Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Weinstein-Skandal

"Verdammt noch mal, jeder wusste es"

Hollywood empört sich über Harvey Weinstein. Das ist nicht genug, sagt ein Drehbuchautor - und fordert Stars eindringlich dazu auf, ihre Komplizenschaft einzugestehen.

Patrick McMullan via Getty Images

Elizabeth Olsen, Harvey Weinstein, Georgina Chapman

Dienstag, 17.10.2017   18:21 Uhr

Dieser Tage ist die gesamte Traumfabrik über Harvey Weinstein empört. Dutzende Stars. Schauspieler, Regisseure, Produzenten. Sie nennen Weinsteins Verhalten "widerlich", "monströs", "unentschuldbar", "erschütternd".

Doch bei allem, was sich jetzt so plötzlich, so lawinenartig in Bewegung setzt, bei all den berechtigten Wortmeldungen schwingt eine Frage mit: Konnte Weinstein wirklich über Jahrzehnte Frauen so behandeln, ohne dass jemand etwas wusste?

Getty Images/ FilmMagic

Drehbuchautor Scott Rosenberg: "Die Weinsteins haben mich geliebt"

Nun meldet sich Scott Rosenberg mit einem langen Facebook-Post zu Wort.

Rosenberg ist keiner der ganz Großen in Hollywood. Unter anderem schrieb er die Skripte zu "Con Air" und "Nur noch 60 Sekunden", adaptierte den Roman "High Fidelity". Die Weinstein-Brüder produzierten seine beiden ersten Filme. "Sie schenkten mir meine Karriere", schreibt Rosenberg.

Von 1994 bis 2000 habe er sich in Harvey Weinsteins engstem Umfeld bewegt. Es sei das goldene Zeitalter von Miramax gewesen. Damals produzierte die Firma der Weinstein-Brüder Harvey und Bob unter anderem "Pulp Fiction", "Clerks", "Good Will Hunting", "Shakespeare in Love" und "Der englische Patient".

Foto: AFP

Rosenbergs Text über diese Zeit mit dem Starproduzenten liest sich wie eine Ballade über Abhängigkeit und Liebe, über Scham und Komplizenschaft, über den Rausch des Erfolgs, den er an der Seite Weinsteins erlebte - und über die Schuld, die er genauso auf sich geladen hat wie viele andere.

In seinem Text wendet Rosenberg sich an "die großen Produzenten", "die großen Regisseure", "die großen Agenten", die großen Finanziers, Schauspieler, Schauspielerinnen, Models, Journalisten, Drehbuchautoren, Rockstars, Gastronomen, Politiker. "Verdammt noch mal, jeder wusste es", schreibt Rosenberg.

"Gefräßiger Oger"

Das Ausmaß von Weinsteins Handeln hätten er und jene, mit denen er gesprochen habe, zwar nicht gekannt, nichts gewusst von den mutmaßlichen Vergewaltigungen.

Fotostrecke

Vorwürfe gegen Medienmogul: Die Akte Weinstein

Aber ein paar befreundete Schauspielerinnen hätten ihm von grauenhaften Hotelmeetings im Bademantel und von abscheulichen Bitten um Massagen erzählt, schreibt Rosenberg. Das hätten sie schon krass gefunden, sie hätten aber auch gemeinsam über Weinsteins Arroganz gelacht. Wie der Produzent nur habe denken können, der Anblick seines nackten, teigigen Körpers bringe jemanden in Stimmung.

Zugleich berichtet Rosenberg, alle hätten Weinsteins "mitunter extrem aggressives, äußerst bedrohliches Verhalten" gekannt. Der Drehbuchautor schreibt von Weinsteins "Hunger", seiner "Inbrunst", vergleicht ihn mit einem gefräßigen Oger.

Fotostrecke

Reaktionen auf Weinstein: "Unser aller Problem"

Obwohl er diese düsteren Seite des Produzenten kannte, hat Rosenberg lange und ausgiebig vom Machtmenschen Harvey Weinstein und dessen Bruder Bob profitiert. Die Weinsteins seien wie eine Familie für ihn gewesen. "Sie haben mich geliebt", schreibt Rosenberg. Sie hätten ihm, dem damals knapp 30-jährigen Niemand aus Boston, eine Welt gezeigt, die er sich im Traum nicht habe vorstellen können.

"Er machte unsere Filme. Schmiss die größten Partys. Nahm uns mit zu den Golden Globes!" Privatjets. Stretchlimousinen. Super Bowl. Treffen mit Stars wie Quentin Tarantino, Salman Rushdie, Mick Jagger. Harvey Weinstein verstand sich darauf, jene, die er förderte, mit seiner Macht zu berauschen.

Für alle Frauen, die unter Weinstein leiden mussten, sagt Rosenberg, tue es ihm unendlich leid. Und ihre Courage, sich jetzt an die Öffentlichkeit zu wenden, vergrößere diese Scham noch. "Ich habe nichts gesagt und nichts getan. Harvey war immer wunderbar zu mir. Also erntete ich die Früchte und hielt meinen Mund."

