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Verfassungsschutz

Handy von V-Mann "Corelli" war seit 2012 unter Verschluss

Erst Jahre nach dem Tod des V-Manns "Corelli" hat der Verfassungsschutz ein Handy des Informanten an die Ermittler übergeben. Nun verteidigt sich die Behörde: Der Informant habe das Telefon erst nach Auffliegen des NSU genutzt.

Donnerstag, 12.05.2016   16:07 Uhr

Das bei den Ermittlungen im Zusammenhang mit dem NSU erst jetzt aufgetauchte Handy des früheren V-Mannes "Corelli" soll dieser nur von Frühjahr bis Herbst 2012 genutzt haben. Das teilte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mit. Der V-Mann habe das Handy damit "in einer sehr kurzen Phase, deutlich nach dem Aufdecken des NSU" und weit vor seinem Tod im Jahr 2014 genutzt. Das Handy sei jetzt dem Bundeskriminalamt zur "weiteren Auswertung übermittelt" worden.

Keine Angaben machte die Behörde darüber, aus welcher Zeit die auf dem Gerät gespeicherten Daten stammen. Nach SPIEGEL-Informationen sollen sich auf dem Mobiltelefon rund 200 Kontaktdaten, unter anderem von führenden Rechtsextremisten, sowie mehrere Tausend Fotos befinden. Wie das BfV mitteilte, habe "Corelli" das Telefon seinem V-Mann-Führer übergeben, als er in ein Schutzprogramm aufgenommen wurde.

Demnach lag das Handy bereits seit Herbst 2012 beim Bundesamt für Verfassungsschutz unter Verschluss.

Laut einer Pressemeldung des Bundestags wurde es dort erst im Sommer 2015 "bei einem routinemäßigen Bürowechsel" im Bundesamt für Verfassungsschutz entdeckt. Nach SPIEGEL-Informationen befand es sich in einem verschlossenen Kuvert, das über Jahre im Panzerschrank des ehemaligen Quellenführers von "Corelli" lagerte.

Warum der Quellenführer seine Vorgesetzten nicht über die Existenz des "Corelli"-Handys informierte, blieb zunächst unklar. Der Inhalt des Safes sei von BfV-Kollegen vier Mal gesichtet worden, bevor man das Mobiltelefon entdeckt und schließlich dem ehemaligen V-Mann habe zuordnen können.

Der Fund ist deshalb brisant, weil in Bezug auf "Corelli" ohnehin viele Fragen ungeklärt sind. Der V-Mann hatte die Verfassungsschutzbehörden fast 20 Jahre lang mit Informationen aus der rechtsextremen Szene beliefert. 2012 wurde er enttarnt. Das BfV stattete ihn daraufhin mit einer neuen Identität aus und brachte ihn in einer Wohnung in Paderborn unter. Dort wurde er im April 2014 tot aufgefunden. Der 39-Jährige war an den Folgen einer bis dato unerkannten Diabeteserkrankung gestorben.

Schon Jahre vor dem Auffliegen des NSU hatte er dem Verfassungsschutz eine Propaganda-DVD übergeben, auf der eine Organisation namens "NSU/NSDAP" erwähnt wird. Bis heute versuchen Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) und der Bundesanwaltschaft zu klären, ob damit womöglich die Terrorzelle NSU gemeint gewesen sein könnte. Belegt werden konnte diese Vermutung bislang nicht.

hut/srö/dpa

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