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Panorama

Szenen aus der Jetset-Ära

Mythos Marbella

An der Costa del Sol feierten Prominente jahrzehntelang sich selbst. Das Marbella Club Hotel war der wohl angesagteste Treffpunkt des europäischen Jetsets. Ex-Hoteldirektor "Conde Rudi" erinnert sich.

DPA
Mittwoch, 14.08.2019   18:28 Uhr

An der Promenade stehen Wohnblocks, es wimmelt von billigen Souvenirständen und Bars mit Plastikstühlen. "Tapas ab 1 Euro", wirbt ein Schild vor einem Restaurant. Bilder, die wohl nur wenige mit Marbella verbinden.

Vor allem in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren galt der Ort an der Costa del Sol als exklusiver Treffpunkt der Schickeria - und ganz besonders das Marbella Club Hotel. "Damals gab es jede Woche eine Themenparty", erinnert sich Rudolf Graf von Schönburg, der das Hotel viele Jahre lang leitete.

Heute, so sagt es der 86-Jährige, "quillt es nicht mehr über vor lauter Promis". Immerhin Musiker Sting sei neulich da gewesen, auch Cristiano Ronaldo, Lady Gaga und Lenny Kravitz. Viel bewegender als das Jetzt dürfte für viele Menschen jedoch die Geschichte des Glamourtempels sein. Der Nachrichtenagentur dpa erzählte Graf von Schönburg, genannt "Conde Rudi", nun von der Welt von damals - ein bisschen Wehmut inklusive.

"Die beste Disko, die ich je gesehen habe"

Er erinnerte sich an Jahre der Kostümfeste im Beach Club unter freiem Himmel, "der besten Disko, die ich je gesehen habe". An Abende, an denen er und Hotelgründer Alfonso Prinz zu Hohenlohe die neuesten Platten auflegten und Promis aller Couleur zusammen tanzten, tranken und turtelten. Es seien Zeiten gewesen, "als elegante Leute kamen, die sich hübsch angezogen haben und einfach Spaß haben wollten", sagt "Conde Rudi".

Gunter Sachs und Brigitte Bardot, Sean Connery, Maria Callas und Aristoteles Onassis zählte er zu seinen Gästen. James Stewart, Gina Lollobrigida, Kim Novak, Rennfahrer-Legende James Hunt und Milliardär Adnan Kaschoggi kamen ebenfalls. Auch Bundeskanzler und Monarchen mieteten sich im Marbella Club ein.

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Der Jetset von Marbella: "Elegante Leute, die Spaß haben wollten"

"Audrey Hepburn mochte ich besonders gerne, das war eine echte Dame", sagt "Conde Rudi" heute. 13 Jahre lang lebte er selbst im Hotel, seit 63 Jahren ist er in Marbella. "Da wird man zu einer Institution." Vor einigen Jahren wurde sogar eine Straße in Marbella nach ihm benannt, die "Avenida Conde Rudi".

Der Marbella Club, der in seiner Anfangszeit nur 18 Zimmer hatte, war unglaublich gefragt. "Es gab Zeiten, wo es von bekannten Namen nur so gewimmelt hat. Jeder hat uns um unsere Kundschaft beneidet." Dabei hätten sie nicht in "schablonenartigen Hotelzimmern, sondern in Gästezimmern wie in einem Schloss" gewohnt. Eine Haushälterin aus Böhmen habe auch unter den Betten mit dem Finger noch nach Staub gesucht. "Ein echter Hausdrachen war das", sagt "Conde Rudi".

Direktor über Ex-Kanzler: "Der Schmidt meinte: 'Das ist viel zu jetsetty'"

"Man sitzt hier wegen der Sierra quasi im toten Winkel, wie in einem Nest", sagt "Conde Rudi" und deutet auf die Sierra Blanca, die mit ihrem höchsten Berg La Concha den Küstenort schützt. Unterhalb liegen versteckt riesige Villen. "Wenn es La Concha noch nicht gäbe, man müsste den Berg wegen seines Einflusses auf das Klima glatt erbauen." Das Meerwasser ist erstaunlich frisch, da Marbella am Kreuzpunkt zwischen Mittelmeer und kaltem Atlantik liegt, kurz vor der Straße von Gibraltar.

"Wir haben fast jeden deutschen Kanzler hier gehabt, außer Helmut Schmidt, der kam nur zum Essen vorbei", erzählt Graf von Schönburg. "Der Schmidt meinte: 'Ich kann doch nicht im Marbella Club wohnen! Das ist viel zu jetsetty, zu viel Highlife!'" Aber beim Essen sei er dann doch "glücklich" gewesen, "und der Franz Josef Strauß sowieso".

"Conde Rudi" fing 1957 als Absolvent der Hotelfachschule in Lausanne im Marbella Club an. Später übernahm er die Leitung der 1954 eröffneten Luxusherberge von seinem Vetter Alfonso Prinz zu Hohenlohe. Um für den Club zu werben, reiste dieser auch nach St. Moritz und Hollywood.