Dadurch sei er selbst zum Komplizen geworden, schreibt Rosenberg. Diese Einsicht fordert er auch von den vielen Stars, die Weinsteins Verhalten verurteilen und zugleich behaupten, sie hätten von nichts gewusst.

"Du weißt, dass du es wusstest", schreibt Rosenberg. "Und weißt du, warum ich weiß, dass du es weißt? Weil ich und du, weil wir gemeinsam dabei waren."

bma

insgesamt 9 Beiträge
wiwijojo 18.10.2017
1. Auch ein Zivilisations-Problem
Ich "freue" mich, über eine hoffentlich noch größer werdende Debatte über das weitverbreitete Problem des sexuellen Mißbrauchs in Karriereangelegenheiten und hoffe, dass dieses Problem damit auch [...]
Ich "freue" mich, über eine hoffentlich noch größer werdende Debatte über das weitverbreitete Problem des sexuellen Mißbrauchs in Karriereangelegenheiten und hoffe, dass dieses Problem damit auch branchenübergreifend thematisiert wird. Für ein großes Problem in unserer gesellschaftlichen Ordnung halte ich einen allgemeinen Karrierewahn. Da werden häufig auch sexuelle Kontakte als karrierefördernde Maßnahme von Männern und Frauen angeboten. Man ist ohne besonderen Aufwand aufrichtig, wenn man dem als Mann widersteht und derartige Angebote einen nicht dazu verleiten, sich einfach zu nehmen, wohin die sexuelle Lust einen führt. Ich vermute, das ist mehr eine moralische Angelegenheit als eine eine körperliche oder hormonelle. Was passiert alles an Hochschulen für gute Noten und einen guten Abschluß? Auch das sind doch ähnlich offene Geheimnisse wie jetzt im Fall Weinstein. Da wird ebenso eine Machtposition zur sexuellen Befriedigung ausgenutzt, wie wohl fast überall, wo es um Karrieremöglichkeiten geht. Im Bereich Film und Schauspieler ist das auch in Deutschland ein Problem. Auch hier gibt es genug Weinsteins und es gibt eben auch ein horrendes Überangebot an Schauspieler*innen, das dazu führt, dass sexuelle Kontakte von beiden Seiten als Karrierehilfe angeboten werden. Macht das öffentlich!
jjcamera 18.10.2017
2. Skandälchen
Wenn es so gut wie jeder in Hollywood wusste, was sich vermuten lässt, ist es auch kein Weinstein-Skandal, sondern nur ein Skandälchen. Da das schnelllebige "Entertainment-Business" (größter Industriezweig der USA) [...]
Wenn es so gut wie jeder in Hollywood wusste, was sich vermuten lässt, ist es auch kein Weinstein-Skandal, sondern nur ein Skandälchen. Da das schnelllebige "Entertainment-Business" (größter Industriezweig der USA) auch die Presse dominiert, wird die Berichterstattung darüber bald verstummen und durch neue Skandälchen ersetzt. Einstweilen darf mal jeder mal zeigen, wie "entrüstet" er ist. Das lernt man in der Schauspielschule.
lupenrein 18.10.2017
3. Liegen
hier keine strafbaren Handlungen vor ?
hier keine strafbaren Handlungen vor ?
helgemnielsen 18.10.2017
4. nach oben geschlafen
wie viele haben sich über die Besetzungscouch nach oben, an das Licht, geschlafen. Und damit meine ich nicht nur Frauen, auch Männer haben sich benutzen lassen, um nun heute an der Spitze der Schauspieler- und Schlagerstarelite [...]
wie viele haben sich über die Besetzungscouch nach oben, an das Licht, geschlafen. Und damit meine ich nicht nur Frauen, auch Männer haben sich benutzen lassen, um nun heute an der Spitze der Schauspieler- und Schlagerstarelite zu stehen. Ich will ja nicht behaupten, dass es alle waren, aber ein bestimmter Prozentsatz hat es auch so geschafft. Was wohl einfacher war.
flaviussilva 18.10.2017
5. Mhhhhh....
....bin ich eigentlich der Einzige dem diese Geschichte nicht ganzkoscher vorkommt ? Seit über einhundert Jahren werden in Hollywood Filme produziertund genauso lang existiert der Begriff der "Besetzungscouch" . [...]
....bin ich eigentlich der Einzige dem diese Geschichte nicht ganzkoscher vorkommt ? Seit über einhundert Jahren werden in Hollywood Filme produziertund genauso lang existiert der Begriff der "Besetzungscouch" . Warum wird das jetzt auf einmal so thematisiert, jeder der inHollywood etwas werden wollte kannte die Regeln, sich jetzt auf einmal so zu echauffieren hat doch zumindest ein Geschmäckle.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP