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Panorama

Flutkatastrophe in Mosambik

"Das Schlimmste, was ich in diesem Land gesehen habe"

Neugeborene sterben, Alte ertrinken. In den Bäumen hängen tote Tiere. Manchmal können Retter die Menschen in den Fluten nicht erreichen und müssen sie zurücklassen: Berichte aus Mosambik nach Zyklon "Idai".

AFP
Von
Donnerstag, 21.03.2019   16:37 Uhr

Erst kam der Regen nach Mosambik, sintflutartig. Zyklon "Idai" folgte, mit Windgeschwindigkeiten um 200 Kilometer pro Stunde - und neuen Wassermassen. Der Sturm ist weitergezogen, aber es regnet immer noch. So stark, dass die Pegel weiter steigen.

"Die Situation ist sehr schlimm, weil auf ein Desaster das nächste folgt", sagt Hanne Roden im Telefonat mit dem SPIEGEL. Sie lebt und arbeitet seit mehr als 30 Jahren in Mosambik. Seit August 2017 ist sie Programmdirektorin des Deutschen Roten Kreuzes in dem Land. Roden ist in der Hauptstadt Maputo, Kollegen schicken ihr Berichte und Bilder.

"Als die ersten Fotos eintrafen, konnte ich sehen, dass es sehr ernst ist. Es gibt Gegenden, in denen nicht ein einziges Haus stehen geblieben ist. Mancherorts steht das Wasser mehrere Meter hoch, Leute haben sich auf Bäume oder Dächer gerettet", sagt Roden. "Dieser Anblick in Kombination mit dem Wissen, dass die schlimmsten Fluten noch bevorstehen, dass Bäume und Dächer vielleicht nicht hoch genug sind - da hat es mich wirklich getroffen."

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Überschwemmungen in Mosambik: "Ozean im Landesinneren"

Weite Teile Mosambiks sind überflutet, es ist von einem "Ozean im Landesinneren" die Rede. Das Wasser und der Sturm, einer der schlimmsten im Süden Afrikas seit vielen Jahren, haben große Teile des Landes verwüstet, darunter die Küstenstadt Beira mit mehr als einer halben Million Einwohner. Dort sind bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört. Umgestürzte Bäume blockieren die Straßen, kein Laden oder Markt hat geöffnet.

"Dieser Zyklon hat nur Tod und Zerstörung hinterlassen", sagt Fabrizio Graglia. Der 47-Jährige lebt seit elf Jahren in Mosambik, seit fünf Jahren ist er dort Direktor der NGO Esmabama, einer Partnerorganisation der Caritas. Montagnacht - wenige Tage nach dem Sturm - flog er nach eigenen Angaben von Beira nach Maputo. "Im Fernsehen heißt es, dass bis zu zwei Millionen Menschen betroffen sind", sagt Graglia. "Das ist das Schlimmste, was ich in diesem Land gesehen habe."

In Beira etwa sei das Dach eines Krankenhauses eingestürzt, sagt Graglia. Mehr als 160 Menschen seien gestorben, darunter fünf Neugeborene. Halbwegs intakte Gebäude dienten als Zufluchtsort für Hunderte Familien, die alles verloren hätten. Überlebende erzählten laut Graglia, ganze Dörfer und alle Einwohner seien einfach verschwunden. Auf Luftaufnahmen sind Leichen zu sehen, die auf dem Wasser treiben.

In Beira selbst laufe die Hilfe schon, sagt Graglia, etwa durch die Vereinten Nationen oder das World Food Programme. Aber die Stadt sei derzeit auf dem Landweg nicht zu erreichen. Mehrere Bezirke im Land seien komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Regierung hat den Notstand ausgerufen, um mehr Hilfe zu mobilisieren. Am Mittwoch begann eine dreitägige Tage Staatstrauer, wie Präsident Filipe Nyusi erklärte. Mehr als 300 Tote sind inzwischen bestätigt, Nyusi geht von mindestens tausend Opfern aus. Das Rote Kreuz rechnet mit bis zu 400.000 zeitweise obdachlosen Menschen.

Es ist kaum vorstellbar, dass das Land die Katastrophe allein bewältigt. Mosambik gehört einem Uno-Index zufolge zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Die Vereinten Nationen haben inzwischen als Anschubfinanzierung des Hilfseinsatzes 20 Millionen Dollar freigegeben. Die Regierung Tansanias, das im Süden an Mosambik grenzt, schickte mehr als 200 Tonnen Hilfsgüter in die Region.

