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Starke Frauen

"Marilyn Monroe war ein Freak"

Marilyn Monroe gilt als Sexbombe, als naives Weibchen. Dabei sind Frauen heute weniger emanzipiert als es der Hollywood-Star war, sagt die Hamburger Designerin Anna Fuchs. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt sie, was Frauen von der blonden Diva lernen können.

Getty Images
Montag, 04.10.2010   18:26 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Der "Marilyn Look" bestimmt die Herbstmode. Taugen die Kleider eines Sexsymbols für die Masse?

Fuchs: Nein. Damals sah das toll aus, aber da waren die Frauen auch kleiner, hatten eine wahnsinnig schmale Taille und breitere Hüften als heutzutage. Marilyn Monroe war grazil und schlank. Vor allem aber hatte sie die richtige Attitüde.

SPIEGEL ONLINE: Monroe sah auch in Jeans sexy aus...

Fuchs:...letztlich waren ihre Kleider gar nicht so aufreizend, es war ihre Art, sie zu tragen. Wie sie mit ihrem Hintern hin- und herschwang! Sie hatte all das, was einen Star ausmacht. Die Kamera liebte sie und sie hatte diese großartige Selbstironie. Außerdem war sie auf ihre Art ein Freak. Wie sie in "Manche mögen's heiß" Ukulele spielt, das ist doch total weggeschossen.

SPIEGEL ONLINE: War Monroe eine starke Frau?

Fuchs: Sie hat eine irre Karriere hingelegt, auch wenn sie merkwürdige oder unterwürfige Figuren spielte. Oder gerade deswegen. Es wäre unfair, sie auf ihr Äußeres zu reduzieren und als dumm abzustempeln. Die Frauen heute sind vielleicht weniger emanzipiert, als Monroe es war. Die trauen sich doch nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Fuchs: Frauen tendieren stark zum Masochismus. Die meisten sind sehr hart gegen sich selbst. Das ging Marilyn ja auch so, aber eben in einer ganz anderen Zeit. Wir könnten wirklich weiter sein. Mir fehlen die ernstzunehmenden Frauen im öffentlichen Leben, die ihren Weg gemacht und was zu melden haben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Bundeskanzlerin Merkel oder Arbeitsministerin von der Leyen?

Fuchs: Die zählen schon, aber generell gibt es zu wenige starke Frauen in einflussreichen Positionen.

SPIEGEL ONLINE: Zeigt sich das auch in der Mode?

Fuchs: Absolut. Frauen lassen sich wieder schön im Bleistiftrock einschnüren. Das darf man ja nicht sagen, aber die studieren alle und dann bekommen sie Kinder - und das war's dann. Und das sieht man auch an den Kollektionen von Prada und in den Zara-Schaufenstern.

SPIEGEL ONLINE: Sie propagieren doch seit einem Jahrzehnt das Kleid für die moderne Frau ...

Fuchs: Ich mache Kleider für Frauen, die erkannt haben, dass es kein Makel ist, sich auch wie eine Frau anzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat ein Kleid für Vorteile?

Fuchs: Das Leben lässt sich in einem Kleid sehr gut leben. Gute Kleider können jeder Alltagssituation standhalten: Ich gehe darin mit meinem Sohn auf den Spielplatz und zum Job und abends noch ins Restaurant. Ich verstehe nicht, dass die meisten Frauen nur Jeans und Turnschuhe tragen. Diese Uniform zeigt, dass es noch ein weiter Weg ist, feminine Kleidung in ein aktives, selbstbestimmtes Leben zu integrieren. Früher waren es einengende Kleider, die Frauen hilflos erscheinen ließen - heute ist es die unisexuelle Einheitstracht, die wenig Selbstbewusstsein spüren lässt.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt der Glamour im Alltag?

Fuchs: Viele Frauen sind im Barbie-Stadium steckengeblieben. Die gucken sich "Sex and the City" und "Mad Men" an und sagen: "Oh, ist das alles wundervoll." Aber sie wagen es nicht, ein Kleid anzuziehen und wenn, dann nur, um besonders sexy zu sein. Sonst glauben sie, eine Schwäche zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Hauptdarstellerinnen aus "Mad Men", Christina Hendricks, ist vor allem für ihre üppigen Kurven und schönen Kleider bekannt. Das müsste Ihnen doch gefallen.

Fuchs: Tut es nicht, sie wird dadurch reduziert. Das ist eine totale Macho-Serie, in der sich Frauen in engen Outfits feilbieten. Daran ist das Phänomen Marilyn Monroe sicher nicht ganz unschuldig. Ihr Po-Gewackel wirkte sich auf die Mode aus, als Monroe 1962 starb, hatte die Kleidung schon sehr scharfe Züge.

SPIEGEL ONLINE: Marilyn Monroe gilt heute noch als Sexsymbol.

Fuchs: Die sexuelle Selbstbestimmtheit, die sie in ihren Filmen verkörperte, ist gut und fatal zugleich. Wenn man sie so sehen will, dann trifft Monroe genau diesen "Mad Men"-Aspekt: Frauen sind gefallsüchtig, naiv und wollen eigentlich nur flachgelegt werden. Monroe als blondes Dummchen, mit schlimmer Kindheit und perfekten Rundungen, passt da genau hinein. Aber das wäre eine extrem oberflächliche Sicht auf ihre Person.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sehen Sie sie?

Fuchs: Als eine sehr moderne Frau, nicht nur weil sie sexy war. Sie hat mit ihren Mitteln versucht, mehr aus ihrem Leben zu machen. Davon können sich die meisten modernen Frauen eine Scheibe abschneiden - aber bitte nicht modisch.

Das Interview führte Anne Backhaus

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