von der Terrorzelle in einem Internetcafé erschossen wurde. Michel F. gab zu, er habe "vermutlich mit Böhnhardt geredet", einem der Mörder des NSU. Er sei sich aber nicht sicher, ob er ihn in Kassel oder in Thüringen getroffen habe.

Wie gut Michel F. den Verdächtigen im Mordfall Lübcke kannte, ist unklar. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Ich habe mit der Szene nichts mehr zu tun und ihn seit 2010 nicht mehr gesehen."

Gärtner (Deckname: "Gemüse") war einst V-Mann des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme. Die Rolle der beiden im Kasseler NSU-Mordfall wirft bis heute Fragen auf. Stunden vor dem Tod Yozgats telefonierten Gärtner und Temme noch. Kurz bevor der 21-jährige Halit Yozgat mit Kopfschüssen hingerichtet wurde, befand sich Temme noch im Internetcafé, das von der Familie Yozgat betrieben wurde, vielleicht sogar während der Tat, was er jedoch stets bestritt. Er will von dem Mord nichts mitbekommen haben.

Benjamin Gärtner war in der Kasseler Szene damals fast überall mit dabei. Erinnerungen an diese Zeit hat er angeblich kaum noch: "Ich hab früher ziemlich viel getrunken, das darf man nicht vergessen", sagte er im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss vor drei Jahren.

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Benjamin Gärtner: Er (Deckname: "Gemüse") war einst V-Mann des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme

Den festgenommenen Verdächtigen hat er höchstwahrscheinlich gut gekannt: Die Betreiberin des früheren Szenetreffs bestätigte dem SPIEGEL, dass der "Benni" häufig dort gewesen sei - und dort auch Stephan Ernst getroffen habe. Er selbst bestätigte das SPIEGEL TV.

Benjamin Gärtner sagte im hessischen NSU-Ausschuss, er kenne einen "NPD-Stephan". Seinen Nachnamen habe er aber angeblich nicht gekannt.

Ist Stiefbruder von Benjamin Gärtner. Er bezeichnete sich selbst als ehemaligen "Supporter" von "Blood&Honour", gründete zudem seine eigene "Kameradschaft Kassel" mit angeblich rund 30 Mitgliedern - darunter waren auch Mike Sawallich und Michel F.

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Benjamin Gärtner (l.) mit seinem Stiefbruder Christian W.

Wegen Körperverletzung musste er eine Haftstrafe antreten, die Tat " hatte mit Ausländern zu tun", räumte W. im hessischen NSU-Untersuchungssauschuss ein, angeblich kam es zu einer Prügelei mit albanischen Flüchtlingen. 2003 wurde er entlassen.

W. ließ Mike Sawallich zeitweise bei sich im Landkreis Kassel wohnen. Er will sich in den Nullerjahren aus der aktuellen Szene unter anderem wegen seiner Familie zurückgezogen haben. Das Aktivenleben sei mit Familie nicht vereinbar. Aber er habe nach wie vor eine rechtsextreme Einstellung. "Massenzuwanderung" gehöre für ihn zu den Dingen, die "verkehrt laufen".

Stephan Ernst will er zuletzt auf seinem 30. Geburtstag gesehen haben, wie er SPIEGEL TV erklärte: "Ich würde ihn als Freund bezeichnen, auch, wenn ich ihn seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen habe."

Anmerkung: Wir haben den Text nach Erscheinen aktualisiert und um eine Stellungnahme der "Hardcore Crew Kassel" ergänzt.

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