Trotz aller Veränderungen, so erzählt es "Conde Rudi", komme er jeden Tag ins Hotel, die Herberge sei "sein Baby". Und überhaupt stehe Marbella im Vergleich nicht schlecht da: Im nicht weit entfernten Torremolinos nahe Malaga hätten "unansehnliche Betonburgen" bereits die Landschaft zerstört.

apr/Carola Frentzen, dpa

insgesamt 14 Beiträge
kajoter 14.08.2019
1.
Es war mir schon damals ein Rätsel, warum die Presse über diesen Ort und die dahin Reisenden derartig häufig berichtete. Nicht alle darin verwickelten Personen, aber die meisten waren ein Inbegriff der Oberflächlichkeit und [...]
Es war mir schon damals ein Rätsel, warum die Presse über diesen Ort und die dahin Reisenden derartig häufig berichtete. Nicht alle darin verwickelten Personen, aber die meisten waren ein Inbegriff der Oberflächlichkeit und Inhaltslosigkeit. Gut, die meisten waren sehr bekannt oder sahen gut aus, aber das war´s denn auch. Schmidts Haltung ist insofern absolut nachvollziehbar, zumal man doch nicht einem Herdentrieb folgen sollte, der lediglich von angeblich "angesagten" Menschen ausgelöst wird.
Gaztelupe 14.08.2019
2. España es diferente
»Sois superiores«, raunte der grauhaarige, etwas aus der Form geratene Einheimische mit etwas auf der Nase, was wir in den Achtzigern als Kassenbrille bezeichnet hätten. Das hieß: »Ihr seid überlegen.« Gemeint waren wir [...]
»Sois superiores«, raunte der grauhaarige, etwas aus der Form geratene Einheimische mit etwas auf der Nase, was wir in den Achtzigern als Kassenbrille bezeichnet hätten. Das hieß: »Ihr seid überlegen.« Gemeint waren wir Deutsche, ein Kumpel und ich; und wahrscheinlich die Teutonen allgemein nebst ihrer unterstellten ökonomischen Kompetenz. Wir waren während eines Kurztrips ins stoisch sonnige Marbella zu fortgeschrittener Stunde in einer winzigen Bar im »casco viejo«, dem Altstadtviertel, gelandet. Hier hingen wortlos lauschend und still kommentierend die üblichen Schinken über dem Tresen, der Gin Tonic war nicht nur billiger als in den schicken und schickeren Bars im moderneren Teil von Marbella, er war auch traditionell spanisch eingeschenkt, also etwa halb und halb, wie es sich lange Zeit für eine echte »Copa« gehörte. Das zeigte die Wirkung, die die Spanier euphemistisch unter »la noche« - die Nacht - subsumieren. Das ist etwas anders geworden, wie ich mit finsteren Gedanken an den EU-Anpassungswahn feststellen musste. Der Fußboden war noch mit allerlei Unrat, Servietten, Kippen und Resten von Tapas übersät, es muss also mindestens zwanzig Jahre her sein. Süßer Schmerz der Erinnerung. Die Welt, an die ich gerne denke, zeigt Neigung, sich in die Vergangenheit zu verziehen. Vor fast vierzig Jahren zeltete ich noch wild am Strand von Puerto Banús, unweit von Marbella. Damals schon lagen die Yachten der Scheichs dort vor Anker. Mittlerweile sind eine Menge russische dazu gekommen, nebst miniberöckten Dekorationen, die man leider nicht anders nennen kann, weil man ihnen ja nie näher kommt, um Einblick in ihre differenzierten Sichtweisen zu Klima, Energiewende und Genderstudies zu erhalten. Einen Steinwurf vom Zelt entfernt stank ein toter Hai im Sand vor sich hin, und zwei Hippies machten mir Angst mit der Aufforderung, mit tiefem Blick in violette Farbtöne Zugang zu einem verborgenen Reich zu finden. Heute weiß ich: Spanien ist magisch. Es möge sich diese Eigenschaft bewahren. Und die vielen liebenswerten Menschen, die es hervorbringt. Klar, in Marbella gaben und geben sich Promis ein Stelldichein. Who cares? Spanien ist größer.
cat69 14.08.2019
3. Ein wenig Sonne auf den Kopf
und die Menschen sind einfach besser gelaunt. Wenn dann noch viel Geld vorhanden ist, man in der Frühe nicht zur Arbeit muss, dann kann das Leben genossen werden. Weil es heute viel mehr Menschen mit viel mehr Geld gibt, gibt es [...]
und die Menschen sind einfach besser gelaunt. Wenn dann noch viel Geld vorhanden ist, man in der Frühe nicht zur Arbeit muss, dann kann das Leben genossen werden. Weil es heute viel mehr Menschen mit viel mehr Geld gibt, gibt es auch mehr Marbellas. Das beschreibt der Artikel ganz gut.
lilienrose 14.08.2019
4. Tolle Zeit
Lieber Kajota, Warum so missmutig? Die Welt ist bunt, vielfältig und lebendig. Es wird von den Medien aus auf allen Ebenen und allen Schichten berichtet. Warum nicht auch über die s.g. Schickeria? Ich freue mich [...]
Lieber Kajota, Warum so missmutig? Die Welt ist bunt, vielfältig und lebendig. Es wird von den Medien aus auf allen Ebenen und allen Schichten berichtet. Warum nicht auch über die s.g. Schickeria? Ich freue mich jedenfalls, dass es diesen Glanz und Glimmer gab. Diene große Anzahl diese "Promis" Hat ja auch etwas geleistet. Zudem lief das Leben damals weniger stressig und spaßiger ab. Ihnen einen schönen Abend Lilienrose
gerhard_walter_kell 14.08.2019
5. KLar
gibt es in Marbella auch Massentourismus, fast food und Kellner, die zum Einkehren animieren. Die andere Seite sind (auch Golf-) Hotels ersten Ranges und Luxusimmobilien. Im Portal "idealista" findet man z. B. die [...]
gibt es in Marbella auch Massentourismus, fast food und Kellner, die zum Einkehren animieren. Die andere Seite sind (auch Golf-) Hotels ersten Ranges und Luxusimmobilien. Im Portal "idealista" findet man z. B. die teuerste Immobilie Spaniens für mal so eben 55 Millionen "Eurazos".

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