"Das Wasser hatte die Straße verschluckt, da war nur noch ein See mit Krokodilen"

Fabrizio Graglia berichtet, "Idai" sei so stark gewesen, dass kleinere Tiere einfach fortgeweht worden seien - jetzt hingen sie tot in Bäumen oder auf Häusern. Kaum ein Gebäude habe den Naturgewalten standgehalten. Man habe sich mit Matratzen vor umherfliegenden Gegenständen wie Glassplittern geschützt.

Wenige Tage nach dem Sturm versuchte Graglia, mit dem Auto zu einer Einrichtung seiner Organisation zu gelangen. "Nach 40 Kilometern mussten wir umkehren", sagt er. "Das Wasser hatte die Straße verschluckt, da war nur noch ein See mit Krokodilen."

Zwei Teenager hätten inmitten des Sees auf einem Baum festgesessen - ebenso wie eine Schlange. Die Jugendlichen hätten wegen der Krokodile aber nicht fliehen können. "Es war für uns unmöglich, den beiden zu helfen", sagt Graglia. Sein Fahrer habe die Leute im Dorf der Teenager informiert. Was aus den beiden geworden ist, weiß er nicht.

"Morgen werden Malaria und Cholera das Problem sein"

Schätzungen zufolge sitzen Tausende Menschen auf Dächern, Hügeln oder Bäumen fest. Es braucht Helikopter oder vor allem Boote, um sie zu retten.

Aber laut Hanne Roden gibt es nicht genügend Boote. Wegen der Ausrufung des nationalen Notstandes sei es immerhin möglich, weiteres Gerät anzufordern und im Land zu verteilen. Zusätzliche Helikopter sollen bald da sein, Frachtflugzeuge sollen Essen und Ausrüstung bringen. Fabrizio Graglia berichtet, er habe seit Tagen nur Orangen und Avocados gegessen. Trinkwasser werde rationiert. "Mittel- bis langfristig ist es ein Riesenproblem, dass große landwirtschaftliche Nutzflächen überschwemmt wurden", sagt Hanne Roden. "Die Ernte ist dahin."

Akut fehlt es indes nicht nur an Nahrung und Trinkwasser, sondern auch an Medizin, sagt Fabrizio Graglia - schon allein, um nicht ins nächste Desaster zu geraten. "Jetzt ist das Problem, dass es keine Nahrung und keine Medikamente gibt. Morgen werden Malaria und Cholera das Problem sein."

Hanne Roden teilt diese Einschätzung. "Wir müssen mit erheblichen Krankenzahlen durch verschmutztes Wasser rechnen. Die Leute sind nass, sie frieren, sie haben keinen trockenen Ort, zu dem sie gehen können", sagt sie. Umso wichtiger seien nun Wasserfilter, Decken und Zelte.

Was wird, wenn die Fluten sich zurückgezogen haben? Die Leute werden in ihre Häuser zurückkehren - oder das, was davon übrig ist. Roden sagt, es würden dringend sogenannte Shelter Kits benötigt - Pakete mit Planen, Seilen, Nägeln und anderen Dingen, aus denen sich eine provisorische Unterkunft bauen lässt. Das sei jetzt in den Auffanglagern für Betroffene wichtig, und es bleibe wichtig, wenn die Leute in ihre Heimatregionen zu ihren zerstörten Häuser zurückkehrten.

Die Lage ist verzweifelt, Fabrizio Graglia hat trotzdem nicht resigniert - dank seiner Mitarbeiter. "Die Leute geben mir Hoffnung", sagt er. "Am Sonntag habe ich mich mit einem unserer Arbeiter unterhalten. Er hat sein Haus verloren und wurde am Kopf verletzt. Trotzdem ist er zur Arbeit gekommen, weil er helfen wollte."

Teil der Wahrheit ist allerdings auch: Fabrizio Graglia hat nach eigenen Angaben 167 Mitarbeiter im Bezirk Beira. Von 120 habe er bislang nichts gehört.

Spendenkonten

Das Bündnis Entwicklung Hilft (BEH), die Aktion Deutschland Hilft (ADH) und das Rote Kreuz rufen gemeinsam zu Spenden für die Opfer in Mosambik und angrenzenden Ländern auf.

Empfänger: BEH & ADH
IBAN: DE53 200 400 600 200 400 600
Bank: Commerzbank 
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Empfänger: Deutsches Rotes Kreuz
IBAN: DE63370205000005023307
BIC: BFSWDE33XXX
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Mit Material von dpa

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