Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Paul van Dyk nach schwerem Unfall

"Meine motorischen Fähigkeiten waren völlig zerschossen"

Der DJ Paul van Dyk stürzte bei einem Auftritt durch ein Loch in der Bühne und lag mehrere Tage im Koma. Im Interview spricht er über enttäuschte Erwartungen, die Hilfe seiner Frau und seinen Weg zurück ins Leben.

Paul van Dyk
Von
Samstag, 30.03.2019   11:17 Uhr

Über Paul van Dyk erzählt man sich, er habe mal das zweitgrößte Lufthansa-Meilenkonto der Welt gehabt. Ob das stimmt, lässt sich kaum prüfen, vielleicht ist es nur ein Mythos, der seinen Lifestyle besonders schön illustriert. Der Mann, der 1971 als Matthias Paul in Eisenhüttenstadt geboren wurde, ist ein international erfolgreicher DJ - und entsprechend viel unterwegs. Tokio, Los Angeles, Glasgow, van Dyk tritt auf der ganzen Welt auf. Ende Februar 2016 stand er beim "A State of Trance"-Festival in Utrecht auf der Bühne - doch diese Show hatte gravierende Folgen.

Paul van Dyk stürzte in ein mehrere Meter tiefes Loch, erlitt zwei Wirbelsäulenbrüche und schwere Hirnverletzungen. Er lag einige Tage im Koma, die Ärzte befürchteten, er werde ein Pflegefall bleiben, möglicherweise im Rollstuhl sitzen und keine Musik mehr machen können. So schildert es van Dyk in einem Buch, das er über seinen Unfall und sein Leben danach geschrieben hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch heißt "Im Leben bleiben" nicht "Am Leben bleiben" - warum?

van Dyk: Das reine "Am Leben bleiben", das haben die Geräte, Ärzte und Pfleger vollbracht. Meine Aufgabe ist es, in das Leben zurückzufinden, das ich vor dem Unfall hatte.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat es sich trotzdem geändert?

van Dyk: Ich bin nicht mehr in der Lage, das Gleiche zu leisten. Früher waren es drei oder vier Shows in der Woche, jetzt sind es eine oder zwei. Sie sind auch kürzer. Also eineinhalb bis zwei Stunden statt drei bis vier.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Einschränkungen haben Sie zu kämpfen?

van Dyk: Ich habe permanent Schmerzen. Aber man gewöhnt sich daran. Es ist schon wesentlich besser als vor einem Jahr. Ich habe leichte Sprachprobleme. Hin und wieder fallen mir Worte nicht ein. Mein Kurzzeitgedächtnis ist angeschlagen. Wenn man mehrere Verletzungen direkt am Gehirn hatte, ist es wahrscheinlicher, später einen Schlaganfall zu erleiden. Das verunsichert und beeinflusst die Lebensqualität.

SPIEGEL ONLINE: Trotz allem schreiben Sie, dass Sie jeden Tag als einen guten annehmen wollen. Wie kriegen Sie das hin?

van Dyk: Ich bin mehr als dankbar, dass ich dieses Leben weiterleben darf und dass ich halbwegs unbeschadet aus der Sache rausgekommen bin. Ich habe eine fantastische Frau und ein fantastisches Umfeld. Ich habe ein sehr glückliches Leben. Aber natürlich gibt es Tage, die nicht so gut sind, an denen ich mehr Schmerzen habe.

Paul van Dyk

Paul van Dyk im Krankenhaus: "Nur Laute"

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie aus so einem Tief heraus?

van Dyk: Es gibt zwei Ansätze. Der eine ist: Versuche es zu ignorieren. Das funktioniert bei mir nicht. Der andere ist, sich intensiv damit zu befassen. Ich bin ein Pragmatiker. Ich denke mir: Heute ist es richtig doof, aber wenigstens bin ich am Leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben beschrieben, dass Sie durch den Unfall Ihr Grundvertrauen verloren haben, sich mehr Sorgen um Menschen machen, die Sie lieben. Wie gehen Sie damit um?

van Dyk: Man kann sich in diesen Momenten nur sagen: Es wird schon gut gehen. Ich kann keine GPS-Tracker und keine Wattewolke um die Leute legen, die mir wichtig sind. Ich glaube, die Zeit relativiert dieses Problem. Wenn etwas 100 Mal gut gegangen ist, dann wird es auch beim 101. Mal gut gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Frau schon mehrfach als "Ihre Rettung" bezeichnet. Was meinen Sie damit?

