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Panorama

Herzogin Meghan und ihre US-Verwandtschaft

Sternstunden menschlicher Mistigkeit

Royal-Fans können dem Zwist zwischen Herzogin Meghan und ihrer US-Verwandtschaft kaum entkommen. Gehört alles zu einem hochmodernen Märchen dazu, meint Anja Rützel - und zu einer zeitgemäßen Monarchie.

Getty Images
Samstag, 23.02.2019   16:49 Uhr

Ein wenig fühlt es sich doch immer an, als würde man in fremder Leute Restmüll wühlen. Ihre private Post durchstöbern, durch ihren Vorgarten schleichen, um durch das gekippte Fenster ein paar Schmuddelfetzen ihres live gekeiften Familienzanks abzulauschen.

Doch diese moralisch verwerflichen Mühen muss man sich gar nicht machen, wenn man sich als leicht überdurchschnittlich an royalen Belangen interessierter Mensch darüber informieren will, was denn gerade bei Meghan, Herzogin von Sussex, so geht.

Ihr Vater und ihre Halbschwester produzieren seit Meghans Hochzeit mit Prinz Harry im vergangenen Mai extrem bereitwillig, unangenehm öffentlich und mit zuletzt erhöhter Schlagzahl Klatschnachschub. Die Markleschen Sippenverwerfungen sind damit perfektes guilty pleasure für alle, denen die Scharmützel der Kardashians wegen der hochkomplexen Familienstrukturen einfach zu verwirrend sind.

Bei den Markles ist die Zahl der handelnden Personen dagegen sehr überschaubar. Doria Ragland, Mutter der Herzogin, hält sich zurück und aus allem raus. Anders als ihr Ex-Mann Thomas Markle, Meghans Vater, sowie Samantha Markle, Meghans Halbschwester. Sie schießen regelmäßig auf Twitter oder in höchst unangenehmen Boulevardinterviews gegen die Herzogin.

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Herzogin Meghan: Die bucklige Verwandtschaft

Gelegentlich mischen Gaststars mit, neulich etwa George Clooney. Er mahnte öffentlich, US-Verwandtschaft, Presse und Pöbler behandelten die hochschwangere Herzogin ähnlich rücksichtslos und unverschämt, wie es seinerzeit bei Prinzessin Diana der Fall gewesen sei. Darauf bezeichnete ihn Samantha Markle bei Twitter als "Looney Clooney", also als "Bekloppten Clooney": "Deine Anwalts-Frau sollte dir eigentlich beigebracht haben, keine Statements zu machen, ohne die Fakten zu kennen."

Ein typisches Beispiel für dieses Zerwürfnis, dessen Mechanismen so verlässlich sind wie nach Wurstzipfeln schnappende Hunde, ein komplett contenancefreies Spiel von Aktion und Reaktion: Wenn fünf enge Freundinnen Meghans - wie Anfang Februar geschehen - in einem großen US-Magazin "die Wahrheit" über das Verhältnis der Herzogin zum Vater erzählen und von einem Brief berichten, in dem Meghan Thomas Markle schon im vergangenen Sommer bat, ihre Differenzen doch lieber privat zu regeln - was passiert dann? Der Vater trägt genau diesen Brief ein paar Tage später zu einem anderen Boulevardmedium, das alle fünf Seiten genüsslich abdruckt, verbunden mit seinem Wunsch nach einem Treffen mit Meghan und Harry, und, noch wichtiger: einem gemeinsamen Foto.

Augenscheinlich (der Palast schweigt dazu offiziell, wie immer) hat dieses Treffen noch nicht stattgefunden, obwohl Halbschwester Samantha die Herzogin erst vor ein paar Tagen drängte, doch auch ihren Vater in Florida zu besuchen - schließlich sei sie ja sowieso gerade in New York, um eine Prä-Geburt-Babyparty mit ihren amerikanischen Freunden zu feiern.

Romantiknärrische Royalisten seufzen - aber sie liegen falsch

Worauf sich dann auch noch Meghans Halbbruder Thomas Markle junior einschaltete, indem er seine pöbelnde Schwester bat, endlich ihre Attacken gegen Meghan einzustellen. Das wiederum war etwas verwirrend, weil er selbst vor der Hochzeit einen offenen Brief an Prinz Harry geschrieben hatte, in dem er dringend von einer Eheschließung abriet und seine Halbschwester als stumpf, oberflächlich und arrogant beschrieb und prophezeite, sie werde die gesamte königliche Familie lächerlich machen.

Thomas Markle juniors Bitte an Samantha wird allerdings vermutlich unerhört bleiben, schließlich arbeitet die gerade an ihrem zweibändigen Enthüllungswerk "In The Shadows Of The Duchess" ("Im Schatten der Herzogin"), das pünktlich zur Geburt von Meghans Baby allerhand Schmierengeschichten aus der gemeinsamen Vergangenheit rapportieren soll.

Klar: Spätestens seit Prinz Charles und Prinzessin Diana können auch die größten Kitschfreunde nicht mehr daran glauben, dass höchster Adel irgendwen effektiv vor menschlicher Mistigkeit schützen könnte - seien es Gemeinheiten vom eigenen Partner oder Angriffe von außen. Und natürlich wusste man schon seit Thomas Markles sonderbaren Manövern im Vorfeld der Hochzeit - der Zusage, der Absage, der neuerlichen Zusage, inszenierten Paparazzifotos und schließlich einem Herzinfarkt -, dass diese Familie mutmaßlich noch für einiges Getöse gut sein würde.

Wenn romantiknärrische Royalisten nun seufzen, mit der Markle-Schlammschlacht hätten das britische Königshaus und die Monarchie an sich jeden märchenhaften Glanz verloren, liegen sie falsch: Die Geschichte von Herzogin Meghan und ihrer dysfunktionalen Familie erzählt ein hochmodernes Märchen, zugeschnitten auf unsere Zeit.

Der Familienzwist macht die Royals nahbarer, ihr Leben nachfühlbarer

Es wurde im vergangenen Jahr bejubelt, Prinz Harry gebe dem angestaubten System ein neues, modernes Gesicht, indem er eine ältere, geschiedene, amerikanische Schauspielerin mit dunkelhäutiger Mutter heirate - und modern heißt eben auch: nicht glänzend glatt, sondern so zerdellt und marode, wie es eben auch die Zeit ist, in der wir leben.

Davon abgesehen hatten es Prinzessinnen (und anderes royales Personal) ja auch traditionell im Märchen niemals leicht. Würde Aschenputtel heutzutage von ihren bösen Stiefschwestern gepiesackt, würden sie sie nicht Linsen sortieren lassen, sondern mit fiesen Tweets trollen. So wie die böse Königin aus "Schneewittchen" natürlich nicht mehr in einen Spiegel schauen, sondern ihre Selfies mit porenschmelzenden Glattbügel-Filtern beballern würde, um sich ihrer unverrottbaren Schönheit zu versichern.

So unappetitlich und würdelos die öffentlichen Familien-Beharkungen auch sein mögen, sie machen diese neue Generation von Royals noch nahbarer, ihr Leben noch nachfühlbarer, als es Herzogin Kate je vermochte.

Ärger mit buckliger Verwandtschaft kennt man als Bürgerlicher und Bürgerliche zur Genüge. Dass diese menschlichen Ausfallerscheinungen nicht einfach verschwinden, nur weil man jetzt zufällig in einem Palast wohnt, ist schmerzhaft für Meghan - und tröstlich für uns.

insgesamt 36 Beiträge
tillerwald 23.02.2019
1.
Sehrsehr schön formuliert. Glückwunsch.
Sehrsehr schön formuliert. Glückwunsch.
Fräulein P. 23.02.2019
2. Hmmm...
...tja...hmmm...
...tja...hmmm...
c.moltisanti 23.02.2019
3. Der Vater hat den Brief völlig zu Recht veröffentlicht,
denn es waren MMs Freunde, die den Vater in ihrem Interview öffentlich angegriffen und dann auch noch behauptet haben, der zitierte Brief wäre "voller Liebe" gewesen, was nicht weiter als eine Lüge war, da Narzissten [...]
denn es waren MMs Freunde, die den Vater in ihrem Interview öffentlich angegriffen und dann auch noch behauptet haben, der zitierte Brief wäre "voller Liebe" gewesen, was nicht weiter als eine Lüge war, da Narzissten wie MM überhaupt nicht in der Lage sind, gegenüber anderen Personen Liebe zu empfinden. Es war also mitnichten der Vater, der die Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit getragen hat, sondern MM, denn ihre Freunde werden das Interview nicht ohne die Zustimmung und in Absprache mit der Herzogin gegeben haben, nachdem diese eine Woche zuvor öffentlich darüber geklagt hat, nicht mehr "für sich selbst sprechen zu können", seitdem sie Mitglied der königlichen Familie ist, weil das Protokoll das nicht zulässt. Und da dem Vater, anders als seiner Tochter, kein professionelles PR-Team zu Seite steht, hatte der Vater jedes Recht der Welt den auf den Angriff seiner Tochter, ihres PR-Teams und der königlichen Hofberichterstatter in den Medien auf seiner Person mit der Veröffentlichung des Briefes zu reagieren.
peter_tppp 23.02.2019
4. Trocken und treffend
Der britische "Economist", ein durchaus staatstragendes Journal, brachte es auf den Punkt: "Ms Markle's family looks almost as strange as the Windsors".
Der britische "Economist", ein durchaus staatstragendes Journal, brachte es auf den Punkt: "Ms Markle's family looks almost as strange as the Windsors".
mkdrsdn 23.02.2019
5.
Habe ich die Autorin richtig verstanden, daß die Meldungen der Klatschpresse über Verlautbarungen der Familie Markle sie jetzt das Leben der Royals erst so richtig nachvollziehen können lässt? Klasse! Wer braucht fake news [...]
Habe ich die Autorin richtig verstanden, daß die Meldungen der Klatschpresse über Verlautbarungen der Familie Markle sie jetzt das Leben der Royals erst so richtig nachvollziehen können lässt? Klasse! Wer braucht fake news oder einen Relotius, wenn man so etwas formulieren darf? "Sagen, was ist!" - oder auch in seiner post-modernen Form: "Blubbern, was irrelevant ist!"

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