van Dyk: Wenn man in einer solchen Situation ist, wenn alles permanent wehtut, dann braucht man einen verdammt guten Grund, um zu kämpfen. Insofern war die pure Tatsache, dass ich sie in meinem Leben hatte, schon Grund genug. Darüber hinaus hat sie Sachen getan, die letztendlich dazu geführt haben, dass ich wieder wusste, wer ich bin.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hat sie getan?

van Dyk: Die Ärzte hatten prognostiziert, dass ich ein Pflegefall bleiben würde. Sie hat das nicht akzeptiert und wurde kreativ. Sie hat mein Krankenzimmer dekoriert, es war wie ein BVB-Fan-Zimmer. Einer meiner Ärzte sagte später, dass das genau richtig war: In der Sekunde, in der ein Funken von Bewusstsein kam, hatte ich so die Verknüpfung zu etwas, was mir wichtig ist: meine Frau, der BVB. Natürlich hatte ich auch viel Glück.

Paul van Dyk

Paul van Dyk und seine Frau Margarita

SPIEGEL ONLINE: Warum?

van Dyk: Der Unfall war in einer Eventhalle, direkt neben einem Krankenhaus. Und Professor Biessels, ein Spezialist, war zufällig Sonntagmorgens um fünf da.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war es, sich ins Leben zurück zu kämpfen?

van Dyk: Meine motorischen Fähigkeiten waren völlig zerschossen. Ich habe versucht, einen Löffel zu meinem Mund zu führen, und alles landete im Gesicht. Essen, Laufen, all das, was wir scheinbar automatisch machen, musste ich bewusst wieder erlernen. Meine Frau hat mein Sprechen einmal wie das eines Volltrunkenen beschrieben - eigentlich waren es nur Laute.

SPIEGEL ONLINE: Nicht mal ein halbes Jahr nach Ihrem Unfall standen Sie beim EDC-Festival in Las Vegas wieder auf der Bühne. Warum war Ihnen das so wichtig?

van Dyk: Musik bedeutet mir unglaublich viel. Dieses Ziel war auch etwas, was mich zusätzlich motiviert hat. Mein Arzt hat zähneknirschend eingewilligt. Und es war ein sicheres Umfeld, ich kenne die Veranstalter schon lange. Bei dem Festival hätte jemand einspringen können. Aber es war ambitioniert, keine Frage.

SPIEGEL ONLINE: Hat es sich gelohnt?

van Dyk: Es war groß. Ich hatte alles mit Musik lange von mir weggeschoben. Weil ich Panik hatte: Was wäre, wenn ich es nicht mehr kann? Erst konzentrierte ich mich vor allem auf die Grundlagen des Lebens, also Sprechen, Laufen und so weiter. Wieder auf der Bühne zu stehen, das war der nächste große Sprung.

Insomniac Holdings LLS

Paul van Dyk in Las Vegas: "Es war groß"

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nach Ihrem Unfall Angst davor?

van Dyk: Nein. Glücklicherweise hat mein Gehirn die Erinnerungen weit weggepackt. Ich habe die Bilder des Unfalls nie gesehen. Die Mediziner sagen auch, es brächte keinen Vorteil. Dadurch habe ich keine Phobie entwickelt gegen solche Konstruktionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte es zu Ihrem Unfall kommen?

van Dyk: Mittlerweile hat ein Schiedsgericht die Schuldfrage klar geklärt. Die Bühnenkonstruktion hat den Sicherheitsstandards nicht entsprochen. Wenn auf einer Bühne ein großes Loch ist, dann kann man es nicht einfach nur überspannen und nicht kennzeichnen. Das ist ein riesengroßes Versäumnis.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen wurden mehr als zwölf Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen. Inwiefern hilft Ihnen das, mit dem Geschehenen abzuschließen?

van Dyk: Das ist zweiteilig. Bei mir hat sich nie jemand von den Veranstaltern gemeldet. Ich kann nachvollziehen, dass man in so einer rechtsunsicheren Situation vorsichtig ist. Aber wir kennen uns schon lange. Zumindest einen Anruf hätte ich erwartet. Ein "Es tut mir leid, was dir passiert ist". Das ist doch kein Schuldeingeständnis.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Paul van Dyk
Im Leben bleiben

Verlag:
Benevento
Seiten:
200
Preis:
EUR 20,00

SPIEGEL ONLINE: Und die finanzielle Seite?

van Dyk: Das hat nicht viel mit Schadensersatz zu tun. Es ist klar festgelegt worden, welche Summe für was gedacht ist: Ich kaufe mir davon keine goldenen Turnschuhe, sondern werde das Geld irgendwann für medizinische Maßnahmen ausgeben müssen. Das ist nichts, was ich mir wünsche. Ein schmerzfreier Tag wäre mir lieber.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP